Interview
25. März 2022 5:59  Uhr

Den Strukturwandel gut gemeistert

50 Jahre nach der Gebietsreform im Freistaat sieht Landrat Thomas Ebeling seinen Landkreis Schwandorf als Paradebeispiel für eine gelungene Integration mehrerer Altlandkreise in eine schlagkräftige Verwaltungseinheit.

Thomas Ebeling | Foto: Robert Torunsky

Von Robert Torunsky

Der Landkreis Schwandorf wurde erst mit der Gebietsreform 1972 gegründet. In den 50 Jahren seines Bestehens entwickelte er sich vom bemitleideten „Armenhaus Deutschlands“ und Beinahe-Standort einer Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf zu einem prosperierenden Wirtschaftsraum im Herzen Bayerns. Für Thomas Ebeling, seit 2014 Schwandorfer Landrat, ist sein Landkreis mit seinem Mix aus Wirtschaftskraft und zahlreichen Naherholungsgebieten nahe dran am idealen Landkreis. Bei allem Stolz über die beeindruckende Entwicklung sieht Ebeling das Potenzial noch nicht ausgeschöpft.

Herr Ebeling, vor 50 Jahren hat der Freistaat Bayern mit der Gebietsreform ein Instrument erarbeitet, um mit leistungsfähigeren Verwaltungseinheiten besser für die Zukunft gewappnet zu sein. Haben sich diese Erwartungen erfüllt oder benötigen wir ein halbes Jahrhundert später die Reform der Reform?

Thomas Ebeling: Die Erwartungen haben sich auf jeden Fall erfüllt. Natürlich ist eine Verwaltung deutlich effizienter, wenn sie ein größeres Gebiet betreuen kann. Gleichzeitig ist damals das neue Gebiet nicht so groß geworden, dass man als Behörde nicht mehr wahrgenommen wird oder auch von den Menschen zu weit weg ist. Auch als Landrat hat man bei dieser Größe noch die Möglichkeit, überall im Landkreis vor Ort sein zu können. Mit Blick auf Schwandorf lässt sich bilanzieren, dass die Altlandkreise seit der Gebietsreform sehr gut zusammengewachsen sind. Speziell in den vergangenen Jahren ist ein neues Landkreisgefühl entstanden. Aber selbstverständlich ist bisweilen noch zu spüren, dass auch nach dieser langen Zeit der eine oder andere noch in Grenzen denkt.

Die vergangenen 50 Jahre waren von der Transformation vom „Armenhaus Deutschlands“ in einen der gewerbesteuerstärksten Landkreise Bayerns geprägt. Was war rückblickend das Erfolgsgeheimnis für diese Aschenputtel-Geschichte?

Wir haben einfach den Strukturwandel sehr gut bewältigt. Zum einen den Übergang von einem Braunkohleabbaugebiet auf andere Wirtschaftszweige, aber beispielsweise auch die Umwandlung der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage in den Innovationspark Wackersdorf. Aber wir haben durchaus noch Luft nach oben: Der Landkreis Schwandorf hat Entwicklungspotenzial – und das wollen wir ausschöpfen.

Wo sehen Sie diese Potenziale?

Aus der Bergbaufolgelandschaft ist eine wunderschöne, touristisch nutzbare Landschaft geworden. Im Bereich Tourismus gibt es durchaus noch deutliches Potenzial, noch mehr Urlauber anzulocken. Wir haben im Landkreis auch noch Platz für weitere Betriebsansiedelungen, da wir längst nicht so dicht bebaut sind wie Ballungsräume wie München oder auch Regensburg. Bei uns ist sehr viel möglich, speziell auch die durch Corona entstandenen Trends wie Homeoffice. Mittlerweile kann man hier eine hohe Wohn- und Freizeitqualität genießen und gleichzeitig für einen großen Konzern in einer anderen Stadt arbeiten, ohne täglich pendeln zu müssen.

Trotz der durch Mobile Office neu gewonnenen Flexibilität ist es mit Blick auf die Gewerbesteuer aber am attraktivsten, Firmen in den Landkreis Schwandorf zu locken. Welche Anstrengungen werden diesbezüglich unternommen?

Wir müssen versuchen, die entsprechenden Flächen für Betriebsansiedlungen zur Verfügung stellen zu können. Das ist nicht einfacher geworden, da der Trend zum Flächeneinsparen nun einmal da ist. Gleichzeitig besteht aber ein gewisser Druck, das hohe Niveau im Landkreis zu halten oder gar noch auszubauen. Und da gibt es in allen Regionen des Landkreises die Bestrebungen, geeignete Flächen zu finden, die im Sinne der Umwelt nachhaltig genutzt werden können, und die wirtschaftliche Entwicklung voranzutreiben. Natürlich ist das mit jedem Kilometer mehr, den ein Ort von der Autobahn entfernt liegt, schwieriger, aber es gibt mit F.EE in Neunburg vorm Wald oder Irlbacher in Schönsee ja durchaus auch Erfolgsgeschichten, die zeigen, dass eine direkte Autobahnanbindung kein Must ist.

Es ist heutzutage wichtiger denn je, über Landkreis- und Stadtgrenzen hinauszudenken.

Ein entscheidender Standortfaktor ist ja auch der Breitbandausbau. Wie kommen Sie hier voran?

Sehr gut. Die Telekom wird heuer noch den Großteil des Ausbaus im Rahmen des Bundesförderprogramms abschließen. Dieses Projekt betreut der Landkreis federführend für mehrere Kommunen im Verwaltungsgebiet. Insgesamt werden in diesem Jahr 26,6 Millionen Euro in den Glasfaserausbau investiert – das ist eine Hausnummer. Trotzdem bleibt der Ausbau eine Daueraufgabe, da wir gesehen haben, dass die von der EU gezogene Grenze von 30 MBit pro Sekunde beim Datendownload heutzutage bereits als relativ niedrig angesehen werden muss. Wir müssen daran arbeiten, jeden Haushalt im Landkreis an das Glasfasernetz anzuschließen. Die Unternehmen betrifft das doppelt: Auf der einen Seite haben wir Firmen, die große Datenmengen verarbeiten, und auf der anderen Seite die Mitarbeiter, die mehr und mehr im Homeoffice ebenfalls auf eine gute Internetversorgung angewiesen sind.

Mit welchen anderen Herausforderungen hat der Landkreis Schwandorf zu kämpfen?

Wir haben im Landkreis speziell in der letzten Zeit bewiesen, dass wir flexibel arbeiten können und Ermessensspielräume zugunsten ansiedlungswilliger Unternehmen, aber auch der Bürger ausnützen. Aber wir arbeiten in Deutschland insgesamt mit vielen Regelungen: Diese Bürokratie hindert uns häufig, agiler zu handeln. Da muss Deutschland im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit einfach besser werden.

Viele Themen betreffen ja nicht nur einen Landkreis. Herrscht Konkurrenzdenken vor, oder ist der Dialog durch die digitale Transformation einfacher und damit intensiver geworden?

Es ist heutzutage wichtiger denn je, über Landkreis- und Stadtgrenzen hinaus zu denken. Ein gutes Beispiel dafür ist die Erlebniskugel am Steinberger See. Mir wird aus allen Orten berichtet, dass jeder Gast sie besucht, egal wo er sein Quartier hat. Das hilft dem ganzen Landkreis. Auch auf politischer Ebene kann man sich wesentlich einfacher vernetzen. Bei Themen wie aktuell der Flüchtlingswelle können sich Bürgermeister, Landräte und Regierung kurzfristig austauschen.

Wie sehen die Perspektiven für die kommenden Jahre aus?

Die wirtschaftliche Bedeutung unseres Landkreises geht seit vielen Jahren nur in eine Richtung: stetig nach oben. Wir brauchen uns da auch bayernweit nicht zu verstecken. Was mich besonders freut ist der hervorragende Branchenmix aus produzierendem Gewerbe und Dienstleistungen. Vielleicht könnten wir noch etwas breiter aufgestellt sein, da die Automobilzulieferindustrie schon dominiert und man im Idealfall gerne etwas unabhängiger von Markttendenzen sein möchte. Aber insgesamt sehe ich das produzierende Gewerbe im Landkreis schon gut aufgestellt. Und mit unserer großen Stärke, der direkten Kontaktmöglichkeit für ansiedlungswillige Unternehmen in Kombination mit der angesprochenen Flexibilität der Wirtschaftsförderung, arbeiten wir daran, hinsichtlich des Branchenmixes noch heterogener zu werden.

Thomas Ebeling

Thomas Ebeling wurde 1975 in Regensburg geboren und ist seit 2014 Landrat des Landkreises Schwandorf. Bei der Stichwahl damals setzte er sich mit 51,03 Prozent der Stimmen gegen Marianne Schieder durch und wurde erster CSU-Landrat in der Geschichte des Landkreises Schwandorf. Bei der Kommunalwahl 2020 wurde Ebeling mit 69,03 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Vor seiner Politkarriere arbeitete der studierte Jurist als Rechtsanwalt und später als Richter in Viechtach sowie bei der Staatsanwaltschaft Regensburg und als Richter beim Amtsgericht Schwandorf. Ebeling ist seit 2013 stellvertretender Vorsitzender des CSU-Kreisverbands Schwandorf und gewähltes Mitglied im CSU-Parteivorstand.