Finanzen
20. April 2021 19:01  Uhr

Der Aktienboom und seine Folgen

Die Corona-Pandemie trieb in Deutschland viele Neuaktionäre an die Börse. Darunter sind auch eine Million Anleger unter 40 Jahren, die nach amerikanischem Vorbild vielfach risikoreich agieren.

In den USA haben junge Neuaktionäre mit riskanten Investments Unternehmen regelrecht gekapert. | Foto: m.mphoto – stock.adobe.com

Von Robert Torunsky

REGENSBURG/WEIDEN/FRANKFURT AM MAIN/PARKSTEIN. Ultrabilliges Notenbankgeld und ein immer einfacherer Zugang zum Kapitalmarkt haben in den USA dafür gesorgt, dass viele junge Leute die Lust am Spekulieren entdeckt haben. Im Januar stürmten mehrheitlich junge Anleger über Tradingplattformen die Börse und nahmen großen Einfluss auf Unternehmen und vor allem auch auf die Kursentwicklung. Der Aktienwert des angeschlagenen Computerspielehändlers Gamestop schnellte in kurzer Zeit von zehn auf 400 Dollar in die Höhe. Inspiriert durch das US-Vorbild gab es 2020 auch in Deutschland einen Jugendboom an der Börse. Nach Angaben des Deutschen Aktieninstituts kamen allein aus der Altersklasse der unter 40-Jährigen rund eine Million neue Aktiensparer hinzu. Fast jeder Vierte in der Bundesrepublik, der Aktien- oder Aktienfonds besitze, entstamme dieser Altersklasse, 2019 sei es nur jeder Fünfte gewesen. Die Gesamtzahl der Aktionäre von 12,4 Millionen sei zuletzt vor 20 Jahren höher gewesen.

Trader-Apps und Niedrigzinsen

Dominik Schoppe, Investmentexperte bei der Telis Finanz AG in Regensburg, sieht neben Trader-Apps die weitere Stagnation der Sparzinsen auf äußerst niedrigem Niveau als wichtigen Grund für den Zuwachs. „Viele Banken sind dazu übergegangen, auch für Privatkunden Strafzinsen einzuführen“, sagt Schoppe. „Deshalb ist eine Alternative gefragt – und diese findet sich auf dem Smartphone.“ Das bestätigt auch Matthias Herold, Direktor bei der Robert Beer Investment GmbH aus Parkstein, der neben den Apps weitere Gründe für den Boom sieht: „Null- und Negativzinsen haben das Festgeldkonto unattraktiv gemacht, dazu verlangen ja einige Banken mittlerweile Gebühren für die Geldaufbewahrung. Dadurch ist ein gewisser Druck entstanden, das Kapital zu investieren. Aufgrund der Lockdowns gab und gibt es für Privatanleger auch weniger Möglichkeiten, Geld auszugeben.“

Die Börse ist kein Spielcasino

Der Grat zwischen Ausgeben und Verlieren ist indes oft schmal. „Durch amerikanische Konsumschecks und einer Geldsintflut der Notenbanken ist einiges aus den Fugen geraten“, analysiert der Börsenexperte Robert Halver. „Viele Aktien werden hypemäßig nach oben gespült, obwohl die Geschäftsmodelle der dahinter stehenden Firmen so brüchig sind wie altes Holz im Wald.“ Die ungesunde Entwicklung des Zockens an der Börse, des vermeintlich schnellen Reichtums, mache sich leider auch in Deutschland breit. „Ich würde mich zwar gerne bei jedem Jugendlichen in Deutschland, der in Aktien investiert, mit Handschlag für das Interesse am Aktienmarkt bedanken. Aber es geht um stabile Aktien, nicht um Titel aus dem Spielcasino, deren Überleben am seidenen Faden hängt“, erklärt der Leiter Kapitalmarktanalyse der Baader Bank AG.

Auch Prof. Dr. Franz Seitz, Volkswirtschaftsdozent an der OTH Amberg-Weiden und Berater der Europäischen Zentralbank (EZB), stellt bei seinen Vorlesungen ein gesteigertes Interesse der Studierenden an Alternativen zur traditionellen Anlage auf einem Bankkonto fest. „Aber nicht nur Aktienmärkte, sondern beispielsweise auch Kryptoassets wie Bitcoin oder Ether finden dabei zunehmende Aufmerksamkeit“, berichtet Seitz. Generell sei das Interesse auch sinnvoll. „Ich bin kein Anlageberater, aber einen Teil seines Vermögens in Aktienmärkte zu investieren, macht heutzutage mehr als Sinn“, sagt Seitz. „Wer jahrelang Geld auf dem Sparbuch lässt, verschenkt nicht nur Rendite, spätestens nach der Inflation macht man Verluste“, erklärt Robert Halver. Durch regelmäßige Investitionen in Aktiensparpläne – selbst wenn diese in den Augen vieler junger Leute als banal und langweilig erscheinen – ließe sich längerfristig ein solides Vermögen aufbauen. Dies ist laut Halver, gerade auch im Sinne der Altersvorsorge, eine sehr solide Anlagestrategie.

Hoffen auf ein Umdenken

Dominik Schoppe hofft diesbezüglich auf ein Umdenken: „Bisher wurde auf die Anlageklasse Aktie oftmals verzichtet – und das, obwohl in den vergangenen Jahrzehnten gerade auf lange Sicht keine andere Anlageform höhere Rendite abwarf.“ Dies bestätigt auch Matthias Herold: „Wer etwas verdienen möchte, muss in Aktien investieren.“

Lesen Sie die Interviews mit unseren Finanzexperten in voller Länge: Hier geht’s zum Gespräch mit Prof. Dr. Franz Seitz, zum Gespräch mit Dominik Schoppe und zum Gespräch mit Matthias Herold.