Arbeitswelt
15. Juni 2022 5:57  Uhr

Der Chef muss mit gutem Beispiel vorangehen

Die besten Leute bekommt man nicht über einen autokratischen Führungsstil. Flexibilität und die richtige Work-Life-Balance werden immer wichtiger. Die Führungsebene hat dabei eine wichtige Vorbildfunktion.

Im familiengeführten Mittelstand leidet häufig gerade in der Chefetage die Work-Life-Balance. Foto: Andreas Prott – stock.adobe.com

Von Josef König

REGENSBURG. Beruf, Familie und eigenes Privatleben im Ausgleich zu halten, gilt für Arbeitnehmer als bester Schutz gegen Burn-out. Nach den Mitarbeitern rückt der mittelständische Unternehmer oder Handwerksmeister selbst in den Fokus. Der Chef muss mit einer guten Work-Life-Balance (WLB) – so Berater – vorangehen.

Die Anzahl der Arbeitsstunden von Arbeitnehmern sagt nichts über die Leistung aus, das Ergebnis zählt. Wenn der Chef seinen Mitarbeitern nichts zutraut und jede Entscheidung über seinen Schreibtisch geht, ist es nach Ansicht des Unternehmensbegleiters Stefan Wagner an der Zeit, neue Wege zu gehen. Die neue Generation im Chefsessel sei bereit. „Junge Chefs dürfen endlich raus aus alten Mustern: Mehr Rücksicht und Wertschätzung des Familienlebens von Unternehmensspitze und Arbeitnehmern“, empfiehlt der Regensburger Changemanagement-Experte.

Die Lebenspartner setzen häufig den Impuls zum Wandel

Gerade im familiengeführten Mittelstand leidet die Jobzufriedenheit in der Chefetage. Weit mehr als 85 Prozent aller Unternehmer arbeiten im Betrieb mit. Alle Prozesse, Entscheidungen und meist auch Kundenbeziehungen seien auf den Chef abgestimmt. Ohne die Nummer eins im Betrieb ginge nichts, meint er. Zu 90 Prozent kommt laut Stefan Wagner der Impuls von den Partnern, die eine Veränderung wünschen.

„Früher haben Vorstandsvorsitzende in Dekaden gedacht, heute vielfach nur mehr in Zeitspannen von ein bis drei Jahren“, fasst Wolfgang Essing, Senior Partner der Strategie- und Managementberatung Zeb aus Münster, zusammen. Der heutige CEO müsse eine Person sein, die „viel, viel schneller, viel intensiver und mit innovativen Methoden bestehende Strategien und weiterentwickelt oder auch infrage stellt“. Das gilt besonders im Wettbewerb um die besten Köpfe. „Die bekommt man nicht über einen autokratischen Führungsstil“, so Essing.

Generation Z und Millennials haben klare Ansichten

Alles eine Generationenfrage: Die Millennials, also die Geburtenjahrgänge 1981 bis 1996, und die Generation Z, geboren zwischen 1997 und 2012, haben laut der Umfrage „Workmonitor 2022“ der Personalvermittlung Randstad klare Ansichten. Sie wollen Flexibilität und eigenes Wohlergehen. Beide wollen mit ihrem Job zufrieden sein und gleichzeitig das Leben genießen. Etwa 56 Prozent der Generation Z und 55 Prozent der Millennials würden ihren Job kündigen, wenn die Stelle sie hindere, das Leben zu genießen.

„Die gesunde Balance in den Familien und Unternehmen wiederherzustellen und der Spaß an der Veränderung“, beschreibt Stefan Wagner seine Motivation. Er selbst arbeitete im Direkt- und Distributionsvertrieb im Mittelstand und bei Großunternehmen. Seine Perspektive auf die Arbeitswelt änderte sich mit dem eigenen Nachwuchs. Er ging, als sein Sohn sieben Monate alt war, in eine halbjährige Elternzeit – in seiner Umgebung ein sehr ungewöhnlicher Schritt. Sein Unternehmen stand einem solchen Lebensplan noch recht positiv gegenüber – bis es zur Umsetzung ging. Schließlich nahm sich Wagner selbst einen Coach und machte sich selbstständig.

Schwierig wird es laut Wagner für mittelständische Familienunternehmen auch dann, wenn der Nachfolger offiziell das Ruder übernommen hat, aber keine offizielle Übergabe durchgeführt wurde. „Die Mitarbeiter sind verunsichert, an wen sie sich mit ihren Anliegen wenden sollen und wer das Sagen hat.“ Durch diese Orientierungslosigkeit entstehe zuerst Chaos und irgendwann Stagnation, was Auswirkungen auf die Mitarbeiterzufriedenheit und -bindung habe. Der Nachfolger gerate so unter hohen Druck, weil er sich gegenüber dem Senior beweisen möchte. „Konflikte sind hier vorprogrammiert“, weiß Wagner.

Aufsichtsgremien müssen Basis für den Wandel schaffen

Wenn junge Chefs aufgeschlossen für Veränderungen sind, braucht es auch diejenigen, welche die Kriterien für die CEO-Auswahl festlegen: die Aufsichtsräte. „Bei einem traditionellen Aufsichtsgremium haben es junge, ambitionierte CEOs relativ schwer.“ Der Mut und die Bereitschaft, junge und eher auf Veränderung eingestellte CEOs zu ernennen, nehme aber inzwischen deutlich zu, weiß Zeb-Partner Wolfgang Essing.

Stefan Wagner begleitet die Unternehmer so weit, dass sie wieder den Blick frei haben und „selbst am Unternehmen“ arbeiten können. „Erst mit dem bewussten Wunsch nach Veränderung kann der Unternehmer einen bestimmten Wachstumskurs einschlagen, eine Nachfolgeregelung aus der Familie oder eine externe Managementlösung eingehen.