Gründerpreis
19. Juli 2021 6:03  Uhr

Der digitale Kassenbon ist in Regensburg angekommen

Beim Bücherwurm bekommt man seinen Kaufbeleg auf Wunsch direkt aufs Smartphone geschickt. Der Technologieanbieter dahinter, das Regensburger Start-up Techreach, nimmt jetzt ganz Deutschland ins Visier.

Bequem, umweltfreundlich und datensparsam: Im Bücherwurm in Regensburg hilft die Anybill-App, nicht nur den Einsatz von Thermopapier für Kassenbons zu reduzieren, sondern auch die lästige Zettelwirtschaft im Kundengeldbeutel. | Foto: Anybill

Von Jonas Raab

REGENSBURG. Der Aufschrei, den die Kassenbonpflicht im Januar 2020 ausgelöst hat, ist verhallt. Übrig geblieben ist die Papierflut – und ein Regensburger Start-up, das dagegen ankämpft: Techreach. 2019 entwickelte ein dreiköpfiges Gründerteam die Anybill-App, mit der sich Belege per QR-Code an der Kasse scannen und auf dem Smartphone verwalten lassen. Im Mai 2020 nahm das Trio dafür den Gründerpreis der Wirtschaftszeitung entgegen. Seit April bietet die Bücherwurm-Kette die digitalen Kassenbons von Anybill an. Jetzt will das Start-up das Tempo weiter anziehen, um die Beleglawine langsam abebben lassen.

„Jetzt gehen wir live“, sagt Lea Frank, Mitbegründerin und Geschäftsführerin von Techreach. Nach dem monatelangen Auf- und Ausbau der technischen Infrastruktur und des Kassenanbieter-Netzwerks ging das Start-up im Frühjahr in die Aktivierungsphase über. In den kommenden Monaten soll viel passieren – in Regensburg, vor allem aber in der Region Köln/Bonn. „Dort rollen wir zusammen mit einer großen Bank gerade den Belegerhalt mit der Girokarte aus. Zum Juli gehen 50 Händler live“, erklärt Frank. Daneben sollen deutschlandweit Aktivierungen bei großen Händlern folgen, allerdings nicht unter dem Label Anybill. Hier tritt das Start-up als White-Label-Anbieter auf, liefert also anderen Anbietern die Software für ihre Dienste.

So funktioniert der digitale Kassenbon

Ist wie in den Bücherwurm-Filialen an der Kasse ein Kundendisplay vorhanden, kann der Bon in Form eines QR-Codes ausgestellt und dem Verbraucher anonym zum Scan angeboten werden. Das funktioniert entweder über die herkömmliche Smartphone-Kamera oder direkt in der App. Hat der Kunde Anybill schon auf dem Smartphone installiert, lässt sich der QR-Code in der App auch am Scanner der Kasse in einen digitalen Beleg umwandeln.

Aber wird das Angebot tatsächlich angenommen? „Man muss die Kunden natürlich darauf ansprechen. Gerade junge Menschen sind positiv gestimmt“, sagt Johanna Röhrl, Geschäftsführerin beim Bücherwurm. „Die laden sich das Ding gleich runter. Wir hatten tatsächlich auch schon den einen oder anderen, der die App verwendet und seinen Bon von sich aus digital haben wollte.“ Lea Frank spricht von bis zu 60 Prozent der Kunden, die den Beleg online mitnehmen. „Total happy“ seien sie und der Bücherwurm damit.

Nachhaltiger, praktischer und billiger

„Ich finde das super“, sagt auch Röhrl. Vor allem der Nachhaltigkeitseffekt – Reduktion von schadstoffbelastetem Thermopapier – war für sie ausschlaggebend, den digitalen Bon ins Kassensystem zu integrieren. Daneben freue sie sich, ihren Kunden einen praktischen Service anbieten zu können und rechnet schon bald mit einer kleinen Kostenersparnis. „Momentan laufen Ausgaben und Einsparung auf null raus. Aber wenn das stärker anläuft, müssen wir definitiv weniger Kassenpapier einkaufen.“ Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag stellte die digitale Belegausgabe im Bücherwurm kürzlich als Best-Practice-Beispiel für Digitalisierung und Nachhaltigkeit im Einzelhandel vor.

Den digitalen Bon kann jeder anbieten, der eine elektronische Kasse besitzt. Die sind seit der Belegausgabepflicht und der Kassensicherungsverordnung ohnehin Standard im deutschen Einzelhandel. Laut Frank nutzen mehr als 95 Prozent aller Geschäfte elektronische Kassen. „Durch die gesetzlichen Forderungen kommt man daran eigentlich nicht mehr vorbei, selbst auf Wochenmärkten“, sagt Frank.

Wachstum dank Kooperationen

Aus dem dreiköpfigen Start-up ist mittlerweile ein Technologieanbieter mit 19 Mitarbeitern geworden. Bis Ende des Jahres will Frank die 50er-Marke knacken. Ein für diese rasante Entwicklung wichtiger Schritt war die strategische Neuausrichtung des Start-ups: Das eigentliche Gründerprodukt, die Anybill-App, bietet Frank heute vor allem kleineren Händlern als Digitallösung an. Das weitaus größere Potenzial für ihr Start-up sieht sie in der Integration der Kassenbon-Technologie bei anderen, größeren Softwareanbietern, also in Banking- und den Payment-Apps großer Einzelhandelsketten. „Wir kümmern uns in erster Linie darum, die Infrastruktur im Hintergrund bereitzustellen und die entsprechenden Module für Drittanwendungen zu liefern“, erklärt die Gründerin. Der digitale Bon aus Regensburg wird also bald in bekannten Kundenkarten- und Wallet-Apps verfügbar sein.

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