Interview
4. Juni 2021 6:00  Uhr

Der Digitalisierung Raum zur Entfaltung geben

Johann Faltermeier, Senior Consultant bei der ibi research an der Universität Regensburg GmbH, sieht Corona als einen „Brandbeschleuniger“, wenn es um die Digitalisierung des Handels geht. Er warnt: KMU könnten ins Hintertreffen geraten.

Johann Faltermeier ist Senior Consultant bei der ibi research an der Universität Regensburg GmbH. | Foto: Studioline

Von Gerd Otto

Herr Faltermeier, gerade der Mittelstand steht vor vielfältigen Herausforderungen. Worin sehen Sie – auch schon vor und ohne Corona – diese vor allem?

Johann Faltermeier: Im Wesentlichen lassen sich drei Arten von Herausforderungen identifizieren. Technologiegetriebene sowie markt- und kundenseitige Herausforderungen begleiten den Mittelstand bereits seit einigen Jahren. Technologien mit ihrer ganzen Bandbreite, von KI über das Internet der Dinge bis zum 3-D-Druckverfahren, bieten große Chancen, sind aber zugleich auch eine wesentliche Herausforderung für den Mittelstand. Vor allem kleine und mittlere Unternehmen geraten hier schnell ins Hintertreffen und haben Schwierigkeiten, mit den sich verändernden Marktverhältnissen Schritt zu halten. Zudem strömen immer neue Wettbewerber in die Märkte, Start-ups attackieren mit disruptiven Lösungen etablierte mittelständische Unternehmen und die Internationalisierung erweitert den Kreis der Mitbewerber zunehmend. Eine der größten Herausforderungen, aber auch Chancen war und ist aber sicherlich der Kunde selbst. Im Handel können wir ein sich stetig veränderndes Kaufverhalten beobachten, ganze Käufergruppen verändern sich. Wer früher noch als traditioneller Handelskäufer zählte, der ausschließlich im stationären Ladengeschäft einkauft, öffnet sich heute – auch getrieben durch Corona – immer mehr dem E-Commerce. Corona dient hier lediglich als „Brandbeschleuniger“ und zeigt auf schmerzliche Weise analogen Unternehmen auf, dass Digitalisierung nicht mehr nur eine Chance, sondern vielmehr eine Notwendigkeit ist.

Gleichzeitig ergeben sich vor dem Hintergrund des demografischen Wandels, der Energiewende, vor allem aber auch der Digitalisierung durchaus Chancen. Wo und wie sollte man ansetzen?

Hier kann eine Veränderung des Mindsets bereits sehr hilfreich sein. Veränderungen als wichtigen Prozess der Weiterentwicklung zu verstehen und dem Thema Digitalisierung den nötigen Raum zur Entfaltung zu geben, ist ein wichtiger Schritt. Wird die Notwendigkeit der Digitalisierung erkannt, setzt dies auch den notwendigen Wandel in Unternehmen frei. Um dies mit Zahlen zu untermauern: In unserer letzten DIHK-ibi-Handelsstudie 2020 stellten wir fest, dass noch immer 49 Prozent der Händler ausschließlich im Ladengeschäft verkauften. 14 Prozent der Befragten Unternehmen konnten dem reinen Onlinehandel zugeordnet werden, aber noch wichtiger, 37 Prozent agierten bereits als Multikanalhändler. Das bedeutet, dass diese Händler neben dem stationären Ladengeschäft auf mindestens einen Onlinevertriebskanal – einen Onlineshop oder Marktplatz – zurückgreifen. Wir erkennen hierbei, dass sich diese 37 Prozent der Digitalisierung in ihrer Branche öffnen und Onlinevertriebskanäle, aber auch Technologien am Point of Sale nutzen. Der Anteil der Multikanalhändler stieg im Vergleich zu den Vorjahren an, was uns zeigt, dass hier durchaus eine Veränderung des Mindsets stattfand. Eine Integration von Onlinevertriebskanälen in das eigene Geschäftsmodell ist dann der letzte notwendige Schritt. Sobald Digitalisierung als existenzieller Bestandteil der Unternehmensstrategie – bestenfalls als eigenständige Digitalisierungsstrategie – verstanden wird, sind die Möglichkeiten vielfältig. Klare Handlungsoptionen im Einzel- und Großhandel hin zu Marktplätzen, Plattformen und einem eigenen Onlineshop sowie Social Commerce als ergänzenden Vertriebskanal tragen zum Wachstum in Handelsunternehmen bei. Deshalb verwundert es auch nicht, dass sich eben diese Unternehmen auch in der Krise erfolgreich behaupten und neue Marktanteile gewinnen.

Wo erwarten Sie auf dem Gebiet der Unternehmensgründungen die größte Dynamik?

Dynamische Entwicklungen können sich natürlich positiv wie negativ abzeichnen. Einschlägige Studien zeigen, dass beispielsweise im Bereich der Gastronomie 60 Prozent der neu gegründeten Unternehmen bereits in den ersten Jahren nach der Gründung scheitern. Bei den derzeitigen pandemischen Entwicklungen verstärkt sich sicherlich dieser Trend. Die Gründungen in diesem Umfeld werden wohl zunächst rückläufig sein und bleiben. Dies kann sich in einer Post-Corona-Zeit dann aber wieder umkehren, da natürlich die Sehnsucht nach sozialer Interaktion und dem Erlebnis Gastronomie stark ausgeprägt ist. Neuartige und innovative Konzepte erhalten dann die Chance, schnell in das Bewusstsein der Konsumenten vorzudringen. Eine ähnliche Entwicklung erwarte ich auch im stationären Handel: Der ist zwar durch Corona derzeit stark eingeschränkt, aber auch hier werden innovative Konzepte punkten, die sich auf den Erlebniseinkauf fokussieren. Start-ups, die aus der Krise entstanden sind, beispielsweise Produzenten individueller Schutzmasken, und ein schnelles Wachstum durchleben, werden sicherlich einen schnellen Ausbau des Produktportfolios anstreben müssen, denn hier wird auf kurz oder lang die Existenzgrundlage verschwinden. Entsprechend lässt sich hierbei auch eine sehr große Dynamik bei den Gründungen und Schließungen erwarten.

Welche Rolle spielt im Mittelstand das Thema Nachfolge?

Die Nachfolge betrifft letztlich jeden Akteur im Mittelstand, ob im Rahmen einer geplanten Übergabe des eigenen Unternehmens, eines externen Unternehmens oder auch bei einer unerwarteten Nachfolge. Wer frühzeitig die Nachfolge plant, hat im Fall der Fälle die Nase vorn. Aber auch für Gründungsinteressierte kann die Nachfolge im Mittelstand ganz neue Wege eröffnen, da etablierte Unternehmen auch bestehende Strukturen und in der Regel funktionierende interne und externe Prozesse garantieren. Entscheidet sich ein Gründungsinteressierter für die Nachfolge eines Unternehmens, ist es häufig möglich, schnell in die strategische Arbeit einzusteigen und das Wachstum sowie die Optimierung des Betriebs anzugehen. Fakt ist: Egal ob klassische Nachfolge in Familienunternehmen oder Nachfolge durch externe Interessenten, das wichtigste Ziel ist es, neben der wirtschaftlichen Arbeit und dem Tagesgeschäft das Überleben des Unternehmens zu sichern. Deshalb empfehle ich auch allen Betrieben und Unternehmen, die Nachfolgeplanung als einen integralen Bestandteil der strategischen Unternehmensplanung zu verstehen. Unternehmensnachfolge ist aber auch ein dynamischer Prozess, der an die sich verändernden Umstände im Unternehmen angepasst werden sollte. Letztlich zählt aber auch die Bereitschaft zur Nachfolge, egal ob diese intern oder extern angestrebt wird. Der Austausch mit potenziellen Nachfolgern sollte immer auch in den Köpfen der Unternehmer und Unternehmerinnen angestrebt werden. Informationen zum Übergabeprozess sowie zu einschlägigen Unternehmerbörsen stellen die Industrie- und Handelskammern zur Verfügung.

Was verstehen Sie unter dem Slogan „Mittelstand Digital“, insbesondere mit Blick auf das Kompetenzzentrum Handel, in dem Sie als ibi research in einer bundesweiten Partnerschaft aktiv sind?

Mittelstand Digital ist ein Angebot des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie mit dem Ziel, Digitalisierung in den unterschiedlichsten Bereichen unserer Gesellschaft zu fördern. Es gibt bundesweit insgesamt 26 Kompetenzzentren, die den Mittelstand neutral und kostenlos über die Chancen, aber auch die Herausforderungen der Digitalisierung informieren und konkret aufzeigen, wie Digitalisierung in KMU gelingen kann. Das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Handel, das es seit dem 1. Juli 2019 gibt, ist ein themenspezifisches Kompetenzzentrum, das bundesweit vertreten ist und zu allen Themen rund um den Onlinehandel informiert. Wir sind ein Zusammenschluss aus vier Partnern, dem Handelsverband Deutschland, dem IFH und EHI in Köln sowie dem Beratungs- und Forschungsinstitut ibi research in Regensburg. Mit dem Kompetenzzentrum Handel haben Einzel- und Großhändler einen unabhängigen Ansprechpartner zu den verschiedensten Themen im Onlinehandel, ob zum Aufbau eines Onlineshops, zum Vertrieb über Marktplätze, Plattformen und Soziale Medien oder zu Themen, die den Zahlungsverkehr betreffen. Das breite Angebot ist kostenfrei und umfasst Vorträge und Großveranstaltungen, derzeit mit einem Fokus auf Onlineseminare und Onlineworkshops zu den unterschiedlichsten Themen, Best-Practice-Beispiele, Leitfäden, Checklisten und Infoblätter. Es gibt einen eigenen Podcast-Kanal zu ausgewählten Themen und außerdem Unternehmenssprechstunden, in denen individuell Themen zur Digitalisierung mit Experten des Netzwerks besprochen werden können. Zudem werden Digitalisierungsprojekte im Handel begleitet und konkrete Umsetzungsbeispiele aufgezeigt. Ein weiteres Highlight ist das DigitalMobil Handel, das konkrete Lösungen, zum Beispiel Kassen und Anreizsysteme, anschaulich und direkt zu den Händlern bringt – normalerweise ganz analog auf vier Rädern und, in Zeiten von Corona, auch digital.

Informationen zu allen Angeboten des Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrums Handel gibt es auf kompetenzzentrumhandel.de sowie in den sozialen Medien. Weiterführende Informationen speziell zum Thema Unternehmensnachfolge im Handel finden sich unter diesem Link: https://kompetenzzentrumhandel.de/unternehmensnachfolge/

Johann Faltermeier

Johann Faltermeier ist Senior Consultant bei der ibi research an der Universität Regensburg GmbH. Das Institut forscht zum Thema Digitalisierung der Finanzdienstleistungen und des Handels. Es berät Kunden aus der Privatwirtschaft und dem öffentlichen Sektor. Die Forschungs- und Beratungsschwerpunkte von Johann Faltermeier liegen in den Bereichen E-Commerce und Digitaler Handel, Entre- und Intrapreneurship, vor allem Geschäftsmodellinnovation und Kreativität, sowie strategisches Management. Zu diesen Themen forscht und veröffentlicht er Monografien und Fachartikel und lehrt an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg. Derzeit schließt Johann Faltermeier seine Promotion an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Regensburg zum Thema Unternehmerpersönlichkeit ab.