Markt
30. August 2021 6:09  Uhr

Der Druck auf die Autohändler steigt

Weniger Reparaturen, dafür höhere Anforderungen an Werkstätten und Hersteller, die selbst digital Autos verkaufen: Der Strukturwandel im Autohandel ist auch in Ostbayern in vollem Gange.

Auslesen statt schrauben: Schon heute hat das Berufsbild des Automechanikers mit dem vor 30 Jahren nicht mehr viel gemein. Hält der Elektroauto-Boom an, dürfte sich diese Entwicklung noch beschleunigen. | Foto: Gorodenkoff Productions OU

Von Robert Torunsky

BERLIN/REGENSBURG/OBERTRAUBLING. „Corona hat den Automarkt kräftig durcheinandergewirbelt.“ Das Anfangsstatement eines Tagesschau-Beitrags aus dem Januar 2021 hat nicht nur den Nagel auf den Kopf getroffen, sondern vor allem auch knapp sieben Monate später Gültigkeit. Die Angst vor Ansteckung in öffentlichen Verkehrsmitteln hatte 2020 zeitweise für einen regelrechten Boom auf dem Gebrauchtwagenmarkt gesorgt. Laut Zahlen des Kraftfahrt-Bundesamtes hat es im Juli 2020 demnach knapp 750.000 Pkw-Besitzumschreibungen gegeben – der Rekordwert für einen Monat in der Geschichte der Bundesrepublik. Im Vorjahresmonat waren es knapp 100.000 weniger.

Dass es letztlich nicht zum Gebrauchtwagen-Rekordjahr gereicht hat, führen Experten auf den Lockdown zum Jahresende zurück. So wechselten 2020 letztendlich rund sieben Millionen Gebrauchtfahrzeuge den Besitzer, was etwa dem Vorjahreswert entspricht. Die Lockdowns, aber auch die durch Kurzarbeit und Jobverluste entstandenen Unsicherheiten und Zukunftsängste sowie mitunter sehr lange Lieferzeiten setzten dem Neuwagengeschäft massiv zu. Nur 2,9 Millionen Neuwagen wurden 2020 in Deutschland verkauft – ein Minus von 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Dabei hat der Dezember, der letzte Monat mit dem reduzierten Mehrwertsteuersatz von 16 Prozent, die maue Bilanz noch aufgehübscht. 311.394 Neuzulassungen bedeuteten 10 Prozent mehr Pkw-Verkäufe als noch im Dezember 2019.

Boom bei E-Fahrzeugen

Auch der deutlich gestiegene Absatz der Elektrofahrzeuge verhinderte noch Schlimmeres: Im Jahr 2020 wurden rund 194.200 Pkw mit reinem Elektroantrieb neu zugelassen und damit so viele wie nie zuvor. Laut dem Bundesministerium für Wirtschaft und Energie erfuhr mit der Einführung der Innovationsprämie am 8. Juli 2020 der Umweltbonus zur Förderung der Elektromobilität einen starken Schub. Die Antragszahlen liegen weiter auf Rekordniveau. So wurden im ersten Halbjahr 2021 bereits mehr Prämien in Anspruch genommen als im ganzen letzten Jahr: insgesamt 1,25 Milliarden Euro. „Es wird in diesem Jahr eine Rekordförderung für Elektroautos geben“, sagt Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Von Januar bis Juni 2021 wurden insgesamt 148.716 Elektroautos neu zugelassen, das entspricht bei rund 1,39 Millionen Neuzulassungen in Deutschland einem Anteil von über 10 Prozent. Im Juni waren es 380 Prozent Wachstumsrate gegenüber dem Vorjahresmonat.

Die Koalition hat bereits beschlossen, die Förderung bis Ende 2025 fortzusetzen. Dies setzt die Hersteller unter Druck, E-Mobile ins Portfolio aufzunehmen beziehungsweise aufgrund der stärker werdenden Konkurrenz die existierenden Modelle aufzuwerten. Die Politik muss die Infrastruktur zügig ausbauen, damit der Trend nicht durch einen Mangel an Ladepunkten ausgebremst wird.

Geschäftsaufgabe als Folge

Am stärksten unter Strom stehen jedoch die Autohändler. Die Anforderungen der Hersteller wachsen stetig, dazu drängen sie als Onlinedirektanbieter selbst immer stärker in den Markt. Weniger Wartungen und Verschleißteile bei Elektrofahrzeugen, dafür ein erhöhter Schulungsbedarf beim Personal bedeuten gleichzeitig geringere Einnahmen und wachsende Kosten für Fortbildungen.

Diese und weitere Gründe bewegten auch das Obertraublinger Autohaus Dressler, das allein 3.500 Ford-Kunden betreute, Ende August den Betrieb einzustellen. Für Firmengründer Arno Dressler, der 51 Jahre in der Branche tätig ist, ein „sehr schwieriger, aber konsequenter Schritt“. Der 66-Jährige gibt die Zukunftsperspektiven als Hauptgrund an. „Für mich hat sich die Frage gestellt, wie sich der Markt in den nächsten fünf Jahren entwickeln wird. Die Hersteller kündigen Verträge, sie möchten selbst digital Autos verkaufen und die Margen werden immer geringer – zumindest für kleinere Händler.“ Sein Mehrmarkenautohaus, das er erst 2015 für rund sieben Millionen Euro erweitert hatte, hätte zwar in Regensburg eine gewisse Größe gehabt, bayernweit gesehen sei man aber ein kleinerer Händler. „Ich habe die Marktentwicklung nun die vergangenen drei Jahre beobachtet und bin zu der Erkenntnis gekommen, dass wir in unserer Größenordnung keine Chance haben werden. In fünf Jahren wären wir vielleicht gezwungen gewesen, den Betrieb aufzugeben.“ Dies war keine Option für Dressler. „Mein Unternehmerherz hat immer so geschlagen, dass ich nach dem Motto ,Ich reagiere nicht, ich agiere‘ gehandelt habe.“

Seit Anfang August verkauft nun auf dem Dressler-Gelände Elektroauto-Pionier Tesla offiziell Autos in Obertraubling. „Als sich die Möglichkeit mit Tesla ergeben hat und Verhandlungen aufgenommen wurden, ist der Entschluss gereift, aufzuhören. Auch vor dem Hintergrund, dass viele meiner langjährigen Mitarbeiter über 50 Jahre alt sind und in fünf Jahren deutlich schwieriger zu vermitteln gewesen wären“, erklärt Dressler. Tesla habe einige übernommen, die Ford-Mitarbeiter haben beim Regensburger Autohaus Dünnes & Sohn eine neue Anstellung gefunden. Das Familienunternehmen mit 66-jähriger Tradition übernimmt auch den Ford-Kundenstamm des ehemaligen Wettbewerbers. Für die Marken Renault und Dacia gibt es laut Dressler ebenfalls eine Lösung mit einem großen Händlerbetrieb, die die Mitarbeiter mit einschließt.

Expansionsstrategie als Ausweg

Das Autohaus Dünnes ist auf Expansionskurs. 2020 wurden mit Alfa Romeo, Jeep, Fiat, Abarth und Fiat Nutzfahrzeuge fünf Marken ins Programm genommen. „Wir haben gezielt Marktchancen gesucht, gleichzeitig möchten wir auch den Bestand absichern“, erläutert Geschäftsführer Dr. Alexander Dünnes. Aktuell arbeitet Dünnes an der Fertigstellung des neuen Autohauses für Jaguar Land Rover. Eine weitere neu erworbene Immobilie wird die Heimat für Fiat, Jeep und Alfa Romeo.

Auch das Stern-Center Regensburg setzt an seinen Standorten auf Wachstum und Modernisierung. „Wir richten unsere Geschäftsfelder für die zukünftigen Herausforderungen neu aus“, erklärt Jörg Schlegel die Strategie. „Im ersten Bauabschnitt wurde in der Benzstraße 23 unsere neue hochmoderne Nutzfahrzeugwerkstatt für Transporter, Lkw und Busse errichtet. Momentan bauen wir eines der modernsten Mercedes-Benz-Pkw-Verkaufshäuser.“ Dessen Fertigstellung sei für Frühjahr 2022 geplant. In der Folge werde das Grundstück neu gestaltet und Ende 2022 auch der bislang in der Adolf-Schmetzer-Straße beheimatete Gebrauchtwagenstandort in der Benzstraße 2-4 integriert.

Sowohl bei Dünnes als auch beim Stern-Center zahlen die Investitionen auf den Trend ein, dass die Hersteller Wert auf weniger Ansprechpartner auf Händlerseite legen, die dafür aber eine größere Struktur aufweisen. „Die Anforderungen von Herstellerseite werden immer höher. Wenn man sich dafür entscheidet, wird es auskömmlich sein, aber für die Händler, die sich den Entwicklungen verschließen, wird es definitiv schwierig“, blickt Dr. Alexander Dünnes voraus.

Interview

Konzentrationsprozesse auf Händlerseite nehmen zu

Hans Lawitzke, Europäischer Ford-Betriebsrat, rechnet damit, dass die technologischen Anforderungen an Werkstätten und Händler immer höher werden. Kleinere Händler könnten hier leicht ins Hintertreffen geraten.

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Interview

Der Anteil des Onlinevertriebs wird weiter steigen

Jörg Schlegel, Geschäftsführer der Stern-Center Regensburg GmbH & Co. KG, setzt auf Expansion, um den gestiegenen Anforderungen an die Autohändler zu begegnen.

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Interview

Es werden noch genügend Autos verkauft

Dr. Alexander Dünnes (li.), Geschäftsführer von Autohaus Dünnes in Regensburg, spricht im Interview über die neuen Bedingungen für den Autohandel in Zeiten zunehmender Elektrifizierung und Digitalisierung.

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