Interview
6. März 2022 15:10  Uhr

Der Markt schafft die Berufe der Zukunft

Dr. Florian Lehmer ist Arbeitsmarktforscher am Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung in Nürnberg (IAB) und Ansprechpartner für das Kompetenzfeld „Arbeitsmarkt im Strukturwandel”. Er plädiert für den Arbeitsmarkt der Zukunft für eine Balance aus agiler Kreativität und zertifizierter Qualitätssicherung.

Florian Lehmer | Foto: IAB

Von Rebecca Sollfrank

Herr Dr. Lehmer, wie genau entstehen heute neue zukunftsträchtige Berufsbilder?

Dr. Florian Lehmer: Am Beispiel des Data Scientists oder Data Architects sieht man sehr schön in unserem eigenen Haus, wie neue Berufsbilder aus der digitalen Transformation heraus entstehen. Als Data Scientists sind einige Kollegen schon aus der Forschung in die Privatwirtschaft gewechselt, als dieser Beruf noch nicht wirklich offiziell skizziert war. Es gab einfach in der Wirtschaft einen wachsenden Bedarf an Menschen, die professionell mit großen Datenmengen umgehen können. Und das ist seit Jahren ein Bereich mit enormem Wachstumspotenzial. Inzwischen ist der Data Architect ganz klar auf dem Arbeitsmarkt klassifiziert. Ein großer Teil des Wandels bei Berufsbildern entsteht aber immer noch im Berufsalltag selbst, weil sich durch neue technologische und ökologische Herausforderungen die Aufgaben wandeln.

Besteht die Gefahr, dass bei diesem Wandel Mitarbeitende, die zum Beispiel keine digitalen Kompetenzen mitbringen, durch das Beschäftigungsraster fallen?

Sicherlich wird berufliches Wissen nicht nur immer komplexer und hat eine kürzere Halbwertszeit. Die Digitalisierung schafft in allen Jobs auch nützliche Tools, die es leichter machen, mit komplexen Inhalten umzugehen. Mehr denn je zählt in der Berufswelt der Zukunft die Bereitschaft für lebenslanges Lernen und die Flexibilität, sich immer wieder neu zu orientieren, wenn es der Arbeitsmarkt erfordert. Wenn wir die Motivation dafür effektiv fördern, erwarte ich nicht, dass wesentliche Bevölkerungsteile für den Arbeitsmarkt unvermittelbar werden. Ich denke, in vielen Berufen werden noch über längere Zeit hinaus Bereiche erhalten bleiben, die nicht zu 100 Prozent automatisiert werden können. Schon aus Kostengründen werden unsere Häuser in absehbarer Zeit eher nicht ausschließlich von Robotern aufgebaut.

Schon aus Kostengründen werden unsere Häuser in absehbarer Zeit eher nicht ausschließlich von Robotern aufgebaut.

Trotzdem birgt die digitale Transformation sogenannte Substituierbarkeitsrisiken, das heißt, immer mehr Tätigkeiten werden künftig auch über das Beispiel Baustelle hinaus selbst im Büroalltag durch lernende Maschinen ersetzt werden …

Wir sehen in den letzten Jahren, dass Berufe mit hohem Substituierbarkeitspotenzial tatsächlich ein niedrigeres Beschäftigungswachstum aufweisen. Es gibt hier sogar teils einen Netto-Rückgang. Daneben sieht man, dass Berufsfelder, in denen viele ältere Arbeitnehmende zu finden sind, quantitativ ebenfalls zurückgehen. Gleichzeitig sieht man bei Berufen, die einen gewissen Klimaschutzcharakter haben – nehmen Sie etwa die Energieberatung – ein spürbares Wachstum. Auf reiner Zahlenebene sehen wir hier also einen gewissen Ausgleich. Auf der persönlichen Ebene des Einzelnen muss man aber feststellen, dass nicht jeder, der nach 20 Jahren in einer Fertigung durch zunehmende Automatisierung seinen Job verliert, ohne weiteres zum Umweltmanager werden kann. Wir werden in den kommenden Jahren genau schauen müssen, welche Kompetenzen diese Betroffenen haben und wie man sie zielgerichtet entwickeln kann, damit sie in der Arbeitswelt der Zukunft ihren Platz finden. Hier gibt es in den Arbeitsagenturen bereits konkrete Programme, die allerdings auch angenommen werden müssen.

Die Berufsordnung hat einen klar bürokratischen Charakter. Entspricht das berufliche Regulierungssystem noch der sich immer schneller wandelnden Berufswelt?

Tatsache ist, dass sich der Wandel in den Berufsbildern vor allem durch die digitale, aber auch durch die ökologische Transformation deutlich beschleunigt hat in den letzten Jahren. Als ich vor etwa zehn Jahren anfing, mich intensiver mit dem Arbeitsmarkt 4.0 zu beschäftigen, hätte ich tatsächlich unterschrieben, dass sich die Ausbildungsordnung zu langsam verändert. Aber nach meinen Erfahrungen hat sich inzwischen das bürokratische System weiterentwickelt. Es hat diesen Wandel registriert und trägt ihm bei der Regulierung Rechnung. Neue Berufsbilder entstehen heute vor allem aus dem Bedarf der Wirtschaft heraus. Wenn immer mehr Unternehmen Drohnenpiloten für ihr operatives Geschäft brauchen und einstellen wollen, wird sich dieses Berufsprofil mit hoher Wahrscheinlichkeit automatisch etablieren und festigen. Natürlich muss man künftig noch mehr darauf achten, dass hier starre oder zu träge bürokratische Strukturen nicht das Potenzial neuer Berufsfelder für den digitalen und ökologischen Fortschritt hemmen.

Leider sind wir in Deutschland immer noch in vielen Bereichen ein klassischer Zertifikate-Arbeitsmarkt.

Weniger Regulierung wäre am Arbeitsmarkt der Zukunft also sinnvoll?

Leider sind wir in Deutschland immer noch in vielen Bereichen ein klassischer Zertifikate-Arbeitsmarkt. Eingestellt wird also vielleicht nicht derjenige, der realkompetent am besten ausgestattet ist, sondern der, der diese Kompetenzen auf dem Papier stehen hat. Gerade in noch nicht regulierten neuen Berufsbildern stecken aber nicht selten digitale und agile Kompetenzen, die wir in Zukunft dringend brauchen. Einen in weiten Teilen völlig unregulierten Plattformarbeitsmarkt, in dem nur beruflich weiterkommt, wer die meisten positiven Google-Bewertungen hat – nach dem Motto „The winner takes it all” –, kann und mag ich mir aber nicht vorstellen. Denn geregeltes und zertifiziertes berufliches Wissen zu vermitteln und zu honorieren, ist ein wichtiger Teil unseres Sozialsystems.