Finanzen
3. Januar 2022 6:08  Uhr

Der Mittelstand steht in der Pflicht

Der „Aktionsplan für nachhaltige Finanzen“ der EU, Teil des European Green Deals, könnte der Nachhaltigkeit im Anlagegeschäft zum Durchbruch verhelfen. Doch er rückt auch Risiken auf Betriebsebene in den Fokus.

Im Bereich der grünen Finanzierung kommt über die EU einiges auf die Wirtschaft zu. | Foto: BillionPhotos.com – stock.adobe.com

Von Thomas Tjiang

NÜRNBERG. Die EU will mit Regeln für nachhaltige Investitionen in der Finanzbranche für mehr Ordnung und echte Nachhaltigkeit sorgen. Sie sind Teil des European Green Deals, der den Weg zu einer ressourceneffizienten und wettbewerbsfähigen Wirtschaft ebnen will. Am Ende sollen die EU-Mitgliedsländer bis 2050 keine Netto-Treibhausgase mehr ausstoßen und ihr Wachstum von der Ressourcennutzung abgekoppelt haben.

Einerseits zählt die Finanzbranche zu den Vorreitern auf dem Weg zu mehr grünen Anlagen und Investitionen. Immerhin sammelte sie für ihre Fonds in Deutschland im letzten Jahr fast 250 Milliarden Euro ein, die mehr oder minder konsequent nach ESG-Kriterien investieren. ESG steht für Umwelt (Environment), soziale Verantwortung (Social) und gute Unternehmensführung (Governance). Andererseits fehlen eindeutige Kriterien, was tatsächlich in die Welt von Green Finance gehört. Die Kritik lautet gern mal Intransparenz bei den Anlagekriterien und Greenwashing. Hinzu kommt etwa der inhaltliche Schlagabtausch zwischen Frankreich und Deutschland, ob etwa die Atomkraft als grüne Energie in das Regelwerk der EU-Taxonomie Eingang findet.

Verpflichtender Nachhaltigkeitsbericht

In der Sparte der grünen Finanzierung kommt über die EU einiges auf die Wirtschaft zu, und das nicht nur in der sprachlichen Terminologie. Unter der Überschrift „Sustainable Finance“ (Aktionsplan für nachhaltige Finanzen) will die EU die Finanzwirtschaft in Ziele der Nachhaltigkeit einbinden. Neue Regularien für die Wirtschaft bringt die sogenannte Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD), die Deutschland bereits ratifiziert hat. Sie verlangen eine nichtfinanzielle Berichterstattung von Unternehmen, die in den Non-financial Reporting Standards (NFRS) geregelt ist. Sie gilt zunächst nur für kapitalmarktnotierte Unternehmen, die zwei von drei Merkmalen erfüllen: eine Bilanzsumme von mindestens 20 Millionen Euro, Umsatz von mehr als 40 Millionen Euro sowie mehr als 250 Beschäftigte.

Die zunächst 500 davon betroffenen Unternehmen bundesweit klingen erstmal nicht viel. Doch mittelbar werden die Unternehmen auch kleinere Zulieferer in die Pflicht nehmen. „Die Anforderungen kommen über große Kunden, Banken oder Versicherungen auf kleine und mittlere Unternehmen zu“, warnt Dr. Udo Raab, Chefvolkswirt der IHK-Nürnberg bei der Infoveranstaltung „Sustainable Finance als Game Changer“. Denn damit die Finanzbranche ihre nichtfinanziellen Berichte abfassen kann, wird sie ihre Kreditnehmer verstärkt auf nachhaltige Finanzierung durchleuchten.

ESG-Performance beeinflusst Bonität

Damit werden im Kreditgeschäft neben der wirtschaftlichen Kraft eines Kunden auch seine Nachhaltigkeitsrisiken und ESG-Performance in die Bonität einfließen. Die Logik dahinter erläutert Mathias Heinke, Regionalbereichsleiter Bayern Nord der Hypovereinsbank. „Die Banken müssen Daten zur Anpassung an den Klimaschutz erfassen, um ihre eigene nichtfinanzielle Berichtspflicht zu erfüllen.“ Dabei geht es einerseits um physische Risiken, wenn etwa Naturereignisse Produktion oder Wertschöpfungskette bedrohen. Andererseits geht es um transitorische Risiken. Damit sind laut Heinke Übergangsrisiken gemeint, die auf dem Weg zur Klimaneutralität – etwa durch den steigenden CO2-Preis – sogar einzelne Industrien und Branchen treffen können. Aber auch verändertes Käuferverhalten oder Reputationsrisiken sind hier zu bewerten.

Der Hypovereinsbanker illustriert das am Beispiel Immobilien. Wollen Unternehmen ihre Immobilien sanieren, ein neues Gebäude bauen oder erneuerbare Energien installieren, müssen die Vorhaben auf die Taxonomiekonformität überprüft werden. Dafür gibt es etliche technische Kriterien, die künftig beachtet werden müssen. Dazu gehört beispielsweise eine Prüfung auf Luftdichtheit und thermische Integrität von Gebäuden mit mehr als 5000 Quadratmetern. Außerdem muss in dieser Größenordnung das aus dem Bau resultierende Lebenszyklus-Global-Warming-Potenzial (GWP) des Gebäudes für jede Phase des Lebenszyklus berechnet und offengelegt werden. Für eine erste Kundenorientierung biete die HVB hier ein ESG-Branchenbarometer an, damit sich Kunden zunächst ohne Auswirkung auf Rating oder Kreditrisiko ein Bild vom Status machen können.

Interview

Grünes Geld hilft bei der Transformation

Silvie Kreibiehl, Vorstandsvorsitzende Germanwatch e. V., schätzt die neue Sustainable-Finance-Taxonomie der EU als einen verbindlichen Klassifizierungsstandard, der Klarheit schafft, die Transparenz erhöht und sogar eine Sogwirkung entfalten kann.

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