Gesundheitswirtschaft
21. Juli 2021 5:59  Uhr

Der neue Hype um den gesunden Menschen

Für immer mehr Menschen wird die Gesundheit zum zentralen Lebensziel, zu einem geradezu absoluten Wert. Der Megatrend prägt nachhaltig sämtliche Lebensbereiche und Branchen.

Bewegung und eine gesunde Ernährung hießen früher „Trimm dich“ und „Rohkost“. Doch was einst leicht verschrobene „Gesundheitsapostel“ auszeichnete, ist heute Megatrend – und fast schon Pflicht. | Foto: New Africa – stock.adobe.com

Von Julia Kellner

REGENSBURG. Kaum etwas bewegt uns mehr als unser Ich: Wir wollen selbstbestimmt und lange leben. Vermutlich war die Sehnsucht danach nie größer als jetzt. Gesundheit ist zum Fundamentalwert geworden. Genau deshalb definiert das Zukunftsinstitut die Gesundheit als einen von zwölf Megatrends. Das Gesundheitsverständnis in der Gesellschaft hat sich gewandelt: Weniger ist mehr – bewusster Verzicht und Balance statt Steigerung.

Gesundheit als Reinheit von Körper und Geist

Dass die Gesundheit immer mehr in den Fokus rückt, beobachtet auch Professor Dr. Dr. Leitzmann. Als Leiter des Lehrstuhls für Epidemiologie und Präventivmedizin an der Universität Regensburg koordiniert er die bundesweite NAKO-Gesundheitsstudie in Regensburg. Über einen Zeitraum von 20 Jahren werden insgesamt 200.000 Teilnehmer untersucht und befragt. Ziel ist es, die Ursachen und Risikofaktoren von Volkskrankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und Diabetes herauszufinden. „Immer mehr Menschen legen Wert auf eine bewusste Ernährung, Fitness und Reinheit von Körper und Geist.“ Beim Essen gehe es längst nicht mehr nur um Nahrungsaufnahme. Für viele sei es ein integraler Teil eines neuartigen Lebensstils geworden. Ernährung und Werte seien meist eng verwoben: Vegetarische und vegane Ernährung gelten nicht nur als gut für den eigenen Körper, sondern auch für die Umwelt und den gesamten Planeten. Auch „Clean Eating“, ein Trend aus den USA, bei dem insbesondere unverarbeitete Lebensmittel in Bioqualität verzehrt werden, habe sich inzwischen bei uns breit gemacht.

Neuer Trend „Clean Meds“

Das wachsende Bedürfnis der Konsumenten nach natürlichen Produkten zeigt sich auch bei sogenannten „Clean Meds“. Neben der Ernährung soll auch die Medikation frei von Zusatz- und Füllstoffen wie Laktose oder Gluten sein. Obwohl meist nur in geringen Mengen enthalten, können sie sich durchaus bemerkbar machen – etwa bei Patienten mit Reizdarmsyndrom. „Medikamente ohne Zusatzstoffe werden insbesondere von der jüngeren Zielgruppe, die auf eine gesunde Ernährung achtet, nachgefragt“, sagt Antje Bullmann, Inhaberin der Engel Apotheke in der Regensburger Altstadt. Vor allem im Bereich der Nahrungsergänzungsmittel gebe es mittlerweile zahlreiche Anbieter. Mit Blick auf klassische Medikamente, etwa gegen Bluthochdruck, könnten Zusatzstoffe heute in der Produktion jedoch noch nicht komplett weggelassen werden. „Sie fungieren sozusagen als Träger, damit der eigentliche Wirkstoff überhaupt eingenommen werden kann.“

Neugier auf Alkoholabstinenz

Wer Medikamente am liebsten überhaupt nicht braucht und seinem Körper etwas Gutes tun möchte, trinkt wenig oder sogar keinen Alkohol. „Sober Curiosity“ heißt der neue Trend, der vor allem durch Social Media angefeuert wird. Alkoholabstinenz wird zum hippen Statement und verändert eine ganze Branche: „Der Pro-Kopf-Bierkonsum in Deutschland sinkt seit vielen Jahrzehnten, dagegen steigt aber der Absatz alkoholfreier Biere und Getränke überproportional“, sagt Thomas Neiswirth, Pressesprecher der Brauerei Bischofshof. Ihre Antwort auf den gesundheitsbewussten und dennoch fröhlichen Lebensstil: alkoholfreie Getränke, die eine Auszeit vom Alltag versprechen – wie ihre neue Biolimonade „Happy“.

Der Wert gesunder Mitarbeiter

Auch Krankenkassen haben den Hype um den eigenen Körper erkannt und bieten längst Bonusprogramme. „Wer zu Vorsorgeuntersuchungen geht, an Präventionskursen teilnimmt oder Sport im Verein macht, erhält Geldprämien oder Zuschüsse“, sagt Sophie Schwab, Leiterin der DAK-Landesvertretung Bayern. Unser Gesundheitssystem sei bislang danach ausgerichtet, Ärzte für Krankenbehandlung und weniger für die Gesunderhaltung zu bezahlen. „Doch wir entwickeln zunehmend präventive Angebote, etwa um Stress zu reduzieren.“ Auch beim Betrieblichen Gesundheitsmanagement unterstütze die DAK: „Unser Gesundheitsreport für Regensburg zeigt, dass Rückenschmerzen die meisten Fehltage verursachen.“ Impulse für Unternehmen also, die den Wert gesunder Mitarbeiter erkennen.

Interview

Den Volkskrankheiten auf der Spur

Prof. Dr. Dr. Michael Leitzmann, Leiter des Lehrstuhls für Epidemiologie
und Präventivmedizin an der Universität Regensburg, erforscht
Ursachen und Risikofaktoren von Volkskrankheiten.

Hier geht’s zum Interview …