Interview
1. Juni 2021 11:09  Uhr

Smart Farming braucht Kooperation und Selbstkritik

Dr. Josef Bosch, Landwirt, Digitalpionier sowie Mitbegründer und Vorstand der Max Schönleutner Gesellschaft Weihenstephan e. V. für die Förderung der Agrar- und Gartenbauwissenschaft, erklärt den Wandel im Landwirtsberuf.

Dr. Josef Bosch; Foto: Rebecca Sollfrank,

Von Rebecca Sollfrank

Herr Bosch, was ist der Unterschied zwischen Precision und Smart Farming?

Man muss hier die Historie betrachten. Precision Farming ist vor über 20 Jahren entstanden aus der Möglichkeit, über GPS teilflächenspezifisch Maßnahmen durchzuführen. Einfache Vorläuferlösungen gab es schon in den 1980er-Jahren, indem man mit Mähdrescher- und sonstigen Sensorauswertungen versucht hat, teilflächenspezifisch zu düngen. Das war aufwendig und teuer. Man steckte viel Geld und Forschungsenergie in diese Methoden, in der breiten Anwendung hat es sich aber nicht durchgesetzt, weil es noch zu kompliziert und teuer war für viele Landwirte. Vorangetrieben hat man diese Begriffe hauptsächlich in der Forschung und über die Ausstellungen der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft DLG. Aber nach zehn oder 15 Jahren musste man feststellen, dass die Bezeichnung „Precision Farming“ in der Branche verbrannt war.

Wie ging es mit der Digitalisierung der Landwirtschaft nach diesem Misserfolg weiter?

Man kam letztlich zu dem Schluss, dass eine erfolgreiche Weiterentwicklung der Methoden aus dem Precision Farming nur über konsequente Vereinfachung und Verbilligung möglich ist. Daraus entstand der neue englische Begriff „Smart Farming“. Gleichzeitig hat man den mit Precision Farming gemeinten Aspekt der exakten Bewirtschaftung um den Aspekt der intelligenten und einfachen Bedienung erweitert. Smart Farming ist Precision Farming, aber automatisch und einfach. Precision Farming ist entsprechend heute offiziell ein Teilbereich von Smart Farming und bezeichnet exakte, durch Algorithmen gesteuerte Ackerbaumaßnahmen. Entscheidend dafür, dass Smart Farming eingesetzt wird, ist, dass der Anwender für die präzise, digitale Ackerbaukultur eben nicht selbst aufwendig Daten erarbeiten und analysieren muss. Das tut der Algorithmus.

Wollen die jungen Landwirte heute denn Smart Farmer sein?

Wir haben immer noch ein massives Nord-Süd- und Ost-Westgefälle, was den Einsatz von Smart Farming angeht. Das liegt an den Betriebsstrukturen. Im Norden und Osten der Republik sind die sehr großen Betriebe, bei denen es ohne digitale Bewirtschaftung schon lange nicht mehr geht. Innerhalb der Betriebe haben sich Spezialisten für diese Anwendungen entwickelt. Die Kosten für Material und Kompetenz lassen sich hier auf mehr Fläche verteilen. Das Problem im Umgang mit den Smart Farming Tools ist vergleichbar mit dem Autofahren. Auch das muss man einmal richtig lernen, damit man es danach problemlos anwenden kann. Leider gehen manche Landwirte mit der Einstellung an das Thema heran, dass sie sich nur einfach auf die digitalisierte Maschine setzen und losfahren können. Das geht aber nicht. Die Hürde des Lernens müssen wir beim Einsatz der neuen Techniken erst einmal nehmen. Und besonders in bayerischen Kleinbetrieben hätten wir hier einen erheblichen Nachholbedarf.

Der Smart Farmer ist ein ähnlich disruptives Modell wie damals der Umstieg vom Pferd auf den Traktor.

Das klingt, als wäre es zu aufwendig, als kleiner oder mittlerer Betrieb auf Smart Farming umzustellen.

Im Gegenteil, gerade für kleine Betriebe böte diese neue Technik die Chance, sich in einem umkämpften Markt wirtschaftlich weiterzuentwickeln. Leider haben das viele Kollegen noch nicht verstanden. Viele sehen nur Verteuerung und Verkomplizierung, aber nicht die erheblichen Vorteile und den Nutzen der Umstellung. Natürlich ist der Smart Farmer ein Kulturbruch. Nehmen Sie das Beispiel einer automatisierten Pflanzenspritze oder eines Düngerstreuers. Die schalten selbsttätig die Abgabe aus, wenn man über den Feldrand kommt oder über eine Stelle, die man bereits bearbeitet hat. Unterm Strich ist das nicht nur für die Umwelt besser, sondern spart Dünge- und Spritzmittel und damit dem Landwirt Geld. Aber diese Geräte sind teuer, für einen einzelnen kleineren Betrieb amortisiert sich das nicht so schnell. Deshalb habe ich mich zum Beispiel mit zwei Partnern zusammengetan und ein etwas größeres Gerät gekauft. Die Kosten werden geteilt, die Arbeit geht für jeden schneller und das Gerät ist gut ausgelastet. Dass smarte Kollaboration die Zukunft der kleinen Betriebe ist, bringt man aber leider immer noch in viele Köpfe nicht hinein.

Bereinigt sich das Problem nicht schon durch den Generationenwechsel?

In der Ausbildung hat sich hier sehr viel getan. Fortschritt ist die Reserve nach vorne, die wir haben, um den Ansprüchen des Marktes an unseren Beruf gerecht zu werden, nämlich wirtschaftlich überleben zu können, ohne die Umwelt und unser Image weiter zu belasten. Vor allem Letzteres sorgt immer öfter dafür, dass sich junge Leute nicht für diesen Beruf entscheiden. Hinzu kommt aber genauso ein politisches Problem. Die Landwirtschaft umweltverträglich zu gestalten, kann nicht heißen, nur zurück zu alten Methoden zu gehen, die ohnehin ein unrealistisches, romantisiertes Bild des Landwirts propagieren. Umweltverträgliche Landwirtschaft, die Versorgungssicherheit bietet, heißt hoch digitalisierte, effiziente Landwirtschaft als Smart Farmer. Smart Farming hat noch den weiteren Vorteil, dass ich mein verantwortungsbewusstes Handeln dokumentiere und beweisen kann. Das hilft auch dem eigenen Selbstbewusstsein.

(…) Die Algorithmen denken im wahrsten Sinne des Wortes mehr mit, als ein Landwirt selbst das leisten kann.

Wird der Smart Farmer da nicht zum gläsernen Landwirt?

Das ist ein wichtiger Aspekt. So manche Landesregierung hat im Hinterkopf, man könne die Digitalisierung in der Landwirtschaft als Kontrollinstrument missbrauchen. Das darf nicht passieren. Schon heute muss ich innerhalb von zwei Tagen in meinen Unterlagen meine Düngermenge dokumentiert haben. Das ist völlig in Ordnung, wenn es um die Nachvollziehbarkeit eines Vorgangs im Problemfall geht. In Niedersachsen will man die Landwirte verpflichten, jede Düngergabe innerhalb von zwei Tagen auf dem Zentralrechner der Kontrollbehörde einzutragen. Da hört es auf. Und vor allem werden Landwirte dadurch von der Digitalisierung abgeschreckt. Aber es wäre der falsche Weg, sich dem Smart Farming deshalb komplett zu verweigern. Wir müssen solche Entwicklungen im Sinne des Datenschutzes frühzeitig verhindern. Nur mal ein Vergleich: Niemand würde von BMW verlangen, seine internen Produktionsdaten regelmäßig auf dem Zentralrechner des Wirtschaftsministeriums abzuspeichern. Ziel muss es beim Smart Farmer wie in der klassischen Buchhaltung sein, dass der Staat als Kontrollorgan ein Anrecht auf gewisse aggregierte Ergebnisse hat, damit er die Steuern richtig berechnet. Wenn die Regierung einen gläsernen Landwirt erzwingen will, wird es den Smart Farmer nicht flächendeckend geben und wir verlieren die Chancen des Smart Farmings für die Zukunft der Landwirtschaft und die Umwelt.

Smart Farming kommt regional unterschiedlich bei den Landwirten an. Gilt das auch für die Funktionärs- und Ausbildungsebene?

Das Thema Digitalisierung wird in den Ausbildungsangeboten und in der Kommunikation der Verbände sicherlich nicht so stiefmütterlich behandelt wie das Thema Precision Farming vor 20 Jahren. Erschreckend ist eher, wie wenig die Möglichkeit des Smart Farming in vielen kleinen und mittleren Betrieben immer noch genutzt wird. Hier lassen wir wichtige Reserven für die Zukunft unseres Berufes liegen. Das ist eigentlich ein Teufelskreis. Der Druck auf Landwirte in der Öffentlichkeit ist derzeit so groß, dass viele keine Energie oder Lust haben, sich mit genau den Lösungen zu beschäftigen, die ihnen diesen Druck nehmen könnten. Diese Vorteile erkaufe ich mir aber nur mit einer grundlegenden Transformation meiner Wirtschaftsweise als Landwirt und mit dieser radikalen Veränderung tun sich viele schwer. Der Smart Farmer ist ein ähnlich disruptives Modell wie damals der Umstieg vom Pferd auf den Traktor. Schon damals war ein Drittel begeistert, ein Drittel hat sich zwangsweise mitziehen lassen und ein Drittel stieg aus, weil es nicht mehr die Landwirtschaft war, die man kannte. Interessanterweise ist die Akzeptanz des Smart Farming heute in keiner Weise eine Frage des Alters.

Könnte das technikbasierte Smart Farming als Widerspruch zum naturgeprägten Landswirtsberuf empfunden werden?

Mich persönlich hat die Digitalisierung viel näher an die Natur und den Zustand meines Bodens gebracht. Jetzt habe ich den Blick auf meinen Feldbestand nicht nur von der Seite, sondern über den Satelliten von oben. Das ermöglicht ganz neue Einblicke und Strategien in der Bewirtschaftung. Wenn Sie auf Augenhöhe mit dem Halm am Feldrand stehen, sehen sie kahle Stellen und verzögertes Wachstum einfach nicht. Allerdings decken die Möglichkeiten des Smart Farmings auch gnadenlos Fehler auf. Dieser Erkenntnis will sich vielleicht nicht jeder stellen. Aber unsere Bewirtschaftung ist mit soviel Verantwortung für Mensch und Umwelt verbunden. Wir können es uns nicht leisten, wegzuschauen. Außerdem deckt Smart Farming Fehlentwicklungen in einer Ernte auf, solange man sie noch korrigieren kann. Und die Algorithmen denken im wahrsten Sinne des Wortes mehr mit, als ein Landwirt selbst das leisten kann. Im letzten Jahr hatten wir einen Hagelschlag, der mehr als die Hälfte meiner Getreidekörner aus den Halmen schlug. Das Getreide entzieht dem Boden Kalium, den man für die neue Saison wieder einbringen muss. Mein digitales System zeigte mir für dieses Jahr einen Bedarf von neun Tonnen Kalium an. Ich hielt das für einen Fehler, weil ich in normalen Jahren 20 Tonnen brauche. Ich hatte nicht daran gedacht, dass der Hagelschaden auch den Kaliumaustrag um die Hälfte reduziert hatte, weil 50 Prozent der Körner mit ihrem gespeicherten Kalium wieder im Boden landeten. Das System hat mich davor bewahrt, zu viel Kalium zu bestellen. Und das hat mir einen vierstelligen Betrag gespart. Selbst ein kleiner Betrieb kann solche Dinge nicht mehr mit Bleistift und Papier errechnen – und muss es auch nicht. Die individuelle, digitalgestützte Düngeplanung ist ein Tool, das Ressourcen und Geld spart. Und dem kleinen Betrieb helfen kann, Zeit und Geld in andere Projekte zu stecken, die ihn zukunftsfähig machen.

Allein durch die Digitalisierung macht man aus einem schlechten Landwirt noch keinen guten Smart Farmer.

Wird der Smart Farmer so nicht zu einem technisierten Einzelkämpfer?

Ganz im Gegenteil. Smart Farming heißt für mich heute Kooperation und Aufgabenteilung zwischen verpartnerten Betrieben. So haben auch kleine und mittlere Betriebe eine Chance, diesen Beruf auszuüben, ohne die leider immer mehr verbreitete Selbstausbeutung. Der mutige Schritt vom klassischen Einzelkämpfer zum kooperativen Smart Farmer kann sich nur lohnen, aber das ist nicht nur eine technische Frage, sondern die einer neuen landwirtschaftlichen Einstellung. Ohne diese neue Einstellung werden wir die kleinen und mittleren Betriebe und damit wertvolle Vielfalt in der Lebensmittelversorgung verlieren.

Nennen Sie uns zum Schluss bitte drei Eigenschaften, die ein Smart Farmer mitbringen muss.

Die Grundvoraussetzung ist eine begeisterte Bindung zur Natur und ein tiefes Verständnis für ihre Abläufe. Ein offenes und kooperatives Verhältnis zu den Kolleginnen und Kollegen der Branche ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Außerdem muss ein Smart Farmer selbstkritisch und intelligent seine eigene Arbeit beurteilen. Die Kernbotschaft ist: Allein durch die Digitalisierung macht man aus einem schlechten Landwirt noch keinen guten Smart Farmer.