Automobilindustrie
16. Dezember 2020 6:00  Uhr

Der Startpunkt für einen unaufhaltsamen Aufstieg

Vor 50 Jahren schuf BMW mit der Grundsteinlegung des Dingolfinger Werks die Basis für die Erfolgsgeschichte des gesamten Unternehmens. Eberhard von Kuenheim plädiert für ein neues Denken.

Die Entwicklung des Werks Dingolfing zeigt exemplarisch den Aufstieg der Bayerischen Motorenwerke von einem mittelständischen Fahrzeugbauer zu einem globalen Hightechkonzern. Seit der Grundsteinlegung wurden hier weit über zehn Milliarden Euro investiert. 1982 lief der einmillionste BMW made in Dingolfing vom Band, inzwischen ist diese Marke auf elf Millionen angestiegen. Allein die BMW Group hat hier über 20.000 Arbeitsplätze geschaffen. | Foto: Fabian Kirchbauer

Von Gerd Otto

DINGOLFING. Es hätte nicht der Coronapandemie bedurft, um heutige Geschäftsmodelle zu hinterfragen und auf notwendige Veränderungen abzuklopfen. Denn die Automobilbranche zum Beispiel steht unabhängig von den wirtschaftlichen Auswirkungen des Virus schon seit Langem vor dramatischen Umbrüchen, die unter anderem mit fortschreitender Digitalisierung oder auch der Dekarbonisierung beschrieben werden. Dass man auch früher bereits mit derartigen Herausforderungen konfrontiert war, daran wurde jetzt in Dingolfing erinnert, wo vor 50 Jahren der Grundstein für das BMW-Werk gelegt wurde. Als an dem heute größten Fertigungsstandort der BMW Group in Europa 1973 nach dreijähriger Bauzeit das erste BMW-Automobil vom Band lief, waren Wirtschaft und Gesellschaft mitten drin in der ersten Ölkrise.

Ungünstige Startbedingungen

In der Tat seien, so der langjährige Vorstands- und Aufsichtsratsvorsitzende Eberhard von Kuenheim in einem Interview mit dem Dingolfinger BMW-Pressesprecher Bernd Eckstein, die Startbedingungen damals alles andere als günstig gewesen. Entsprechend harsch ging man in jenen Jahren mit der Entscheidung des jungen Vorstandschefs um, drei Jahre nach der Übernahme der Hans Glas GmbH, die ein Jahrzehnt zuvor mit dem Goggomobil für Furore gesorgt hatte, in ein neues Automobilwerk zu investieren. BMW habe die Zeichen der Zeit nicht erkannt, zitiert der 92-jährige von Kuenheim seine Kritiker, das Automobil sei doch am Ende.

Eingeschlagenen Weg gegen alle Widerstände zu Ende gegangen

Heute betont der Vorstandschef der Jahre 1970 bis 1993, dass die Entscheidung für Dingolfing überhaupt erst die Basis für die Erfolgsgeschichte der Bayerischen Motorenwerke geschaffen habe: „Es hat sich gelohnt, den eingeschlagenen Weg auch gegen Widerstände zu Ende zu gehen.“ Wahre unternehmerische Erfolge zeigten sich schließlich nur langfristig. Was in drei oder sechs Monaten geschehe, sei oftmals gar nicht so relevant. Einen unschätzbaren Wert gebe es aber, und der heißt nach Auffassung von Eberhard von Kuenheim: Zukunftsfähigkeit. Auch wenn dieser Wert nicht in der Bilanz stehe und selbst im Jahresabschluss auf den ersten Blick nicht sichtbar sei, verberge sich hinter diesem Begriff das wertvollste Gut von Unternehmen und Gesellschaften.

Bei BMW hat die Transformation längst begonnen

Dass dies gerade für den Standort Dingolfing zutrifft, darauf verweist der Betriebsratsvorsitzende Stefan Schmid, wandelt sich der Standort in Niederbayern doch immer stärker von einem Produktions- zu einem Technologiestandort. Mit dem vollelektrischen BMW iNEXT, der hier im kommenden Jahr anlaufen wird, vertraue das Unternehmen diesem Werk seinen absoluten Innovationsträger an. Schmid ist jedenfalls überzeugt: „Bei BMW in Dingolfing hat die viel zitierte Transformation längst begonnen.“

Und wie beurteilt der legendäre BMW-Chef das Geschäftsmodell mit der individuellen Mobilität und speziell dem Automobil? Die Mobilität von Menschen und Gütern, so Eberhard von Kuenheim, sei nicht die Folge, sondern die Grundlage unseres Wohlstands. Umso dringlicher müsse die Frage beantwortet werden, wie individuelle Mobilität zukunftsfähig gestaltet werden könne – „und zwar durch neues Denken und technische Innovationen und nicht durch Verbote.“

Linkes Bild: Eine Bautafel kündigt den Bau des BMW-Fahrzeugwerks 02.40 im Isarmoos an. Bei der Grundsteinlegung (rechtes Bild) am 9. November 1970 zeigen sich Eberhard von Kuenheim (li.), Vorstandsvorsitzender der BMW AG, und Ministerpräsident Dr. Alfons Goppel zuversichtlich. Wie positiv sich dieses Engagement für BMW und die Region entwickeln würde, war damals noch nicht absehbar. | Fotos: BMW