Bauwirtschaft
25. Mai 2021 5:55  Uhr

Der Trend geht zu mehr Platz pro Kopf

Corona verändert unser Verhältnis zu unseren eigenen vier Wänden. Bedeuten die neuen Ansprüche an das Wohnen der Zukunft eher eine Krise oder eine Chance für die Baubranche?

Die eigenen vier Wände erfahren immer mehr Wertschätzung. | Foto: RossandHelen – rh2010 – stock.adobe.com

Von Rebecca Sollfrank

REGENSBURG. Die Pandemie zwingt die Menschen, viel mehr Zeit in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Die Zukunftsforscherin Oona Horx-Strathern sieht das in ihrem „Homereport“ für das Frankfurter Zukunftsinstitut als neue Form der Achtsamkeit für die Wohnumgebung. Weil wir in der Pandemie sogar die Arbeit teils in die private Umgebung verlegt haben, ändern sich die Ansprüche an das Wohnen der Zukunft wohl radikal. Was wird von „New Home“ und „New Work“ bleiben? Und wie wird sich das auf die Bau- und Immobilienbranche auswirken?

Wunsch nach Wohneigentum ist gestiegen

Wer mindestens acht Stunden am Tag beim Arbeitgeber fristet und freie Tage fernab der Heimadresse auf Ausflügen oder im Urlaub verbringt, legt wenig Wert auf ein „hyggeliges“, also ein gemütliches Heim, wie die Dänen sagen. Die sogenannte Urlaubsflucht gibt es derzeit kaum mehr, sogar die Arbeit hat sich neben der Couch breitgemacht. Die Deutschen müssen hyggeliger werden, aber bleiben sie es auch nach Corona? Konkrete Zahlen weisen auf einen gestiegenen Anspruch an die Wohnumgebung hin. Die Experten von LBS-Research wollen in ihrer jüngsten Studie zwar noch nicht von einer Flucht aufs Land sprechen, doch 40 Prozent der befragten Mieter finden ihre Wohnsituation angesichts der Corona-Erfahrungen nicht mehr optimal. Bei den Eigentümern sind das nur 23 Prozent. Der Wunsch nach Wohneigentum, so die LBS-Studie, ist mit der Corona-Pandemie deutlich gestiegen. Ein Haus mit Gartenanteil in Stadtrandlage oder eine Wohnung mit Balkon in der City gelten als zunehmend attraktiv – eben isolierte Rückzugsorte mit Freiluftbonus. Das klingt nicht nach dem präcoronalen Credo vom bunt gemischten, verdichteten Innenstadtquartier. Der Regensburger Architekt Stephan Fabi führt im Interview denn auch aus, dass urbanes Leben flexibler zwischen Begegnung und Trennung werden muss.

Doppelte Wertschöpfungschance für die Branche

Welche Trends – abgesehen vom Homeoffice – sich dauerhaft durchsetzen werden, ist zumindest bei der Wohnbaubranche noch nicht spürbar. „Das Thema Bauen und Gesundheit wird eine ebenso große Rolle für uns spielen wie die zukunftsfähige Quartiersentwicklung“, sagt Jörg Hurter, Kommunikationsreferent beim Bundesverband Freier Immobilien- und Wohnungsunternehmen (BFW) in München, deren zusammengeschlossene Unternehmen für 50 Prozent des Wohnungsneubaus stehen. Er sieht in einer neuen Wertschätzung der eigenen vier Wände eine doppelte Wertschöpfungschance für die Branche. „Die Investition in die eigenen vier Wände wird der sozialen Freizeitgestaltung außerhalb der Wohnung – in Kultur und Gastronomie – noch einige Zeit vorgezogen werden. Hier verlagern sich erhebliche Wertschöpfungsketten in die Immobilienbranche.“ Und das dürfte für künftige Eigentümer genauso wie für Mieter gelten, die gleichermaßen mehr Zeit in den eigenen vier Wänden verbringen werden.

„New Home“ bietet großes Potenzial

60 Prozent der Befragten einer aktuellen LBS-Studie gaben an, ihr Zuhause – ob Eigentum oder Mietwohnung – während der Coronakrise umgebaut beziehungsweise renoviert zu haben. 17 Prozent gaben an, in ihrem Haus oder ihrer Wohnung einen dauerhaften Homeofficeplatz einrichten zu wollen. Und mit dem Thema Homeoffice steigt automatisch der Platzanspruch pro Kopf. Der hat sich seit 1979 pro Person von 32 auf 47 Quadratmeter erhöht. Bedenkt man zusätzlich, dass zum Beispiel in der Boomtown München nur 20 Prozent des Wohnraums nach 1979 gebaut wurde, ergibt sich ein beeindruckendes Ausbau- und Umgestaltungspotenzial für „New Home“, von dem die Bau- und Immobilienbranche mit Sicherheit in den nächsten Jahren zehren kann.

Interview

Flexibilität und Ökologie schlagen reines Design

Stephan Fabi, Diplom-Architekt und Inhaber von Fabi Architekten bda PartGmbB in Regensburg, erklärt im Interview, warum Flexibilität und  Vernetzung die bestimmenden Schlagworte der Immobilie der Zukunft sind.

Foto: Foto: Ralf Gamböck

Hier geht’s zum Interview …