Tourismus
2. September 2020 6:01  Uhr

Der Urlaub im ländlichen Raum trotzt Corona

Urlaub daheim ist für viele 2020 das Gebot der Stunde. Davon profitiert zum Beispiel auch der Bayerwald: Im Gegensatz zu Städten und Thermalbädern in Ostbayern schneidet er bei den Übernachtungszahlen positiv ab.

Der Bayerische Wald meldet inzwischen wieder steigende Übernachtungszahlen. | Foto: jezekp – stock.adobe.com

Von Gerd Otto

REGENSBURG. Der im Freistaat auch für den Tourismus zuständige Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger hatte unter dem Schock von Corona schon früh die Parole ausgegeben: „Urlaub in Bayern ist 2020 die richtige Wahl.“ Dennoch präsentiert Bayerns Tourismusbranche aktuell eine sehr zwiespältige Bilanz, die offenbar zulasten der bayerischen Städte und Thermalbäder ausfällt.

Im Juni wurden zwar insgesamt 1,8 Millionen Gäste sowie 5,5 Millionen Übernachtungen im Freistaat gezählt, doch gegenüber dem Vorjahr waren dies rund 50 Prozent weniger. Während sich die ländlichen Regionen bayernweit schneller erholten, klagen die Städte über eine nur geringe Auslastung ihrer Hotelkapazitäten. So betrug die Auslastung der Münchner Beherbergungsbetriebe im Juni lediglich 20 Prozent gegenüber 85 Prozent vor der Pandemie. Im gesamten ersten Halbjahr 2020 wurden nur halb so viele Gäste im Freistaat gezählt wie in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres.

Thermalbäder und Städte sind die Verlierer

Und wie hat sich der „Urlaub daheim“ bisher für Niederbayern und die Oberpfalz ausgewirkt? Auch wenn dem Vorstand des Tourismusverbands Ostbayern, Dr. Michael Braun, amtliche Zahlen für Juli oder August fehlen, so hat er doch einige Trends, Erfahrungen und Berichte seiner Mitgliedsbetriebe verraten. Nach einem Minus von 50,1 Prozent bei den Gästen und 46,5 Prozent bei den Übernachtungen im Vergleich zum Juni 2019 gebe es inzwischen Positives zu berichten: „Für Juli melden unsere wichtigsten touristischen Orte im Bayerischen Wald durchaus hervorragende Zahlen“, erklärt er. Die Situation der Branche insgesamt sei aber schon deshalb sehr unterschiedlich, weil der Familienurlaub heuer vor allem im ländlichen Raum stattfindet.

Während Hotellerie und Gastronomie auf dem Land sich bisher sehr zufrieden mit der Sommersaison geäußert haben, verlaufe die Erholung der Übernachtungszahlen in den Städten und in den Thermalbädern nur zögerlich. In den Städten hänge dies insbesondere mit dem Ausfall der kulturellen Events, dem Fernbleiben ausländischer Gäste sowie dem Kollaps des Geschäftstourismus zusammen. Die Heil- und Thermalbäder litten vor allem unter den sehr langen und umfangreichen Einschränkungen. Die Gäste seien hier auch jetzt sehr vorsichtig, obwohl das Thema Hygiene ohnehin stets ganz oben auf der Prioritätenliste der Thermen stehe, wie Dr. Braun betonte.

Ausflüge erleben ein Comeback

Zufrieden äußern sich in diesen Coronazeiten die Ausflugs- und Erlebnispartner des Tourismusverbands Ostbayern. Dort hat man ebenfalls einen deutlichen Anstieg der Ausflügler beobachtet, die derzeit quer durch Ostbayern unterwegs sind. „Viele sind auf das Rad umgestiegen und nutzen das inzwischen weit verzweigte Radwegenetz für Ausflüge“, sagt Dr. Braun. Ebenso gestiegen sei die Zahl der Wanderer und Spaziergänger. Die klassischen Ziele wie der Nationalpark Bayerischer Wald oder die Gipfel mit Berghütten sind offenbar auch heuer beliebte Ziele. Zudem machen Familien, die zu Hause bleiben, Ausflüge zu den Erlebniswelten wie beispielsweise zur Holzkugel am Steinberger See.

„Auf den Wanderwegen trifft man auch immer wieder Leute, die mit Zelt und Schlafsack unterwegs sind“, hat der Chef des Tourismusverbands Ostbayern beobachtet. Deshalb und angesichts der Tatsache, dass immer mehr Menschen auf Rad- und Wanderwegen in Wald und Flur unterwegs sind, erinnert Braun an ein harmonisches Nebeneinander von Wanderern, Mountainbikern, Landwirten, Förstern, Grundbesitzern, Jägern und vielen anderen: „Dies ist uns ein besonderes Anliegen.“ Um dieses zu befördern, hat der Tourismusverband ein Logo mit dem Slogan „Respektvoll auf dem Weg und mit der Natur“ herausgegeben. Dahinter verbergen sich Verhaltensregeln für unterwegs, die aufzeigen, wie jeder auf den anderen noch besser Rücksicht nehmen kann. „Wir wollen ja nur, dass es unseren Gästen und den Einheimischen gut geht“, erklärt Braun.

1600 Betriebe online buchbar

Gleichzeitig bemüht sich der Tourismusverband Ostbayern schon seit geraumer Zeit um den Onlinereisemarkt als die wohl erfolgversprechendste Vertriebsform für sich und seine Mitgliedsunternehmen. 1600 Betriebe in Ostbayern sind derzeit über das System des Tourismusverbands Ostbayern online buchbar, davon 75 Prozent Klein- und Kleinstvermieter. „Kleine, familiengeführte Gastgeber machen den Charme unserer Urlaubsregionen aus“, ist Dr. Michael Braun überzeugt. „Sie sind das Herzstück unserer ländlichen Regionen und machen Tourismus lebendig und vielfältig.“ Nicht von ungefähr trat als 1000. Betrieb im Bayerischen Wald eine außergewöhnliche Unterkunft dem Onlinereisemarkt bei: Der nostalgische Bahnwaggon, der zur Pension umgebaut wurde, steht im Bahnhof Bogen und ist eine ganz besondere Herberge für Radfahrer, Eisenbahnliebhaber, Wanderer oder Familien. Man schläft im Liegeabteil und frühstückt morgens im Bistro am Bahnhof.

Schub für den Onlinereisemarkt

Weil die durchgängige Onlinebuchbarkeit für die Tourismusbetriebe gerade jetzt überlebensnotwendig sei, habe der Verband die Online Buchung Service GmbH (OBS) gegründet. Über OBS werden die Betriebe an das System angeschlossen, über das Internet buchbar gemacht und auf dem Onlinereisemarkt über ein starkes Vertriebsnetzwerk präsentiert. Die Gastgeber werden in diesem Rahmen intensiv betreut und regelmäßig geschult. Das System findet bundesweit Anerkennung und wurde schon mehrfach ausgezeichnet. „Unsere Betriebe sind weltweit buchbar und werden regional betreut. Das ist einzigartig“, bringt es Braun auf den Punkt.

2019 wurden erstmals mehr Urlaubsreisen per Onlinebuchung getätigt als im persönlichen Gespräch. Laut der Marktforschungsstudie 2019 des Verbandes Internet Reisevertrieb V.I.R. wurden 60,3 Prozent der Reisen ausschließlich über digitale Kanäle gebucht, nur 34,8 Prozent wurden noch auf analogem Weg getätigt. 4,9 Prozent nutzen digitale und analoge Kanäle.