Gründerszene
16. Februar 2021 6:05  Uhr

Der Venture-Capital-Markt verliert den Anschluss

Magere Zeiten für Unternehmensgründer: In Sachen Risikokapital hat sich die Lage für deutsche Start-ups aus globaler Sicht erneut verschlechtert. Die Bundesrepublik liegt weiterhin unter dem Schnitt der EU-Länder.

An guten Ideen mangelt es in Deutschland nicht; allerdings ist der Zugang zu Kapital für Gründer oft eine unüberwindliche Hürde. | Foto: ©pathdoc – stock.adobe.com

Von Gerd Otto

REGENSBURG. Ein Börsengang ist zwar nicht unbedingt das erste, woran junge Unternehmer denken, wenn sie sich selbstständig machen. Dass aber aufstrebende Unternehmen aus Europa und auch aus Deutschland derzeit ihr Glück vor allem an der Wall Street suchen und nicht in Frankfurt oder Paris, ist doch bezeichnend. Ein aktuelles Beispiel ist „My Theresa“: Der Modeladen hat vor mehr als 30 Jahren in der Münchner Innenstadt begonnen und sich 2006 auf den Onlinevertrieb von Luxusprodukten spezialisiert. Heute beträgt der Jahresumsatz 450 Millionen Euro und im zweiten Halbjahr 2020 kam es trotz – oder sogar wegen – der Coronapandemie zu einem Plus von 30 Prozent auf 285 Millionen Euro. Von dem frischen Geld der Börsianer muss der Onlinehändler freilich einen Großteil zur Tilgung von Darlehen einsetzen, mit denen man sich aus dem Insolvenzstrudel früherer Eigentümer befreien konnte.

Doch nicht nur die Existenzgründung von Susanne und Christoph Botschen anno 1987 wurde letztlich zum internationalen Erfolg, auch der Start-up-Jahrgang 2020 ist sehr international ausgerichtet. Wie es im aktuellen „Deutschen Start-up Monitor“ heißt, planen über zwei Drittel der jungen Unternehmen, in den kommenden zwölf Monaten ihre internationale Orientierung weiter auszubauen. Und das, obwohl aufgrund der Coronakrise gerade die Start-ups unter erschwerten Rahmenbedingungen leiden. Generell ist das mit Abstand beliebteste Expansionsziel die EU, während die nach ihrer Mitarbeiterzahl größeren Jungunternehmen deutlich stärker in Richtung globaler Märkte streben.

Rückstand auf USA und Chile

Nach Deutschlands Start-up-Szene im internationalen Vergleich befragt, verweist Prof. Dr. Herbert Gillig, Leiter der Gründungsförderung im Entrepreneurship-Center der Hochschule München, auf den Global Entrepreneurship Monitor (GEM) der Leibniz Universität Hannover und des RKW Kompetenzzentrums, der Deutschland gegenüber 33 anderen Ländern mit hohem Einkommen auf Platz 13 einstuft. Deutlich besser sind etwa die Schweiz oder auch die Niederlande. Auffällig erscheint, dass Deutschland derzeit zwar bei der Total Early-Stage Entrepreneurial Activity (TEA-Wert), also der Gründungsquote, einen neuen Höchststand aufweist, jedoch immer noch mit großem Rückstand auf Länder wie die USA, Kanada oder auch Chile. Dort ist der Anteil der Gründenden laut GEM-Monitor in der Altersgruppe 18 bis 64 Jahre zwei- bis fünfmal so hoch wie in Deutschland.

Sehr viel höher ausgeprägt als der Mittelwert der Gründungsaktivitäten in Deutschland erscheint die TEA-Quote bei den Gründern mit Migrationshintergrund. Diese weisen im Übrigen auch eine wesentlich stärkere internationale Ausrichtung auf als die einheimische Vergleichsgruppe. In Bezug auf den Grad der Innovativität fallen bei Produkt- und Prozess-Weltneuheiten die Prozentanteile migrantischer Gründungen allerdings deutlich niedriger aus.

Keine Angst vor dem Scheitern

Für Prof. Dr. Herbert Gillig von der mit über 18.000 Studierenden größten Fachhochschule in Bayern bedeute dies: „Einerseits laufen viele Sachen gut und sehr gut, doch andererseits gibt es in Deutschland auch noch viel Potenzial.“ Sehr gut aufgestellt sei Deutschland zum Beispiel in den Bereichen Schutz geistigen Eigentums, der Wertschätzung neuer Produkte durch Konsumenten oder im Bereich der öffentlichen Förderprogramme, so Gillig. Als negativ bewertet er dagegen die kaum vorhandene schulische Gründungsausbildung, die geringe Priorität des Gründens in der Politik, aber auch Regulierungen und Steuern. Die Angst vor dem Scheitern, auch dies hat der GEM-Report ermittelt, würde über 60 Prozent der deutschen Gründer im Ernstfall nicht davon abhalten, sich selbstständig zu machen. Hier belegen sie in der Rangliste immerhin Platz 7. Weniger Angst haben allem Anschein nach vor allem Menschen in Südkorea und Norwegen.

Zugang zu Venture Capital

Selbst wenn die neuesten Daten im Bereich „Finanzierung“ auf eine leicht positive Veränderung schließen lassen, ist der Markt für Venture Capital, also für Risikokapital, mit dem wachstumsorientierte oder innovative junge Unternehmen gefördert werden können, hierzulande aus internationaler Sicht weiter unterentwickelt. Eine Studie der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) hat zwar für die letzten Jahre auch in Deutschland steigende VC-Investitionen ermittelt. Sehr junge Start-ups fanden dadurch den Zugang zu Venture Capital, ältere Jungunternehmen waren sogar in großen Finanzierungsrunden vertreten. Im internationalen Vergleich jedoch ist der deutsche VC-Markt weiter zurückgefallen. Deutschland liegt jedenfalls unter dem Durchschnitt der EU-Länder.

Um zum europäischen Champion Großbritannien aufzuschließen, müssten deutsche Start-ups jährlich etwa doppelt so viel Venture Capital erhalten wie derzeit, im Vergleich zu Frankreich wäre eine Steigerung um ein Drittel nötig. Nach Auffassung der KfW-Chefvolkswirtin Dr. Fritzi Köhler-Geib droht Deutschland in wichtigen Technologiebereichen international den Anschluss zu verlieren. Von den 70 000 innovations- oder wachstumsorientierten Start-ups wollen in den kommenden Jahren etwa 9 Prozent ihr weiteres Wachstum über Risikokapital finanzieren.

Start-up-Förderung

Internationale Hochschulprogramme

Das MP3-Verfahren hat vorgemacht, wie es nicht gehen sollte: Die deutsche Erfindung wurde nicht von deutschen, sondern von US-amerikanischen  Unternehmen vermarktet, und das überaus erfolgreich. Um diesen Fehler zu vermeiden, gilt es, deutsches Ingenieursdenken mit internationalem Innovationsdenken zu kombinieren. Dies ist eines der Ziele internationaler Programme, an denen ostbayerische Hochschulen teilnehmen.

Foto: THD

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