WZ-Serie
1. Februar 2022 16:08  Uhr

Der Verzichtsgedanke birgt emotionalen Sprengstoff

Die Forderung nach Verzicht ist ein zentrales Element in der Klimadebatte. Was wie eine plausible Lösungsstrategie klingt, ist allerdings in mehrfacher Hinsicht problematisch.

Fleisch nicht vom Tier, sondern nur noch aus dem Labor: Für diesen Beitrag zum Klimaschutz dürfte die allgemeine Zustimmung noch nicht sehr groß sein. Foto: Microgen – stock.adobe.com

Von Jonas Raab

VECHTA. Die Wissenschaft kennt drei Strategien für eine nachhaltige Zukunft: Der Effizienzgedanke beschäftigt sich mit einer erhöhten Ressourcenproduktivität und lässt sich am besten am Beispiel eines Verbrennermotors beschreiben, der in Zukunft mit der gleichen Menge an Sprit doppelt so weit kommt. Die Konsistenzstrategie konzentriert sich auf naturverträgliche Technologien, beispielsweise erneuerbare Energien. Die Suffizienz bemüht den Verzichtsgedanken. Soweit die Theorie. Die Praxis offenbart ein Ungleichgewicht: Den öffentlichen Klimadiskurs bestimmt weitgehend der Verzicht: Du sollst nicht fliegen, du darfst nicht Diesel fahren, du musst weniger Fleisch essen – das birgt emotionalen Sprengstoff.

Einfluss ist begrenzt

Keine Frage, der Westen lebt über seine Verhältnisse. 7,7 Tonnen CO2 verbraucht der Deutsche pro Jahr. Die Forderung nach Verzicht ist naheliegend und längst im Bewusstsein verankert. Bereits 2018 erklärten sich 78 Prozent aller Befragten der Umweltbewusstseinsstudie des Umweltbundesamts dazu bereit, ihren Lebensstandard zugunsten des Klimas einzuschränken. Natürlich dient jede eingesparte Autofahrt, jede nicht über den halben Globus verschiffte Mahlzeit und jeder Liter an nicht verbrauchtem Heizöl dem Klima. Doch die bittere Erkenntnis: Nachhaltige Lebensweise allein stoppt die Erderwärmung nicht. Für den alles entscheidenden Energiesektor hat die Internationale Energieagentur ein Verbrauchereinsparpotenzial von rund 8 Prozent errechnet, würden die Menschen statt Auto und Flugzeug nur noch die Bahn nutzen und im Winter weniger heizen. Zur Klimaneutralität fehlen 92 Prozent.

Veränderung statt Verzicht

Wirtschafts- und Ethikprofessor Nick Lin-Hi sieht in der Ohnmacht des Einzelnen ein zentrales Problem der Klimakrise. „Wenn ich heute mit dem Fahrrad zur Arbeit fahre, ist mein Beitrag zur Klimawende nicht messbar. Den Aufwand – Kälte, Nässe, Anstrengung – habe ich trotzdem zu tragen.“ Diese Logik lasse sich auch auf die Weltgemeinschaft übertragen: Der, der sich für das Kollektivgut Klima einsetzt, muss Wettbewerbsnachteile in Kauf nehmen. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum die Klimadebatte so emotional geführt wird.

„Verzicht hat in unserer modernen Gesellschaft keine Chance. Die Klimakrise können wir nur noch mit radikalen Sprunginnovationen lösen“, sagt Lin-Hi. Er ist ein Verfechter von Fleisch aus dem Labor und überzeugt davon, dass die Technologie die heutige Fleischproduktion irgendwann in die Nische verdrängt. Konsistenz statt Suffizienz also, Veränderung statt Verzicht. Der emotionale Sprengstoff dürfte wohl derselbe bleiben.

Interview

Die Würde des Schnitzels und des Schnitzelessers

Dr. Nick Lin-Hi, Professor für Wirtschaft und Ethik an der Universität Vechta, ist überzeugt, dass Laborfleisch irgendwann Alltag wird – entschieden werde das nicht zuletzt über marktfähige Preise.

Hier geht’s zum Interview …