Markt
11. September 2020 6:00  Uhr

Deutschland braucht ein neues Geschäftsmodell

Das globale Marktgefüge ist im Umbruch: Laut einer Studie der Bayern LB und Prognos muss die Bundesrepublik Deutschland ihre Exportorientiertheit reduzieren, um weiter zukunftsfähig zu bleiben.

Deutschlands wirtschaftliche Stärke beruht zum großen Teil auf dem Export. Doch es lauern Gefahren für das deutsche Wirtschaftsmodell. Foto: newroadboy – stock.adobe.com

Von Stephanie Burger

MÜNCHEN. Die Welt mit großen Autos und hochwertigen Maschinen zu versorgen – darauf beruht im Kern das Geschäftsmodell der deutschen Wirtschaft. Und sie ist damit jahrzehntelang sehr gut gefahren. Auf den mehrfach errungenen Titel „Exportweltmeister“ war man zu Recht stolz. „Made in Germany“ ist weiter sehr gefragt – 2019 lag der Exportüberschuss laut Statistischem Bundesamt bei 293 Milliarden Euro. Das ist der höchste Wert weltweit. Doch es lauern Gefahren für das deutsche Wirtschaftsmodell. Im Vordergrund steht die coronabedingte Wirtschaftskrise, die zum stärksten Exporteinbruch in der deutschen Nachkriegsgeschichte geführt hat. Aber auch über die Krise hinaus gibt es Entwicklungen, die auf einen nachhaltigen Strukturbruch hinweisen. Welche das sind und wie sich die deutsche Wirtschaft darauf einstellen kann haben die Bayern LB und das Prognos-Institut analysiert.

Zenit im Güterhandel ist überschritten

Der globale Güterhandel verliert aufgrund stagnierender Globalisierung an Dynamik – so lautet die Ausgangsthese ihrer Studie. „Der Zenit im Güterhandel ist überschritten“, sagt Dr. Jürgen Michels, Chefvolkswirt der Bayern LB. Mit dem Eintritt Chinas in den Welthandel habe die Globalisierung und die weltweite Arbeitsteilung noch einmal eine enorme Beschleunigung erfahren. „Kurz vor der Finanzkrise war der Höhepunkt erreicht. Die Erholung danach kam zwar schnell, aber das Niveau der Jahre vorher wurde nicht mehr erreicht.“ Eine Reihe von ökonomischen und politische Entwicklungen wie eine Marktsättigung in China, der Aufbau eigener Produktionen in den Abnehmerländern, Handelskonflikte und der Brexit seien verantwortlich.

Dass sich der Exportboom abgeschwächt hat, konstatiert auch Dr. Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau e. V. (VDMA). Er bezeichnet den Rückgang jedoch als erwartbare Normalisierung. „Getrieben von China, aber auch von anderen Ländern, hatten wir Wachstumsraten im Export, die höher waren als das Welt-Bruttoinlandsprodukt. Davon profitierten wir als Investitionsgüterhersteller. Aber das war ein Sondereffekt. Insofern betrachte ich die Entwicklung als normal – und nicht als Ende von Wachstum durch Export“, sagt Wiechers.

Fokus auf Länder aus der zweiten Reihe

In einem Bereich geht auch die Studie von einer weiteren Exportzunahme aus: bei den Dienstleistungen. „Die Zuwächse sehen wir aber vor allem bei den Dienstleistungen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien“, betont Michels. „Und genau das ist das Problem: Unsere Wirtschaft hat hier keine starke Positionierung. Deutschland muss deshalb andere Wege gehen.“ Die Studie aus seinem Haus schlägt im wesentlichen drei Lösungswege vor. Der erste liegt in der Erschließung neuer geografischer Märkte aus der zweiten Reihe: „Bisher haben wir uns auf wenige große Märkte, vor allem auf den chinesischen Markt, fokussiert. Das hat auch gut funktioniert, wir haben den Markt verstanden und konnten ihn gut bedienen. Jetzt müssen wir den Fokus auf Länder umlenken, die eine gewisse Größe und gleichzeitig eine relativ hohe Kaufkraft aufweisen.“ Potenzielle Wachstumsmärkte seien Indien, Indonesien, die Philippinen sowie weitere südostasiatische und auch afrikanische Länder wie etwa Nigeria. „Allerdings stellt sich die Frage, ob wir die richtigen Produkte für diese Märkte haben. Vielleicht müssen wir hier auf eine Art Einsteigerprodukt setzen.“

Auch VDMA-Chefvolkswirt Wiechers geht davon aus, dass der Maschinenbau neue Märkte adressieren und sich auf ein kleinteiligeres Exportgeschäft einstellen muss. Aus Kapazitätsgründen könnten jedoch die zum großen Teil mittelständischen Unternehmen nicht überall aktiv werden. „Wachstum muss man ja auch umsetzen können. Neue Märkte erfordern immer erst ein Investment. Und ein solches geht man an, sobald es am Stammmarkt schwieriger wird.“

Innovative Produkte müssen entwickelt werden

Neben neuen Märkten sind der Studie zufolge auch neue Produkte gefragt. Potenzial wird vor allem in hybriden Geschäftsmodellen gesehen – im Idealfall realisiert in Form von Plattformökonomien. „Wir sind nicht gut in reinen IT-Dienstleistungen. Aber wir sind extrem gut darin, die besten Maschinen zu bauen. Wir sollten also viel stärker darauf setzen, Maschinen mit ergänzenden Dienstleistungen anzubieten“, sagt Michels. Über Plattformen mit Playern aus verschiedenen Bereichen könne das volle Potenzial dieser Geschäftsmodelle ausgeschöpft werden. „Nur über größere Plattformen können wir unsere Stärken hebeln.“

Die Kombination von Hardware und Services gewinne zunehmend an Bedeutung, stellt Wiechers fest. Auch IT-Services würden stark zunehmen – bereits 2018 habe die Branche rund sechs Prozent ihres Umsatzes durch IT-Services erwirtschaftet. Dass der Maschinenbau in Sachen Plattformökonomie noch etwas zurückhaltend sei, räumt Wiechers ein. Als Grund dafür nennt er die Erklärungsbedürftigkeit der zumeist hochkomplexen Produkte. „Aber in Produktbereichen, in denen Verfügbarkeit, Markttransparenz und der Preis eine starke Rolle spielen, sehe ich durchaus Potenzial für Plattformen“, meint Wiechers.

Kompensation durch neue Zielgruppen und Binnenmarkt

Neue Exportmöglichkeiten eröffnet der Studie zufolge der Klimawandel und die Notwendigkeit, die Wirtschaft nachhaltiger zu gestalten. „Hier können wir einen vermeintlichen Nachteil in einen Vorteil drehen“, sagt Michels: „In der EU und besonders in Deutschland unterliegen die Unternehmen einer harschen CO2-Regulierung. Die Nachfrage nach Technologien, die zur Kohlendioxid-Reduktion beitragen, wird jedoch zunehmen. Wir haben hier einen Wettbewerbsvorteil – in der Produktion, aber auch in der Finanzierung. Über Green Bonds, also Klimaanleihen, bekommt man hierzulande günstige Konditionen für einschlägige Investitionen.“

Einen Kompensationsbeitrag für den Rückgang im Exportgeschäft erwartet die Studie von der Binnennachfrage, vor allem im Bereich von Produkten und Dienstleistungen für die alternde Gesellschaft. „Die Einkommenssituation der älteren Bevölkerungsgruppe ist gut – und sie ist auch bereit, zu konsumieren“, meint Michels. Auch im Hinblick auf perspektivisch in der Industrie wegfallende Jobs sei es wichtig, durch eine Stärkung des Binnenmarktes neue Arbeitsplätze zu generieren. „Aufgrund unserer Exportorientierung haben wir den Binnenmarkt vernachlässigt. Künftig wird das Wachstum stärker von der Binnennachfrage getrieben. In ihr alleine liegt natürlich nicht die Lösung, aber wir sollten sie bedienen können.“

Im Fokus: Exportwirtschaft

Ob Lockdown, Exporteinbrüche oder ein schwächelnder Binnenmarkt: Das Marktgefüge ist ins Wanken geraten, in Deutschland und weltweit. Es gibt verschiedene Lösungsansätze: So könnte man den Binnenmarkt stärken, sich hinsichtlich Exportzielen und -produkten umorientieren – oder auch aus den Erfahrungen der Coronakrise weitere wichtige Lehren ziehen. Mehr zum Thema lesen Sie hier.