Energiewende
9. Juni 2022 5:55  Uhr

Deutschland erlebt eine Zeit des großen Erwachens

Das Bayernwerk betrachtet den Weg hin zu erneuerbarer Energie als die beste und vielversprechendste
Lösung, um aus der Abhängigkeit von Energie- und Rohstofflieferungen vor allem aus Russland herauszufinden.

Andreas Ladda, Melanie Wiese und Dr. Egon Leo Westphal (re.) mit Roboter „BASTI“, der künftig Umspannwerke überwachen soll | Foto: Tino Lex

Von Gerd Otto

REGENSBURG. Nicht von ungefähr hat das Energieunternehmen Bayernwerk seine diesjährige Jahrespressekonferenz in einen Innovationsparcours eingebettet. Offenbar wollte man deutlich machen, wie sehr gerade mit Blick auf die energiewirtschaftliche Zeitenwende etwa eine Flugdrohne zur Inspektion der Stromleitungen, Laufroboter in Umspannwerken oder der Speichercontainer Oskar II. von Bedeutung sind, um zum Beispiel die Elektromobilität in alle Ecken Bayerns zu bringen. Jedenfalls erläuterte Vorstandsvorsitzender Dr. Egon Leo Westphal mit Nachdruck, dass Deutschland angesichts der immensen Abhängigkeit von Energie- und Rohstofflieferungen insbesondere aus Russland derzeit eine „Zeit des großen Erwachens“ erlebe. Als Achillesferse nannte er eine sichere Gasversorgung, die er je nach Branche als unverzichtbar bezeichnete. Der beste und vielversprechendste Weg aus dieser Abhängigkeit sei der Weg hin zu erneuerbarer Energie, betonte Westphal.

Photovoltaik-Boom in Bayern

Eine völlig neue Relevanz komme laut Westphal den drei Seiten des Energiedreiecks zu: der Versorgungssicherheit, der Bezahlbarkeit und der Nachhaltigkeit. In puncto Energiepreise begrüßte der Vorstand des Bayernwerks die Aussetzung der EEG-Umlage und forderte darüber hinaus Entlastungen von Steuern, Umlagen und Abgaben. In Bayern habe die Energiezukunft bereits mit der Jahrtausendwende begonnen, jedoch erst 2010 richtig Fahrt aufgenommen. Von den damals 40.000 Photovoltaikanlagen, die pro Jahr ans Netz angeschlossen wurden, hat sich das Volumen im Bayernwerk-Netz inzwischen auf 350.000 Anlagen gesteigert. Aktuell liegen PV-Anschlussanträge mit einem Leistungsvolumen von 15.000 Megawatt auf dem Tisch, was in etwa der zehnfachen Leistung des Kernkraftwerkes Isar 2 entspricht. 2021 waren nicht weniger als 40.000 Anfragen für neue PV-Anlagen beim Bayernwerk eingegangen.

Ohne einen massiven Ausbau der Netze werde die Umsetzung des Energiekonzeptes jedoch nicht gelingen. Von heute 300 Umspannwerken, die aus dem Blickwinkel des Bayernwerks als Bindeglieder zwischen den Netzebenen benötigt werden, dürften bis 2040 rund 600 neue Umspannwerke hinzukommen. Auf einen Nenner gebracht gibt Westphal das Ziel aus: „Wir bauen in den nächsten 15 bis 20 Jahren ein weiteres Bayernwerk.“ Ohne entsprechende Kapazitäten im regionalen Verteilnetz werde der geplante Zubau an erneuerbaren Energien nicht stattfinden können. „Wer die erneuerbaren Energien entfesseln will, muss die Energienetze entfesseln“, ist Egon Leo Westphal überzeugt. Um dies umzusetzen, so sein Appell an die Politik, müssten die Genehmigungsprozesse deutlich verschlankt werden.

Vier Milliarden ins Verteilnetz

Für die Zukunft der Bayernwerk-Gruppe als einer hundertprozentigen Tochtergesellschaft des E.ON-Konzerns seien die strategischen Megatrends Nachhaltigkeit und Digitalisierung maßgeblich. Dementsprechend nannte Vorstandsmitglied Melanie Wiese, die für die Ressorts Finanzen, IT und Materialwirtschaft verantwortlich ist, als Antwort auf die sich verschärfenden Herausforderungen ein Ausbau- und Instandhaltungsprogramm in der Größenordnung von 680 Millionen Euro in diesem Jahr. Von 2020 bis 2025 kommt das Bayernwerk damit auf Investitionen von vier Milliarden Euro in das regionale Verteilnetz.

Andreas Ladda, Vorstandsmitglied für Personal und Markt, hob die Zusammenarbeit mit den 1.300 Partnerkommunen besonders hervor und erläuterte unter anderem diverse Quartierslösungen wie die Ortsmitte in Wackersdorf, wo Strom und Wärme intelligent miteinander verzahnt worden seien. Gleichzeitig habe man sich in einer Nachhaltigkeitsstrategie ganz grundsätzlich dazu entschieden, ab 2023 in den neu entwickelten Stadtvierteln keine fossilen Brennstoffe mehr einzusetzen, und damit auch kein Erdgas. Man biete nur noch Lösungen für eine zu 100 Prozent CO2-freie Energie- und Wärmeversorgung. Auch vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen sei dies der richtige Weg.