Interview
1. September 2021 16:37  Uhr

Deutschland ist Europas größter E-Sportmarkt

Im Gespräch mit Stephan Burmeister, Referent der Geschäftsführung bei der SSV Jahn Regensburg GmbH & Co. KGaA und zentraler Ansprechpartner für die Abteilung Jahn E-Sports

Stephan Burmeister ist beim SSV Jahn Regensburg Ansprechpartner für E-Sports. | Foto: SSV Jahn

Von Rebecca Sollfrank

Herr Burmeister, in den Köpfen vieler Menschen ist Sport immer noch zwingend mit körperlicher Anstrengung verbunden. Was entgegnen Sie Kritikern, die E-Sport nicht für „echten“ Sport halten?

Stephan Burmeister: Die Diskussion, ob E-Sport „echter Sport“ ist, ist vielschichtig und muss aus vielen Perspektiven anhand unterschiedlichster Kriterien betrachtet werden. Eine richtige Antwort gibt es gegenwärtig wohl noch nicht. Man muss dabei dennoch beachten, dass die professionelle Ausübung verschiedene Leistungskriterien voraussetzt. So werden während des Gamings bis zu 300 zumeist kurze, schnelle und präzise Bewegungen am Controller beziehungsweise der Maus und Tastatur je Minute durchgeführt. Da die Augen jedoch auf den Bildschirm gerichtet sind und das Spielgerät unterhalb des Blickwinkels liegt, haben E-Sportler eine ausgeprägte Visuomotorik, also Hand-Augen-Koordination. Darüber hinaus müssen die Spieler zumeist auf gegnerische Aktionen in Millisekunden reagieren, was eine geschärfte Reaktionsschnelligkeit erfordert. In hochintensiven Situationen erhöht sich zudem die Herzfrequenz und es kommt nachweislich zu einem erhöhten Cortisol-Wert, der wiederum ein Anzeichen für Stress ist. Um in diesen Stresssituationen ausbalanciert agieren zu können und den Fokus nicht zu verlieren, bedarf es einer hohen Stressresistenz sowie einer gefestigten mentalen Stärke. Diese mentale Stärke muss durch ständiges Training und viele Wettbewerbe ausgebildet werden, kann jedoch auch nur dann sichergestellt werden, wenn eine gewisse körperliche Fitness vorhanden ist. Dementsprechend sitzen die Gamer auch nicht den ganzen Tag vor der Spielkonsole, sondern treiben körperlichen Sport, um den Körper auf die physische sowie psychische Belastung vorzubereiten.

Belegt die Tatsache, dass Anbieter wie die deutsche Sportakademie inzwischen konkrete Weiterbildungsangebote für den E-Sportmanager anbieten, dass der E-Sport sich seinen Platz im Profisportkosmos – auch auf ökonomischer Basis – bereits erobert hat?

In diesem Bereich hat sich bereits ein vielfältiges Ökosystem entwickelt, in dem sich viele verschiedene Stakeholder mit unterschiedlichsten Interessen bewegen. Wirtschaftsunternehmen agieren als Sponsoren von Veranstaltungen, Clans oder E-Sports-Teams, um die Generation Z durch ihre werbliche Präsenz auf sich aufmerksam zu machen oder ihre Mitarbeiterakquise zu unterstützen. Große Veranstaltungsagenturen planen riesige Live-Events in Hallen, die sonst von Handball- oder Basketballteams gefüllt werden. Und Turnierorganisatoren schütten Preisgelder an die besten E-Sportler aus, von denen diese ihren Lebensunterhalt als Profi finanzieren können. Auch Medienrechtehalter erwerben die Übertragungsrechte von Turnieren, um diese auf ihren Plattformen zu streamen und hierdurch Traffic und Reichweite zu generieren. Darüber hinaus gibt es natürlich noch die zumeist jungen Fans, die die Tickets für Events kaufen oder Merchandising-Artikel bestellen. Zudem sind es gerade diese Fans, die auf den sozialen Medien über die Events und Livestreams sprechen, Tweets und Posts teilen und kommentieren und somit für noch mehr Reichweite sorgen. In Zahlen ausgedrückt, hat die Branche in Deutschland im Jahr 2019 ein Umsatzvolumen von 70 Millionen Euro erwirtschaftet und bildet damit den größten E-Sport-Markt in ganz Europa. Auch die prognostizierten Wachstumszahlen von derzeit jährlich weit über 20 Prozent sprechen für eine gewisse ökonomische Relevanz. Trotzdem muss eine langfristige Verankerung als Wirtschaftsbranche aber in vielfältiger Hinsicht zukünftig noch durch eine weitere Professionalisierung sichergestellt werden.

Bitte beschreiben Sie die Arbeit eines E-Sportmanagers etwas mehr im Detail – welche Eigenschaften muss man dafür mitbringen?

Wichtige Eigenschaften sind ein gewisses organisatorisches Geschick, ein strukturiertes Kommunikationsverhalten sowie eine ausgeprägte Lernbereitschaft. Diese Eigenschaften zahlen vor allem auf die Arbeit mit den bereits zuvor genannten Stakeholdern im E-Sport-Ökosystem ein. Wichtig ist auch, sein eigenes Verständnis von der Technik sowie der digitalen Umsetzung stetig zu optimieren, um das angebotene E-Sport-Produkt fortlaufend an sich sehr schnell wandelnde digitale Trends und Entwicklungen anpassen zu können. Das oberste Ziel muss dabei stets sein, ein Angebot in bestmöglicher Qualität und angepasst an die Bedürfnisse der Zielgruppe zu kreieren.

„E-Sportmanager“ klingt wie der wahrgewordene Traum junger Menschen, sein Hobby zum Beruf zu machen. Ein wesentlicher Faktor der „New Work“ ist persönliche Befriedigung und Sinngehalt der beruflichen Tätigkeit. Hinzu kommt der digitale Aspekt des eSportmanagers – ist er damit ein ideales Berufsbild der digitalen Berufswelt der Zukunft?

In der Tat beschreibt das Berufsbild viele Faktoren der „New Work“. Hierzu zählt allen voran auch die Möglichkeit, standortunabhängig zu arbeiten. Ein zweiter wesentlicher Faktor ist zudem das iterative Arbeiten. E-Sport findet zumeist auf sozialen Streaming-Plattformen beziehungsweise in den sozialen Medien statt. Man erhält durch die Kommentare und den direkten Austausch mit den Zuschauern und Followern stetig und durchgehend Feedback, positiv wie negativ. Aufbauend gilt es seinen Content fortlaufend anzupassen, Inhalte aus seinen Streams auszubauen oder auf neue Plattformen zu verlängern. Darüber hinaus ist die Branche schnelllebig und man muss jederzeit up to date bleiben. Nur durch einen an die Zielgruppe angepassten Content kann sichergestellt werden, dass eine größtmögliche Reichweite erzielt wird. Denn Reichweite ist letztendlich die Währung des E-Sports.

Wie sehen die wirtschaftlichen Aussichten für E-Sportmanager aus und wie könnte sich das in den kommenden Jahren entwickeln?

Wie angesprochen nimmt die ökonomische Bedeutung derzeit rasant zu. Eine nachhaltige Entwicklung und damit eine verlässliche Aussage zu den wirtschaftlichen Aussichten des Berufsfeldes E-Sportmanager hängen andererseits jedoch wesentlich von der weiteren fortlaufenden Professionalisierung der Branche ab. Eine verlässliche Aussage, ob das Berufsfeld sich langfristig am Arbeitsmarkt für die breite Masse und nicht nur als Beruf für einige wenige durchsetzen wird, lässt sich somit zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht abschließend prognostizieren.