Antriebstechnologie
6. Juni 2020 6:00  Uhr

Deutschland soll Vorreiter bei Wasserstoff werden

Im Konjunkturpaket der Bundesregierung sind neun Milliarden Euro für die Förderung von Wasserstoff vorgesehen. Bayern prescht mit einer eigenen Wasserstoff-Strategie voran.

Ein Wasserstoffantrieb des Automobilherstellers BMW wurde bei der Vorstellung der bayerischen Wasserstoffstrategie im Messezentrum in Nürnberg präsentiert. Foto: Timm Schamberger – dpa

von Oxana Bytschenko


Nürnberg. Wenn es um die Alternativen zu Verbrennungsmotoren geht, richtet sich der Fokus meist auf Elektroantriebe. Dabei ermöglicht Wasserstoff umweltfreundlichere Antriebe als Batterien. Dennoch befindet sich diese Antriebstechnologie im Dornröschenschlaf. Doch Hubert Aiwanger will sie jetzt erwecken: Anfang Juni präsentierte der bayerische Wirtschaftsminister in Nürnberg die Wasserstoffstrategie des Freistaates. „Die Kunden warten auf diese Autos und fahren lieber ihren alten Diesel weiter, als ein E-Auto zu kaufen“, sagte er.

Bayern verfolgt eigene Wasserstoff-Ziele

Aiwanger bezeichnete Wasserstoff als „Energieträger der Zukunft“ und betonte, dass es „Zeit wird loszulegen“ und Bayern nun zur „Speerspitze“ in Sachen Wasserstoff werde. Die Staatsregierung habe verschiedene Forschungseinrichtungen und Industriepartner ins Boot geholt, um die Strategie zu entwickeln – und zwar abseits der bundespolitischen Pläne. „Der Bund kommt einfach nicht zu Potte. Die Wasserstoffstrategie wird jetzt seit Monaten immer wieder verschoben. Dabei wären eine deutsche Strategie und Förderprogramme wichtig, um die Energiewende voranzutreiben und Deutschland beim Energieträger der Zukunft ambitioniert zu positionieren“, sagt Aiwanger. Im Rahmen ihres Konjunkturpakets hat die Bundesregierung jedoch nun erneut angekündigt, in Kürze ihre Nationale Wasserstoffstrategie vorzulegen. Untermauert wird die Ankündigung mit einer Fördersumme von neun Milliarden Euro, die das Konjunkturpaket für die Wasserstoff-Branche vorsieht.

100 neue Wasserstoff-Tankstellen in Bayern

Die Bayerische Wasserstoffstrategie setzt darauf, die Forschung zu intensivieren. Dafür gibt der Freistaat 65 Millionen Euro aus. Es soll eine Plattform entstehen, die unter anderem für Mittelständler einen Einstieg in die Thematik bietet. „So können die Firmen auch ihren Beitrag leisten“, erklärte Hubert Aiwanger. Zur Versorgung mit Wasserstoff gehört auch die Infrastruktur, sprich Tankstellen. „Wir wollen in den nächsten Jahren 100 Tankstellen errichten, eine in jedem Landkreis“, sagte Aiwanger. Als Priorität sieht er Zapfsäulen für Lkw und Busse, später dann auch für Autos. Bei den Lkw mit Wasserstoff-Antrieb soll die Hälfte der Kosten vom Staat bezuschusst werden. Zum Thema Infrastruktur gehöre auch die Lieferung von Wasserstoff aus dem Ausland, weil in Deutschland nicht genug Wasserstoff produziert werden könne. Dieser könne flüssig gespeichert und per Pipeline oder Schiff nach Deutschland transportiert werden. Pipelines wären für Länder wie Island, Schottland, Nordafrika oder auch Russland denkbar. Wasserstoff aus Australien oder Chile sollte man dagegen per Tankschiff transportieren. In Deutschland könne man die Gas-Netze für den Transport innerhalb des Landes nutzen.

Know-how in Deutschland halten

Den Streit um die richtige Antriebstechnik hält Aiwanger für unsinnig. „Das Wasserstoff-Auto fährt auch elektrisch, also brauchen wir auch die Batterie. Damit wären beide Antriebsarten miteinander versöhnt“, sagte Aiwanger. Auch Zulieferern wäre so geholfen, die wegen der neuen Antriebsarten verunsichert sind und nicht wissen, wohin sie ihr Geld investieren sollen. „Einige sind deshalb schon vom Markt verschwunden, andere überlegen ins Ausland zu gehen“, sagte Aiwanger. Eine zielgerichtete Strategie für Wasserstoff könne helfen, das Know-how in Deutschland zu halten und weiter zu entwickeln. „Der Antrieb ist also gut für die Wirtschaft, die Umwelt und geht nicht mit Verzicht auf Mobilität einher – Wasserstoff ist also die berühmte eierlegende Wollmilchsau“, erklärte Aiwanger.

Rasender Fortschritt der Technik

„Bayern hat eine große wissenschaftliche Expertise“, sagte Professor Veronika Grimm, Vorstand im Zentrum Wasserstoff.Bayern (H2.B) in Nürnberg. Sie beobachte einen rasenden Fortschritt in der Entwicklung der Antriebstechnik. Auch die Industrie sei bereit, die Transformation zu wasserstoffbasierten Antrieben mitzugestalten und dabei auch große Schritte zu gehen. „Aber: Geschäftsmodelle einzelner Unternehmen können nur entstehen, wenn die Voraussetzungen stimmen“, betonte sie. Für den Erfolg von Wasserstoff als Antrieb sei eine gemeinsame Umsetzung ausschlaggebend. „Auch die Erwartungen aller Akteure aus der Wirtschaft und der Politik müssen übereinstimmen“, sagte Grimm. Dazu will das H2.B eine Roadmap herausgeben, um aufzuklären, wie es mit Wasserstoff weitergeht.

Potenzial für 10.000 Arbeitsplätze in Bayern

Auf diesem Weg kann der Klimaschutz zusammen mit Industriewertschöpfung umgesetzt werden, sagte Professor Dr. Peter Wasserscheid, Vorstand von H2.B. Als Bereiche, die für Wasserstoff geeignet sind, nannte er unter anderem die Logistik, Chemie-, Glas- und Metallindustrie. Rund 10.000 Arbeitsplätze könnten dabei in Bayern entstehen. Bereits heute arbeiten mehrere Hundert Firmen im Freistaat an der Technologie. „Wir streben hier nach Technologieführerschaft und müssen die Wasserstofftechnik vielfältig denken“, sagte er. Einige Länder, vor allem im Asien, investieren viel Geld in diesem Bereich. „Wir müssen uns anstrengen, da aufzuholen“, sagte Wasserscheid. Dabei soll die neue Strategie des Freistaates helfen. „Wenn Berlin nachzieht, wird es ein Riesenerfolg“, sagte Aiwanger. Auch die EU-Ratspräsidentschaft ab Juli 2020 könne man nutzen, „um in Europa die Wasserstoff-Pflanze zu pflanzen“.

Online-Workshop

Aufbau eines F&E-Netzwerks zur Entwicklung neuer Technologien auf Basis von Wasserstoff und Brennstoffzellen

Das E-Mobilitätscluster Regensburg und die OTH Regensburg werden in Kooperation mit der IHK Regensburg ein Forschungs- und Entwicklungsnetzwerk (F&E) initiieren, um neue Technologien auf Basis von Wasserstoff und Brennstoffzellen zu entwickeln. Zielgruppe sind Unternehmen mit Kompetenzen im F&E-Bereich und der Bereitschaft, an „Open Innovation Projekten“ mitzuarbeiten. In einem Online-Workshop am 17. Juni 2020 können sich Interessierte unverbindlich informieren. Foto: maicasaa – adobe.stock.com

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