Logistik
21. September 2020 6:05  Uhr

Die Blockchain könnte die Logistik revolutionieren

Lieferketten sind komplexe und fragile Gebilde. Die Blockchain könnte dazu beitragen, sie stabiler zu machen. Das Projekt „Block.IS“ will die Technologie durch ein europaweites Ökosystem voranbringen.

Die Blockchain-Technologie, derzeit vor allem bekannt für Kryptowährungen wie den Bitcoin, kann auch in anderen komplexen Bereichen zu reibungslosen und sicheren Abläufen beitragen. | Foto: Siarhei – stock.adobe.com

Von Stephanie Burger

REGENSBURG. Moderne Lieferketten sind komplexe und globale Netzwerke mit einer Vielzahl an Beteiligten: Hersteller, Zulieferer, Transportunternehmen, Händler und Vertriebspartner. Dass diese Komplexität auch die Störanfälligkeit von Lieferketten erhöht, liegt auf der Hand. Die Coronapandemie hat diese Problematik noch einmal deutlich gemacht. Auch wenn eine Antwort auf die Krise sein dürfte, die Lieferketten zumindest in Teilen lokaler aufzustellen – an ihrer grundsätzlichen Mehrstufigkeit, Breite und Globalität wird sich Experten zufolge wenig ändern. Eine Chance, sie dennoch transparenter und widerstandsfähiger zu machen, bietet eine digitale Technologie, die nach einem großen Hype um sie eine gewisse Ernüchterung erfuhr: die Blockchain. Dem Hype-Cycle-Ansatz des Marktforschungsinstituts Gartner zufolge bewegt sich die Blockchain aktuell aus dem „Tal der Ernüchterung“ heraus, um sich nachhaltig zu etablieren.

Fälschungssicherer Frachtbrief

Das Potenzial der Blockchain für die Sektoren Fintech, Agrar- und Nahrungsmittel sowie Logistik zu heben, ist das Ziel eines EU-Projekts, an dem der IT-Logistikcluster mit Sitz in der Regensburger Techbase beteiligt ist. Warum sich die Blockchain für die Logistik besonders eignet, erklärt Michael Strobel, Projektleiter beim IT-Logistikcluster, am Beispiel des Frachtbriefes: „Auf Basis der Blockchain könnte die Frachtdokumentation absolut fälschungssicher und transparent erfolgen. Die Blockchain würde es ermöglichen, dass alle Daten entlang der Lieferkette für alle Beteiligten einsehbar, gleichzeitig aber unveränderbar und dadurch technisch kaum angreifbar sind“, sagt Strobel. Manipulationsversuche würden schnell auffallen, da jeder Eintrag gleichzeitig auf allen teilnehmenden Rechnern erscheint. „Gerade im Seeverkehr, wo Güter oft wochenlang unterwegs sind, würde ein Blockchain-basierter Frachtbrief die Herkunftskontrolle von Gütern wesentlich erleichtern“, meint Strobel.

Projekt mit Fokus auf dem Mittelstand

Ziel des gemeinsam mit elf europäischen Partnern gestarteten und auf 32 Monate angelegten Projekts, das durch das Programm „Horizon 2020“ der Europäischen Union gefördert wird, ist es, ein sektoren- und grenzüberschreitendes sowie kollaboratives Innovationsökosystem zum Thema Blockchain aufzubauen. Der Fokus des Projekts liegt laut Strobl dabei auf kleinen und mittleren Unternehmen. In zwei sogenannten „Open Calls“ können sich diese mit einer Blockchain-Projektidee bewerben. Die ausgewählten Projekte werden mit einer Fördersumme von bis 60.000 Euro sowie technischer und betriebswirtschaftlicher Beratung bei der Umsetzung unterstützt. Diese verläuft in drei Phasen: der Innovations-, der Experiment- und der Kommerzialisierungsphase. „Am längsten und aufwendigsten ist die Experimentphase. In dieser wird immer wieder auch Know-how von außen in das Projekt hineingetragen, beispielsweise durch Bootcamps mit externen Experten“, sagt Strobel.

111 Bewerbungen sind eingegangen

Die Anforderungen, um an einem Open Call teilnehmen zu können, seien bewusst niedrig. „Es genügt im Grunde die Beschreibung eines Prozesses, der digitalisiert werden soll. Kommt für die Umsetzung die Blockchain infrage und verspricht die Lösung Marktpotenzial, so hat der Bewerber gute Chancen, ausgewählt zu werden.“ Für den zweiten Open Call im Sektor Logistik sind laut Strobel 111 Bewerbungen eingegangen, von denen 45 zur Teilnahme an dem Programm ausgewählt wurden. Es gibt noch eine weitere Teilnahmemöglichkeit für Unternehmen und Start-ups: die „Virtual Challenges“. „Das sind Online-Hackathons, an denen die Teilnehmer gemeinsam Projektideen entwickeln. Auch hier gibt es Begleitservices, die bei der Weiterentwicklung unterstützen.“

Effizientere Transportkontrolle

Eine besondere Rolle innerhalb des Block.IS-Ökosystems ist aufgrund ihrer Multiplikatorenfunktion den Clustern zugedacht. Für sie finden europaweit sogenannte „Block.IS Clustermissions“ statt, das sind Roadshows mit Brainstorming-Sitzungen und Vorträgen. Sie sollen kleine und mittlere Unternehmen sowie Start-ups zusammenbringen, die Kooperation und den Wissensaustausch fördern.

In Regensburg fand bereits eine solche Clustermission statt. Sie wurde vom IT-Logistikcluster in Kooperation mit dem Blockchain Bayern e. V. veranstaltet, der das Ziel hat, Bayerns Potenziale und Stärken als Blockchain-Ökosystem bundesweit und international gemeinsam zu entwickeln. Strobel hält es für sehr realistisch, dass aus dem breit angelegten Projekt industriell einsetzbare Lösungen hervorgehen werden. Und auch das Problem der Blockchain-Technologie, dass die Verschlüsselung der Informationsblöcke sehr energieintensiv ist, werde mittelfristig gelöst werden, ist er überzeugt. „Blockchain könnte viele Herausforderungen der Logistik lösen – von der Herkunftskontrolle von Gütern über die Bekämpfung von Produktpiraterie bis hin zur Kontrolle von Transportbedingungen.“

Interview

Kein Allheilmittel, aber für viele Zwecke sinnvoll

Harald Geimer, Managing Director der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers (PwC), spricht im Interview über die Möglichkeiten und Grenzen des Einsatzes der Blockchain-Technologie in der Logistikbranche.

Hier geht’s zum Interview …