Interview
14. Dezember 2020 17:18  Uhr

Die Coronakrise verstärkt die Bildungsungleichheit

Alexander Krauß ist Geschäftsführer des Instituts für sozialwissenschaftliche Beratung (Isob). Im Interview fordert er unter anderem ein Bildungssystem, das weniger auf die Ressourcen des Elternhauses ausgerichtet ist.

Ein eigener Laptop, eine konzentrierte Atmosphäre und Ruhe: Ideale Bedingungen wie diese finden sich nicht in jedem Homeschooling-„Klassenzimmer“. | Foto: Gorodenkoff Productions OU – stock.adobe.com

Von Stephanie Burger

Herr Krauß, in der aktuellen Krisensituation scheinen sich soziale Unterschiede zu verstärken. Wird auch die soziale Bildungsschere weiter aufgehen?

Alexander Krauß: Ja, diese Entwicklung ist zu befürchten. Wenn Schule als physischer Ort ausfällt, trifft das die Gruppe der Kinder besonders hart, deren Familien über wenig soziales und finanzielles Kapital verfügen. Je weniger Ressourcen vorhanden sind, und dazu gehören ganz wesentlich auch Netzwerke, desto mehr sind Familien auf starke Institutionen angewiesen. Ohne Schule geht zudem Orientierung verloren. Bildungsferne Familien wissen dann oft einfach nicht, was überhaupt zu tun ist. Sie können Homeschooling nicht umsetzen. Für die Kinder findet dann Schule schlichtweg nicht statt.

Welche weiteren Faktoren tragen zu dieser Ungleichheit bei?

Ein verstärkender Faktor ist, dass diese Gruppen oft nicht als relevant wahrgenommen werden und selbst gleichzeitig kaum in der Lage sind, ihre Ansprüche und Interessen einzuforden. Klappt beispielsweise in einer Schule in einem wohlhabenderen Stadtteil, die, nebenbei bemerkt, auch noch besser ausgestattet ist als Schulen in einem ärmeren Stadtteil, etwas nicht, stehen am nächsten Tag 20 Eltern vor dem Schulamt. Bildungsferne und migrantische Familien hingegen wissen oft nicht, wie und wo sie ihre Interessen einbringen können. Diese Form von Benachteiligung und sozialer Ausgrenzung hat sich durch die Krise extrem verschärft – auch weil die wenigen Strukturen und Abläufe, die vorhanden waren, weggebrochen sind. Ganz besonders leiden geflüchtetete Kinder unter der Situation. Teilweise waren sie in ihren Unterkünften vom Fernunterricht abgeschnitten, da WLAN oder Hardware wie Computer und Drucker nicht vorhanden waren und oft auch immer noch nicht sind. Mobile Geräte mit einem aus Tarifgründen begrenzten Datenvolumen sind hier völlig ungeeignet. Zugleich waren sie coronabedingt von ihren ehrenamtlichen Unterstützern abgeschnitten. Auch wenn dies ein Extremfall ist: Abgeschwächt sehen wir solche Problematiken generell in bildungsfernen Familien. Die Kinder fallen in ein Loch, wenn sie in einer Situation, in der institutionelle Unterstützung nötiger wäre denn je, komplett auf sich zurückgeworfen sind.

Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Digitalkompetenz?

Die digitale Kluft zwischen den Milieus spielt eine wichtige Rolle. Das ist auch, aber bei Weitem nicht nur eine Frage der technischen Ausstattung. Denn digitales Lernen erfordert ein hohes Maß an Selbstorganisation – eine ausgesprochen bildungsbürgerliche Fähigkeit. Eine Zunahme sozialer Ungleichheit zeichnet sich auch in der Hinsicht ab, dass bildungsbürgerliche Schichten bei allen Nachteilen, die auch sie in der Krise erlitten haben, mit einem Zugewinn an Digitalkompetenz und Selbstorganisationsfähigkeit aus der Krise hervorgehen. Bildungsferne Schichten können keinerlei Gewinn aus der Krise ziehen, sie werden noch weiter abgehängt.

Der Grundcharakter unseres Schulsystems ist armutsunfreundlich.


Welche Lehren sollten aus der Krise für den Bildungssektor gezogen werden?

Eine Lehre wäre meiner Ansicht nach, die zu starke Ausrichtung des deutschen Bildungswesens auf die individuelle Lehrerpersönlichkeit zu überwinden. Wie es sich gezeigt hat, gibt es kein Back-up, wenn der Lehrer ausfällt. Es werden außerdem zu wenig systematisch Lerninhalte digital an einem Ort vorgehalten. Dabei wäre das gar nicht so schwierig. Man könnte dazu auf bereits vorhandene Apps aufsetzen, wie zum Beispiel auf die Anton-App für Grundschulen. Das deutsche Schulsystem baut auch zu sehr auf die Ressourcen des Elternhauses, die aber nicht immer vorhanden sind. Der Grundcharakter unseres Schulsystems ist armutsunfreundlich. Es gibt Ansätze, dies zu verändern. Einige haben wir im Projekt „Erasmus+ Roma and Migrant Children in Schools“ herausgearbeitet, wie zum Beispiel die Stärkung der Schulsozialarbeit, die ein wichtiger Brückenbauer zwischen Bildung und dem allgemeinen sozialen Umfeld sein kann, oder die standardmäßige Einbindung von Freiwilligen in das Schulsystem.

Blicken wir auf die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die die Krise beim Übergang in den Job trifft. Werden Narben im Lebenslauf bleiben?

Das hängt natürlich sehr von der individuellen Widerstandsfähigkeit ab. Wir kommen aus einer Phase sehr guter Chancen für junge Menschen. Das relativiert sich jetzt. Aber auch hier werden sich Selektionseffekte zeigen. Wenn Betriebe plötzlich wieder die Auswahl aus einer Vielzahl von Bewerbern haben, werden diejenigen, die man intensiv einarbeiten muss, um die man sich mehr kümmern muss, hintangestellt. Hier braucht es eine sehr entschlossene Diversitätspolitik der Betriebe, um auch in schweren Zeiten einen guten Mix an Nachwuchskräften aufrechtzuerhalten. Natürlich gibt es keinen individuellen Anspruch darauf, dass im Leben immer alles glatt läuft. Aber wenn es sich erweist, dass sich die Chancen für bestimmte Gruppen besonders verschlechtern, könnte tatsächlich das Gefühl hängenbleiben, von dieser Gesellschaft zurückgewiesen zu werden. Das wäre schlecht für die individuelle Entwicklung, aber auch für den gesellschaftlichen Zusammenhalt.

 

 

 

 

 

 

 

Der Soziologe und Politikwissenschaftler Alexander Krauß ist seit 2003 Geschäftsführer des Isob Instituts für sozialwissenschaftliche Beratung GmbH. Das Institut betreibt Forschung, Entwicklung, Evaluation und Beratung unter anderem auf den Gebieten Lernende Organisation, Organisationsentwicklung, Migration und Bildung, Industrie 4.0 und Lernen 4.0, Weiterbildungsberatung, KMU- und Start-up-Förderung sowie Medienpädagogik.