Markt
31. Januar 2022 5:50  Uhr

Die Fitnessbranche leidet an Long Covid

2G-plus macht den angeschlagenen Fitnessstudios zu schaffen. Deshalb das Ende der Branche einzuläuten, wäre aber verfrüht: Aus Ostbayern kommen auch gute Nachrichten.

Das Fitnessjahr startete für viele Studiobetreiber ernüchternd. 2G-plus spielt dem inneren Schweinehund der Kunden in die Karten. | Foto: Fxquadro – stock.adobe.com

Von Jonas Raab

REGENSBURG. „Der Fitnessbranche gehen die Kräfte aus“, warnt der Arbeitgeberverband deutscher Fitness- und Gesundheits-Anlagen (DSSV). Die Zahlen aus den ersten beiden Januarwochen – Neujahrsvorsätze machen sie zu den wichtigsten im ganzen Fitnessjahr – sprechen eine deutliche Sprache: 67 Prozent weniger Vertragsabschlüsse verzeichneten die vom Verband befragten Fitnessstudios im Vergleich zu 2020, die Check-in-Zahlen sanken um 44 Prozent. Vor allem die strenge 2G-plus-Einlassregel würde viele der betroffenen Anlagen endgültig in die Verlustzone rutschen lassen, erklärt der Verband. „Der Zugang zu Fitness- und Gesundheitsanlagen muss nach zwei langen Lockdowns und aufgebrauchten Liquiditätsreserven erleichtert werden“, fordert DSSV-Präsidentin Birgit Schwarze.

30 Prozent Mitgliederverlust

Wie die Gastronomie und weite Teile des Einzelhandels mussten Fitnessstudiobetreiber monatelang ihre Türen schließen – manche für immer, auch in der Region. „Die Fitnessbranche hat eine schwierige Zeit hinter sich und es ist nach wie vor nicht leicht“, sagt Peter Hofbauer, Geschäftsführer des Fitnesspoint-Standorts in Regensburg. Er berichtet von „unheimlich vielen Kündigungen“ seit Corona, einem Mitgliederverlust von rund 30 Prozent und massiven Verzögerungen der Überbrückungshilfen.

Heimtrainerabsatz erlebte einen Boom

Während die Fitnessstudios geschlossen hatten, erlebte der Verkauf von Heimtrainern in der Pandemie einen Boom. Nach Schätzungen des Deutschen Industrieverbands für Fitness und Gesundheit (DIFG) gaben die Deutschen 2020 rund 300 Millionen Euro für Fitnessgeräte aus. 2021 waren es sogar 350 Millionen Euro. So verzeichnete beispielsweise der Gerätehersteller Christopeit aus Velbert 2021 40 Prozent mehr Umsatz als 2019 und hätte nach Angaben seines Geschäftsführers Marco Schenkelberg bei entsprechenden Lagerbeständen das Doppelte verkaufen können. Die Neu-Ulmer Firma Hammer Sport verfünffachte ihren Gewinn im abgelaufenen Geschäftsjahr. Doch der Run auf Laufbänder, Rudermaschinen und Co. scheint vorbei. Der DIFG rechnet für 2022 mit einem schwächeren Geschäft. Zum einen seien die Menschen jetzt ausgestattet, zum anderen sei das Investitionsvolumen der Menschen wieder selektiver als zu Lockdownzeiten.

Überwältigendes Feedback der Mitglieder

Die anfänglichen Befürchtungen der Fitnessstudiobetreiber, Corona würde den Sport dauerhaft nach Hause verlagern, haben sich nicht bewahrheitet. „Das Equipment zu Hause kann aus Platz- und Geldgründen nie so professionell sein wie im Studio“, sagt Hofbauer. Zudem besitze der Sport eine soziale Komponente. Das „überwältigende“ Feedback der Mitglieder nach den Zwangspausen in den ersten beiden Coronajahren habe das deutlich gemacht. Selbst wenn Omikron tatsächlich das Ende der Pandemie einläuten sollte, wird die Fitnessbranche die Coronafolgen noch jahrelang spüren. „Die staatlichen Hilfen konnten die Mitgliederverluste nicht kompensieren. Ein Gastronom hatte das Problem nicht. Der konnte, als er wieder aufsperren durfte, auf dem gleichen Stand wie vorher weitermachen. Die Kündigungen werden wir aufgrund der langen Vertragslaufzeiten noch jahrelang spüren.“ Es sei momentan alles andere als wirtschaftlich. Jammern wolle er trotzdem nicht, betont Hofbauer.

Trotz Corona expandiert

Trotz aller Einbußen hat die ostbayerische Fitnesspoint-Kette während der Pandemie expandiert und mit Rücklagen aus den vergangenen 26 Jahren Standorte in Cham und Pfarrkirchen eröffnet. „Wir glauben an unser Produkt, schauen nach vorn und ziehen durch. Es wird auch eine Zeit nach Corona geben – und das Gesundheitsbewusstsein der Menschen ist größer geworden“, sagt Hofbauer. Auch die aktuellen Zahlen in den Fitnesspoint-Studios sind im Gegensatz zur DSSV-Umfrage höchst erfreulich. Die täglichen Check-in-Zahlen der Studios lagen trotz Mitgliederschwund Anfang Januar wieder über 300 und damit auf dem Niveau vor Corona. Hofbauer erklärt das mit gutem Marketing. Und das vom DSSV monierte 2G-plus? „Als das eingeführt wurde, sind die Zahlen in den Keller gerutscht. Aber der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Mittlerweile ist das keine große Barriere mehr.“