Interview
26. Juni 2020 12:47  Uhr

Die Gesellschaft des langen Lebens ist vielfältig

Ist Altern eine Frage der Haltung? Prof. Dr. Frieder R. Lang ist sich sicher, wer eine negative Sichtweise auf das eigene Alter hat, stirbt früher als andere. In einer Studie widmet er sich der Lebenssituation von Senioren.

In den „neuen Zwanzigern“ werden die Folgen einer immer älter werdenden Gesellschaft erstmals vollumfassend spürbar sein. |Foto: Viacheslav Iakobchuk – adobe.stock.com

Von Stephanie Burger

Herr Professor Lang, die Silver Society ist ein Megatrend, der den demografischen Wandel in den „neuen Zwanzigern“ beschreiben soll. Wie blicken Sie auf den Begriff und die entsprechende Entwicklung?

Prof. Dr. Frieder Lang: In der Alternsforschung betrachten wir den Begriff Silver Society eher als Kampfbegriff, der von Wirtschaft und Marketing benutzt wird. Ich empfehle, besser von der Gesellschaft des langen Lebens zu sprechen. Damit wird die Gesellschaft als Ganzes betrachtet und das Zusammenleben von Jung bis Alt. Es erreichen ja auch nicht alle ein sehr hohes Alter. Die Herausforderung der Gesellschaft des langen Lebens liegt darin, Gerechtigkeit zwischen den Generationen sicherzustellen. Daran haben gerade ältere Menschen ein Interesse, denn die meisten haben Angehörige, deren Zukunft ihnen am Herzen liegt.

Wie finden wir zu dieser Balance?

Es kommt auf die Altersbilder an, die in der Gesellschaft herrschen. Altersbilder beeinflussen, wie Menschen das Alter bewerten, welche Herausforderungen sie sehen und welche Möglichkeiten der Teilhabe sie kennen. Leider sind die dominierenden Altersbilder in unserer Gesellschaft negativ geprägt und berücksichtigen kaum die Vielfalt des Alters. Zudem zeigt sich eine große Diskrepanz in der Wahrnehmung des Alters: Für sich selbst haben viele Menschen eher positive Erwartungen. Blicken sie jedoch auf die Älteren als soziale Gruppe, wendet sich die Sichtweise ins Negative bis hin zur Altersdiskriminierung. Man sollte wissen: Immer wenn über eine Bevölkerungsgruppe als eine Einheit gesprochen wird, liegt man falsch. Die Gruppe der Älteren über 65, die inzwischen fast ein Viertel der Bevölkerung ausmacht, ist sehr heterogen. Darunter sind einige, die leistungsfähiger sind als durchschnittliche jüngere Berufstätige, aber es gibt auch Pflegebedürftige und Sterbende.

Hat diese Diskrepanz in der Wahrnehmung mit den Altersbildern zu tun?

Ja, es ist wichtig, zwischen gesellschaftlichen und selbstbezogenen Sichtweisen auf das Alter zu unterscheiden. Es ist gut belegt, dass sich Ansichten über das Alter im Laufe der letzten 100 Jahre deutlich verschlechtert haben. Das ist ja überraschend, weil gleichzeitig die Lebensqualität im Alter besser geworden ist. In einer Studie wurden beispielsweise Darstellungen von älteren Menschen in US-amerikanischen Publikationen zwischen 1890 bis in die Gegenwart analysiert und es zeigte sich, dass ältere Menschen zunehmend negativer beschrieben werden. Das Altersbild scheint sich in zwei extreme Richtungen zu entwickeln: Einerseits gibt es diese negative Wahrnehmung älterer Menschen als wenig produktive und kostenverursachende Bevölkerungsgruppe. Zum anderen sehen wir aber auch in vielen Medien eine idealisierende Darstellung von älteren Menschen als weise, selbstlos und großzügig. Auch die Romantisierung des Alters ist problematisch.

Wer eine negative Sichtweise auf das eigene Alter hat, stirbt viele Jahre früher als andere.

Die negative Wahrnehmung hat aber doch auch mit den Verlusterfahrungen des Alterns zu tun?

Ja, ganz sicher zählt der Umgang mit Verlusten zu den wesentlichen Erfahrungen des Alters. Altern geht nicht ohne Verlust. Aber es geht dabei auch um die Deutung solcher Verluste: Wir beobachten häufig, dass Menschen ihre Verlusterfahrungen als Gewinne umdeuten können. Beispielsweise, wenn man sagt, dass man sich jetzt stärker fühlt, weil man gelernt hat, mit der Krise umzugehen. Viele Dinge bleiben auch mit zunehmendem Alter möglich. Die große Chance des Alters ist, aus Erfahrungen, die man gemacht hat, neue Erkenntnisse zu gewinnen, vielleicht auch, um damit andere zu ermutigen. Wem es gelingt, auch widrigste Umstände für sich persönlich positiv zu deuten, der hat es vielleicht einfacher, die Belastungen des Alters gut zu meistern.

Ist altern eine Frage der Haltung?

Die Befundlage ist in dieser Hinsicht eindeutig und sehr klar: Wer eine negative Sichtweise auf das eigene Alter hat, stirbt viele Jahre früher als andere. Diese Befunde lassen sich auch nicht durch Unterschiede in der Gesundheit, dem Einkommen oder der Bildung erklären.

Was wünschen Sie sich für die Gesellschaft des langen Lebens in der nächsten Dekade?

Ich wünsche mir, dass wir den Fokus nicht nur auf Herausforderungen des Alters wie zum Beispiel den Pflegebedarf richten. Das zählt zwar auch, wichtig ist aber: Nicht einmal die Hälfte aller über 90-Jährigen in Deutschland ist pflegebedürftig, ein Drittel lebt im eigenen Haushalt. Über diese Menschen wissen wir zu wenig. In einer Studie widmen wir uns nun der Situation solcher Hochbetagten. Ich wünsche mir, dass wir eine differenziertere und ausgewogene Sichtweise auf das Alter entwickeln. Im Alter lernen wir, dass man gleichzeitig gesund und krank sein kann. Das kennen junge Menschen nicht und sind vielleicht deswegen viel besorgter. Im Alter gewöhnt man sich wohl daran, dass irgendwann das Ende naht. Diese Haltung nehmen wir auch im Zusammenhang mit Corona wahr. Was wir also dringend benötigen, ist mehr Kompetenz für das Alter. Bald wird jeder vierte Deutsche über 65 Jahre alt sein. Da müssen wir doch dafür sorgen, dass niemand alleine bleibt. Meine Utopie einer Gesellschaft des langen Lebens ähnelt einem Dorf, in dem alle Altersgruppen selbstverständlich zusammenleben, aufeinander achtgeben, einander unterstützen – und in der jeder ein gutes Leben führen kann.

Seit 2006 leitet Diplom-Psychologie Prof. Dr. Frieder R. Lang das Institut für Psychogerontologie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Zu seinen Forschungsinteressen gehören unter anderem Gesundheit und Lebensqualität im Alter, Zeit- und Zukunftserleben, soziale Bedingungen des Alterns, Generationenbeziehungen sowie Gerontotechnologie. Seit April 2020 laufen an seinem Institut auch Begleitstudien zur Coronapandemie, an der Menschen von 18 bis 120 Jahren teilnehmen können. Die Studie „Corona und Alter“ untersucht die persönlichen Erfahrungen, Einstellungen, Sorgen und Verhaltensweisen bezüglich Covid-19. Eine Besonderheit der Studie ist das Vorhaben, mögliche Veränderungen dieser Aspekte über die Zeit hinweg zu untersuchen.

Foto: Karen Köhler, Fürth

Fazit

Die demografische Entwicklung wird Politik und Wirtschaft in den kommenden Jahren zum Handeln zwingen. Um den millionenfachen Schwund an Arbeits- und Fachkräften zu kompensieren, der durch den Rückzug der Babyboomer vom Arbeitsmarkt entsteht, gilt es in den „neuen Zwanzigern“ gegenzusteuern. Gegenmaßnahmen sind etwa die Robotisierung und Automatisierung im verarbeitenden Gewerbe, das Anwerben und Halten von Nicht-EU-Fachkräften durch eine koordinierte Arbeitsmigration sowie die Förderung der grundsätzlichen Bereitschaft bei Unternehmen und Angestellten, lebenslang zu lernen. Das Gesundheits- und Pflegesystem muss angesichts der immer älter werdenden Gesellschaft leistungsfähiger werden. Die Nanotechnologie kann einen wichtigen Beitrag dazu leisten, bislang unheilbare und altersbedingte Krankheiten zu erforschen und zu bekämpfen und so für mehr Lebensqualität im Alter zu sorgen. Und es wird ein neuer, differenzierter Blick auf das Alter beziehungsweise die Alten notwendig sein, wie auch Professor Frieder R. Lang betont. Denn die Gruppe der Älteren über 65 ist heterogen und im Vergleich zu früheren Generationen äußerst rüstig. Er ist sich sicher: Auch in einer „Silver Society“ kann das Zusammenleben von Jung und Alt gelingen.