Interview
6. Mai 2020 12:04  Uhr

Bei 3-D-Druck sind andere Branchen viel weiter

Gespräch mit Prof. Dr. Mathias Obergrießer, Professor für Digitales Bauen an der Fakultät
Bauingenieurwesen der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg

„Nur durch digitale Werkzeuge lässt sich der Bauboom trotz Handwerkerdefizit langfristig sichern“, sagt Prof. Dr. Mathias Obergrießer, Professor für Digitales Bauen an der Fakultät Bauingenieurwesen der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg. Foto: thodonal – stock.adobe.com

Interview: Jonas Raab

Herr Professor Doktor Obergrießer, aus der produzierenden Industrie ist 3-D-Druck nicht mehr wegzudenken. Wie ist der Stand im Bauwesen?

Prof. Dr. Mathias Obergrießer: Unter den Universitäten gibt es Vorreiter wie Dresden oder Aachen, die sich intensiv mit additiver Fertigung auf der Baustelle beschäftigen. Ansonsten muss man sagen, andere Branchen sind hier viel weiter. Das liegt auch daran, dass wir uns mit ganz anderen Rahmenbedingungen und Größen beschäftigen müssen als andere. Wir reden hier von massivem Bauwerk. Und wenn es regnet, stehe ich im Matsch. Auf der Baustelle geht es konservativ und rau zu.

Hapert es an der Digitalisierung?

Es gibt genau einen Sektor, der weniger digitalisiert ist: Jagd und Fischerei. Viele Arbeitsschritte am Bau erfolgen analog, kaum vernetzt und manuell. Vieles wird aus dem Bauch heraus entschieden. Das gleiche Haus baut ein Polier so und der nächste ganz anders. Nach Meinung der Baufirmen ist das das wirtschaftlichste Vorgehen. Das hat auch mit Existenzängsten zu tun. Die Firmen fürchten, wegrationalisiert zu werden. Ich denke aber nicht, dass das durch neue Technologien passiert. Sie verändern lediglich die Aufgabenfelder. Außerdem hat das Thema 3-D-Druck im Bau mit der Digitalisierung nur indirekt etwas zu tun.

Was bremst die additive Fertigung aus?

Essenziell ist die Materialtechnik. Wir haben das Problem, dass wir in die Luft drucken müssen. Will man den Sturz über einem Fenster drucken, kommt man schon an seine Grenzen. Zudem hat das eingesetzte Material nicht die Tragfähigkeit, die wir beispielsweise vom Stahlbeton kennen. Entweder man setzt ein anderes ein, oder man benutzt eine andere Struktur, beispielsweise Waben. Wir in Deutschland setzen außerdem auf individuelles Bauen. Jedes Haus muss anders aussehen, jedes Gebäude muss einen eigenen Charakter haben. Das macht es für eine neue Technologie viel komplizierter.

Herr Obergrießer
 

Prof. Dr. Mathias Obergrießer Foto: Fotostudio Zacharias

Hat Deutschland hier also ein hausgemachtes Problem?

Ja. Auch unser großer Stolz, der Mittelstand, ist hier ein Faktor. Während es in Amerika vier große Gesamtbauherren gibt, die Projekte immer wieder und von der ersten bis zur letzten Stufe übernehmen, haben wir in Deutschland ständig neue Projektbeteiligte und dadurch sehr viele Schnittstellen. So lässt sich nur schwer eine Strategie entwickeln, die skalierbar und mehrfach anzuwenden ist. Deswegen funktioniert die Digitalisierung woanders besser als bei uns. Aber das ist natürlich eine Herausforderung, die man schaffen kann.

„Nur durch digitale Werkzeuge lässt sich der Bauboom trotz Handwerkerdefizit langfristig sichern.“

Wird sich der 3-D-Druck dennoch durchsetzen?

Ich denke schon. Nur durch digitale Werkzeuge lässt sich der Bauboom trotz Handwerkerdefizit langfristig sichern. Wir haben schon viel Erfahrungen in anderen Maßstäben gesammelt. Diesen Wissensmehrwert müssen wir nun in den 1:1-Druck überführen. Die größte Chance hat der 3-D-Drucker in der stationären Fertigung. Bevor man komplexe Bauwerke angeht, sollte man erst einmal versuchen, Fertigteile oder ein einfaches System wie eine Garage zu drucken. Dann kann man die Komplexität steigern oder das Material verändern. So wird es uns viel leichter fallen, die Technologie weiterzuentwickeln und nach draußen zu transformieren.