Interview
11. November 2020 6:00  Uhr

Die große Angst vor geheimen Mächten

Laut einer kurz vor Corona durchgeführten Befragung der Konrad-Adenauer-Stiftung glaubt fast ein Drittel der Bevölkerung in Deutschland, dass geheime Mächte die Welt steuern. Diplom-Sozialwirtin Birgit Mair hält diesen Befund für besorgniserregend.

Eine seltsame Pyramide mit allsehendem Auge ziert die Rückseite des Ein-Dollar-Scheins. Ein gefundenes Fressen für Verschwörungstheoretiker, doch tatsächlich nur die Kehrseite des amerikanischen Staatssiegels. | Foto: Nosyrevy – stock.adobe.com

Von Stephanie Burger

Frau Mair, die Pandemie scheint die Stunde der Verschwörungstheorien zu sein. Dringt ein Nischenphänomen in die Breite vor?

Birgit Mair: Ja, das tut es. Ich halte diese Entwicklung für durchaus besorgniserregend.

Auf der anderen Seite ist dem aktuellen Krisenbarometer der Konrad-Adenauer-Stiftung zufolge das Vertrauen in die Wissenschaft sehr hoch. Wie passt das mit dem Verschwörungsglauben zusammen?

Selbstverständlich lassen auch Verschwörungsgläubige ein MRT machen, wenn ein Bandscheibenvorfall abzuklären ist. Das eine schließt das andere nicht aus. Es handelt sich um unterschiedliche Ebenen der Wirklichkeitswahrnehmung.

Gibt es Kriterien, an denen man eine Verschwörungstheorie eindeutig erkennen kann?

Ich selbst halte den Begriff Verschwörungserzählungen oder Verschwörungsmythen für treffender, weil es sich ja nicht um wissenschaftliche Theoriegebilde handelt. Der Politikwissenschaftler Michael Barkun hat Charakteristika definiert, an denen man Verschwörungsmythen erkennen kann: Menschen, die an solche glauben, nehmen an, dass nichts durch Zufall geschieht und dass alles miteinander verbunden ist. Sie glauben, dass es im Geheimen operierende Gruppen gibt, die sich gegen die Welt verschworen haben. Diese würden einen systematischen Plan verfolgen, um die Kontrolle über eine Institution, ein Land oder möglicherweise sogar über die ganze Welt zu übernehmen.

Für wie gefährlich halten Sie Verschwörungsmythen?

Für sehr gefährlich, denn aus Worten können Taten werden: Die rechtsradikalen Attentäter von Christchurch, Halle und Hanau legitimierten ihr Handeln jeweils mit Verschwörungserzählungen.

Misstrauen gegenüber Machtstrukturen ist kennzeichnend für die meisten Verschwörungstheorien. Auf der anderen Seite braucht die Demokratie eine kritische Öffentlichkeit. Wie gelingt hier eine differenzierte Betrachtung?

Dass es vielfältige Machtstrukturen gibt, ist eine empirisch belegbare Tatsache. Die Existenz solcher Strukturen zu sehen und zu benennen ist völlig legitim. Insofern haben Verschwörungsmythen auch manchmal einen nachvollziehbaren Kern. Doch anstatt konkret und empirisch abgesichert Mechanismen zu benennen, die zum Beispiel die extrem ungleiche Verteilung des Vermögens auf der Welt begünstigen und zementieren, werden häufig Einzelne als Sündenböcke herausgepickt und persönlich für allerlei Ungerechtigkeiten verantwortlich gemacht. Entsprechend waren auch die Ergebnisse der oben genannten Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung. Auf die Frage, ob es geheime Mächte gebe, die die Welt steuern würden, wurden genannt: die jüdische Familie Rothschild, der israelische Geheimdienst, die Freimaurer und explizit auch das Judentum. Das ist plumper Antisemitismus. Einige der Genannten müssen seit Jahrhunderten als Sündenböcke herhalten.

Was sind die Hauptursachen für den Glauben an Verschwörungserzählungen?

Irrationale Ansichten und Haltungen sind eine Konstante menschlichen Denkens. In der Regel sind diese Ansichten privat und nicht explizit politisch. Die vielfältigen Krisen der Gegenwart haben bei vielen Menschen jedoch das Vertrauen in die Politik erschüttert. Rechte Krisengewinnler beuten dies aus, indem sie berechtigte Ängste mit abstrusen Thesen verknüpfen.

Im Umgang mit gegenteiligen Meinungen zeigt die Szene, die angeblich unsere Grundrechte schützen will, ihr wahres Gesicht.

Welche Motive haben die Verbreiter von Verschwörungsmythen?

Schauen wir uns doch mal an, wer hier besonders anfällig ist: Nach der oben genannten Studie waren vor allem AfD-Anhänger anfällig für Verschwörungsideologien. Jeder zweite von ihnen glaubt offenbar, dass geheime Mächte die Welt steuern würden. Besonders erschreckend: 27 Prozent der AfD-Anhängerschaft ist sich laut Studie sogar ganz sicher, dass die Aussage, geheime Mächte würden die Welt steuern, richtig ist. Es ist wohl kein Zufall, dass sich immer mehr Aktivisten dieser Partei an den Anti-Corona-Protesten beteiligen. In Nürnberg demonstrierten beispielsweise am 11. Oktober bereits knapp 3000 sogenannte Coronarebellen Seit an Seit mit AfD-Abgeordneten, die Schilder mit der Aufschrift „Keine Hygiene-DDR“ trugen. Die Motive der AfD sind klar: Es ist eine neue rechte Bewegung entstanden, an die jetzt versucht wird, anzudocken.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Verschwörungsglaube und Mediennutzung?

Es gibt starke Zusammenhänge zwischen Verschwörungsglauben und dem Konsumieren rechter sogenannter Alternativmedien sowie extrem rechter und rechtspopulistischer Medien. In der Studie „Pandemic Populism“, durchgeführt von Kommunikationswissenschaftlern an der Wilhelms-Universität Münster, wurden im Zeitraum Januar bis März 2020 etwa 120 000 Facebook-Posts auf deren Zusammenhang mit Verschwörungsmythen rund um Covid-19 hin ausgewertet. Nach Angaben der Studie fanden sich diese vor allem auf rechten Plattformen wie beispielsweise Tichys Einblick, Sputnik Deutschland, MMNews, Die Unbestechlichen, RT Deutsch, Compact und Achse des Guten. Sendungen mit dem Titel „Der Mundschutz ist das neue Hakenkreuz“ auf KenFM, der Website und dem gleichnamigen Youtube-Kanal des Aktivisten Ken Jebsen, sprechen Bände. Dabei ist die Aufklärungsresistenz enorm. Die Polizei kann da zum Beispiel noch so oft sagen, es gebe keinen Fall, bei dem ein Jugendlicher wegen des Tragens eines Mund-Nasen-Schutzes gestorben sei. Aufklärende Fakten werden in den geschlossenen Echokammern des Internets nicht selten als Fake News oder Lügenpresse abgewehrt. Das Ganze geht natürlich einher mit einer Diskreditierung der sogenannten Mainstream-Medien, die durch AfD-Propaganda und Internetprojekte wie „Hallo Meinung“, einem fränkischen Medienportal für „freies Denken und politische Einflussnahme“, gepusht und in die Mitte der Gesellschaft verbreitet werden.

Welche Rolle spielen die Social-Media-Plattformen sowie generell das Internet bei der Verbreitung von Verschwörungsmythen?

Die Social Media spielen hier eine überragende Rolle. Viele sogenannte Coronarebellen vernetzen sich weiterhin auf Facebook. Seit einigen Monaten sind viele zunehmend auf die russischen Telegram-Gruppen umgestiegen, weil hier wohl auch Volksverhetzendes ungestraft veröffentlicht werden darf. Die Szene radikalisiert sich zunehmend im Internet. Auf den Kundgebungen der sogenannten Querdenken-Bewegung werden nicht nur AfD-Funktionäre, sondern auch Neonazis geduldet. Alles soll friedlich und harmlos wirken – ist es aber nicht. Wir haben es mit einer neuen rechten Bewegung zu tun, die sich über das Internet vernetzt und nun immer stärker auf die Straße geht. Allein in Nürnberg fanden seit Ende April 2020 mehr als 40 Kundgebungen der selbst ernannten Coronarebellen statt. Mit Slogans wie „Schüler gegen Maskenpflicht“ gelingt es der rechtsdominierten und von Erwachsenen getragenen Bewegung, immer mehr Menschen zu mobilisieren. Journalisten, die auf Probleme hinweisen und die von Antisemitismus und Reichsbürgerpropaganda gespickten Reden dokumentieren möchten, werden wie bei den Pegida-Protesten als „Lügenpresse“ beschimpft, angegriffen und – wie in Nürnberg kürzlich geschehen – trotz Corona auch angespuckt. Im Umgang mit gegenteiligen Meinungen zeigt die Szene, die angeblich unsere Grundrechte schützen will, ihr wahres Gesicht.

Die Diplom-Sozialwirtin Birgit Mair ist Mitbegründerin des Nürnberger Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung e. V. (ISFBB), Rechtsextremismus-Expertin und Autorin. Unter anderem ist sie Co-Autorin der internationalen Studie zu NS-Zwangsarbeit „Hitlers Sklaven“. Mair konzipiert auch Veranstaltungen – wie „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“, die bundesweit mehr als 200-mal präsentiert wurde. Seit 2014 arbeitet sie als Bildungsreferentin und Seminarleiterin für das Bayerische Seminar für Politik e. V., die Georg-von-Vollmar-Akademie sowie die Akademie Frankenwarte in Würzburg. Foto: ISFBB e. V.