Verödende Innenstädte
1. September 2021 5:50  Uhr

Die Herzen der Städte sind krank

Die Coronapandemie beschleunigt die Verödung der Innenstädte. Ideen und Konzepte, um dieser Entwicklung gegenzusteuern, gibt es viele. Jetzt geht es um den Willen – und um Geld.

Die Verödung der Innenstädte war schon vor Corona eine Realität. Die Pandemie hat das Problem noch zusätzlich verschärft. | Foto: Augenblickbewahrer – stock.adobe.com

Von Jonas Raab

BERLIN. Verklebte Schaufenster, verriegelte Kneipen, verwaiste Plätze: Corona hat das Herz der Städte getroffen. Handel, Gastronomie und Kultur lagen mehr als einmal lahm. Noch vor dem zweiten Lockdown sprach das Kölner Institut für Handelsforschung (IFH) von rund 50.000 Geschäften, die vor dem Aus stünden. Unter den Mitgliedern des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga fürchteten zu diesem Zeitpunkt mehr als die Hälfte aller Betriebe um ihre Existenz. Sterbende Innenstädte waren plötzlich kein reines Kleinstadtthema mehr. Corona hat die innerstädtischen Strukturprobleme, die bisher im Shoppingtrubel untergegangen waren, schonungslos offengelegt – und massiv verschärft.

Doch schon vor der Pandemie warnten Einzelhändler, Verbraucherschützer und Wissenschaftler vor dem Untergang der Fußgängerzone. Allein seit 2015 hat sich die Zahl der Standorte im deutschen Einzelhandel laut IFH um rund 29.000 verringert. Die verbliebenen Geschäfte – zum Großteil sind es die immer gleichen Filialisten – lösen bei Verbrauchern allenfalls lauwarme Begeisterung aus. 2019 ermittelten die Kölner Handelsforscher bei einer Befragung von mehr als 59.000 Innenstadtbesuchern in 116 Städten die Schulnote 3+ für deutsche Stadtzentren. Filialisierung sorgt vielerorts für Einheitsbrei – nicht nur im Einzelhandel, auch in der Gastronomie. Astronomisch hohe Mieten drängen alternative Angebote nach draußen und machen zentrales Wohnen zum Wohlstandsprivileg.

Der innerstädtische Handel ist die tragende Säule des Zentrums. Weil der Online- und Versandhandel allein im ersten Pandemiejahr ein Wachstum von 33,1 Prozent verzeichnet hat, droht sie nun schneller wegzubrechen als bisher befürchtet. Reformen sind längst überfällig. Vielerorts schmiedet man Pläne für die Innenstadt von morgen. Die Ideen sind vielfältig: Manche wollen den Einzelhandel attraktiver machen, andere versuchen es mit Raum für Kunst und Kultur, wieder andere diskutieren über Rettungsfonds für Innenstädte. Ricarda Pätzold sieht vor allem die Immobilienbesitzer in der Pflicht. Die Stadtforscherin am Deutschen Institut für Urbanistik in Berlin begibt sich im Interview für die Wirtschaftszeitung auf Problemsuche und erklärt, wie die Transformation der Innenstädte gelingen kann.

Interview

Immer mehr, immer teurer, immer beliebiger – und jetzt?

Ricarda Pätzold, Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Projektleiterin im Forschungsbereich Stadtentwicklung, Recht und Soziales am Deutschen Institut für Urbanistik, spricht im Interview über neue Innenstadtkonzepte.

Hier geht’s zum Interview …