Interview
28. April 2021 6:00  Uhr

Die Profite der Digitalisierung einfahren

Für die New-Work-Expertin Dr. Imme Witzel ist die digitale Transformation eine gemeinsame Gestaltungsaufgabe. Sie ist überzeugt: Am Ende profitiert davon die gesamte Gesellschaft.

Dr. Imme Witzel ist Expertin für New Work | Foto: privat

Von Rebecca Sollfrank

Frau Doktor Witzel, die Coronakrise hatte einen Digitalisierungsschub zur Folge. Hat sie die digitale Transformation wirklich messbar beschleunigt?

Dr. Imme Witzel: Die Pandemie war sicherlich ein starker Treiber. Wir alle haben Potenziale und Defizite gleichermaßen deutlicher erkannt. Viele Unternehmen, die den digitalen Möglichkeiten vorher skeptisch gegenüberstanden, machten plötzlich positive Erfahrungen und waren überrascht, was alles geht. Das betraf Arbeitgeber genauso wie Mitarbeitende. Bei Bayern Innovativ haben wir sehr schnell zu Beginn der Pandemie Homeofficelösungen ausgeweitet, wobei „Work from anywhere“ am Zentrum Digitalsierung.Bayern ZD.B bereits vorher zur DNA gehörte. Bayern Innovativ hat alle Veranstaltungsformate digitalisiert und damit eine neue Form von Reichweite bekommen. Vor einem Jahr starteten wir eine Onlineseminarreihe mit dem Titel „Digitales Arbeiten in Zeiten von Corona“, in der es um unterschiedliche Themen von der Videokonferenzmoderation über die digitale Führung bis hin zum Kompetenz- beziehungsweise Wissensmanagement ging. Wir haben über Bayern hinaus plötzlich Menschen erreicht, die wir als hauptsächlich lokal agierende Plattform vorher nicht erreichen konnten. Wir bringen Interessenten und Experten unterschiedlicher Regionen zusammen, durch alle Organisationsformen hindurch vom Handwerk bis zur Verwaltung. Diese neue Nähe ist der eigentliche Netzwerkvorteil der Digitalisierung.

Braucht Arbeit 4.0 also kein analoges Netzwerken mehr?

Das persönliche Gespräch bleibt weiterhin eine wichtige Basis unserer Arbeitswelt. Wir haben in der Pandemie erlebt, dass ältere Kontakte, die bereits auf einer analogen Vertrauensbasis stehen, einfacher zu digitalisieren waren. Rein digital neue Netzwerke zu bilden, wird erfordern, über neue Kommunikationskompetenzen und Regeln zu reflektieren. Nähe herzustellen ist aber mit geänderten Vorzeichen und bestimmten Kompetenzen auch hier möglich.

Die Qualität des Arbeitserlebnisses muss verbessert werden.

Wie sehen diese Kompetenzen aus?

Ein Aspekt ist das vielzitierte digitale Mindset. Das Prinzip des ahnungslosen Zahnrädchens, das einfach funktioniert, greift nicht mehr. Das digitale Mindset ist mit selbstbestimmtem und selbst organisiertem Arbeiten der Gegensatz zum linearen, industriellen Denken – Homeoffice ist nur ein Beispiel dafür. In unserer aktuellen digitalen Veranstaltungsreihe „Praxis-Werkstatt KMU“, die am 4. Mai startet, wollen wir die nötigen digitalen Kompetenzen und deren Transfer ins Unternehmen vermitteln. Zu diesen Kompetenzen gehören eigenverantwortliches Arbeiten, Teamfähigkeit in der physikalischen und der virtuellen Welt, erfolgreiche Mensch-Maschine-Interaktion, Prozess- und Lösungskompetenz sowie unternehmerisches Bewusstsein. Bei all dem muss die digitale Transformation menschenzentriert gestaltet werden. Es geht darum, dass es den Menschen in ihrer Arbeitssituation gut geht, und nicht nur um Kosten- oder Prozesseffizienz. Die Qualität des Arbeitserlebnisses muss verbessert werden.

Wie soll das gehen in einer Arbeitswelt 4.0, die gerade durch die Digitalisierung immer komplexer und anstrengender zu werden scheint?

Schnelle Veränderung, Unsicherheit, geringe Planbarkeit, Komplexität, Gleichzeitigkeit und Mehrdeutigkeit sind die Faktoren unserer heutigen Arbeitswelt. Dass die Digitalisierung Prozesse transparenter und planbarer machen kann, ist ihr eigentlicher Nutzen. Die schiere Menge an Wissen, die in unseren Arbeitsprozessen steckt, ist ein ebenso wichtiger Faktor wie die Vernetzung einzelner Wissender in einem Unternehmen. Mit der unausweichlichen Komplexität unserer Arbeitswelt kommen wir am besten zurecht, wenn wir Daten transparent und teilbar machen. Digitale Wissenstransparenz kann das alte Silodenken abschaffen. Ein zentraler Aspekt ist, wie Menschen die Digitalisierung erleben: als Chance, sich selbst weiterzuentwickeln und zu profitieren, oder als System, dem ich ausgeliefert bin und das mich überfordert.

Digitalisierung und New Work sind nichts, was einfach so über uns kommt, sondern eine gemeinsame Gestaltungsaufgabe.

Wie wäre die Überforderung vermeidbar?

Hier kommt es auf das Menschenbild an. Ich bin der Meinung, in der richtigen positiven Umgebung entwickelt sich ein Mensch gerne weiter. Digitalisierung und New Work sind nichts, was einfach so über uns kommt, sondern eine gemeinsame Gestaltungsaufgabe. Das zu vermitteln und zu fördern ist ja eine Hauptaufgabe unserer Themenplattform beim ZD.B und von Bayern Innovativ generell. Wir müssen unterschiedliche Player an einen Tisch bringen. Auf unserer Plattform sind das die Vertreter von Wirtschaft, Wissenschaft und Gewerkschaft. Im Betrieb sind diese unterschiedlichen Player ältere und jüngere, digitalaffine und analog gewohnte Mitarbeitende. Demokratische, situationskompetenzbasierte Teams sind nicht mehr zwingend nach Aspekten wie Alter oder Position ausgerichtet. Mit den richtigen Raumkonzepten können sich digitale, junge Kompetenzen und Erfahrung und Organisationswissen langjähriger Mitarbeiter begegnen und befruchten.

Das klingt nach einer sozialeren Arbeitswelt 4.0 …

Arbeit 4.0 kann zu einer besseren Arbeitswelt werden, wenn wir klare Regeln definieren, explizit kommunizieren und neue Rituale etablieren. Die virtuelle Arbeitswelt nimmt uns ein Stück weit die wichtige soziale Komponente des physischen Arbeitsplatzes. Ein Videomeeting könnte etwa damit beginnen, dass jeder kurz erzählt, wie es ihm geht, bevor man in die Sachdiskussion einsteigt. Zur Meetingetikette gehören klare Regeln zur Erreichbarkeit. Ein hochwichtiger Aspekt bei der Führung ist die psychologische Sicherheit. Wer selbstverantwortliche Mitarbeitende will, darf Kritik nicht abstrafen. Eine der größten Herausforderungen für die Unternehmen wird die Corporate-Digital-Responsibility sein: Wie können Unternehmen Digitalisierung gesellschaftlich verantwortlich umsetzen? Das erschöpft sich nicht in der digitalen Ermächtigung der eigenen Mitarbeitenden. Es geht auch um ethische Fragen, etwa zum Einsatz von KI in der Personalauswahl. Transformation ist ein sehr weites Feld. Aber wenn sich alle darauf einlassen, können wir am Ende die wirklichen Profite der Digitalisierung einfahren.

Es geht auch um ethische Fragen, etwa zum Einsatz von KI in der Personalauswahl.

Und die wären?

Wer nicht mehr jeden Tag Stunden als Pendler auf der Straße oder auf dem Inlandsflug zu einem Meeting verbringt, hat mehr Qualitätszeit für sich und die Familie. Wer zu Hause gut vernetzt arbeitet, kann Karriere und Familie kraftsparender vereinbaren. Und eine aktuelle Bitkom-Studie zeigt, dass eine schnelle Digitalisierung bis zu 58 Prozent zum aktuellen Klimaziel 2030 beitragen kann.

Informationen zur Veranstaltungsreihe gibt es auf https://www.bayern-innovativ.de/veranstaltung/praxiswerkstatt-kmu-kompetenzen.

Dr. Imme Witzel

Dr. Imme Witzel leitet die Themenplattform Arbeitswelt 4.0 am Zentrum Digitalisierung.Bayern. Sie hat dort ein Netzwerk von über 800 Mitgliedern aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft rund um das Thema New Work aufgebaut, um Organisationen bei der digitalen Transformation der Arbeitswelt zu begleiten. Dr. Witzel verfügt über 20 Jahre berufliche Praxis in einer internationalen Strategieberatung, im Wissenschaftsmanagement an der TU München sowie als selbstständige Trainerin und Beraterin in Change Management, Organisationsberatung und Resilienz im Kontext von New Work.