Automobilindustrie
19. Februar 2022 5:59  Uhr

Die Region ist für den Wandel gut gewappnet

Während anderswo angesichts des nahenden Endes des Verbrenners Nervosität herrscht, ist man in Regensburg bereits einen Schritt weiter: Hier arbeiten überdurchschnittlich viele Menschen an automobilen Zukunftstechnologien.

3,9 Prozent aller Beschäftigen in Regensburg arbeiten an der Elektrifizierung, Automatisierung und Vernetzung des Automobils. | Foto: Gorodenkoff – stock.adobe.com

Von Jonas Raab

REGENSBURG. Die Würfel sind gefallen. Audi trennt sich 2026 vom Benziner, Volkswagen will sich spätestens 2035 aus dem Verbrennergeschäft zurückziehen. Daimler und BMW scheuen sich zwar vor konkreten Zeitangaben, rüsten aber ebenfalls um. „Natürlich ist die Zukunft elektrisch“, sagte BMW-Entwicklungsvorstand Frank Weber kürzlich. Und die Schwaben entwickeln schon heute keine neuen Verbrennungsmotoren mehr. Spätestens in 13 Jahren ist sowieso Schluss, denn die Emissionsziele des EU-Klimapakets „Fit for 55“ kommen einem faktischen Verbot von Verbrennerneuzulassungen im Jahr 2035 gleich.

Die deutschen Autobauer stehen vor einem radikalen Wandel – und mit ihnen mehr als drei Millionen Menschen, die in Deutschland direkt oder indirekt in der Automobilwirtschaft arbeiten. Fast die Hälfte davon, nämlich 1,2 Millionen, sind laut einer aktuellen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) im sogenannten produktionsnahen Bereich tätig. Sprich: bei Zulieferern. 118 von 401 deutschen Kreisen und kreisfreien Städten sind laut IW in besonderem Maß von Zulieferstrukturen geprägt und damit die Zentren der automobilen Transformation in Deutschland. Die Voraussetzungen sind nicht überall gleich: So arbeiten in 40 dieser 118 Regionen überproportional viele Menschen in Tätigkeiten entlang des konventionellen Verbrenner-Antriebsstrangs, der laut Studienautoren „in kurzer Frist“ einen schweren Stand haben werde. In Bayern sind insbesondere Schweinfurt und Bamberg betroffen.

Regensburg treibt die Transformation des Autos voran

Anderswo – da, wo besonders viele Menschen an der Elektrifizierung, Automatisierung und Vernetzung des Automobils arbeiten – ist die Transformation schon weiter: 125.000 Arbeitsplätze in Deutschland konnte das IW diesen drei Chancenfeldern zuordnen. Die Städte, in denen die meisten davon arbeiten: Ingolstadt, Wolfsburg und Regensburg. Wie kommt’s, dass die Domstadt bei der Transformation der Autobranche ganz oben bei Volkswagens Schlüsselstandorten mitspielt? „Das BMW-Werk in Regensburg und die Zulieferbetriebe sind bereits stark auf E-Mobilität ausgerichtet“, erklärt Dr. Jürgen Helmes, Hauptgeschäftsführer der IHK Regensburg. Insgesamt arbeiten laut IW 3,9 Prozent aller Beschäftigten in Regensburg an der Elektrifizierung, Automatisierung oder Vernetzung des Autos.

Neben der Zulieferindustrie sei man besonders stark im Bereich Entwicklung für Mobilitätslösungen aufgestellt, sagt Toni Lautenschläger, Leiter des Amts für Wirtschaft und Wissenschaft der Stadt Regensburg. Unternehmen wie AVL Software and Functions, Vector Informatik, Intive oder ZF Friedrichshafen seien nur einige Beispiele aus einer langen Liste. Zudem würde auch die Halbleiterindustrie stark vom automobilen Wandel profitieren. Helmes lobt insbesondere die starke Vernetzung zwischen Industrie, Dienstleistern und Wissenschaft in Regensburg: „Der Wissens- und Technologietransfer zwischen Hochschulen und Wirtschaft sowie zwischen den Unternehmen war in den vergangenen Jahren ein Erfolgsfaktor.“

Gleichauf mit Paris und Turin

Vernetzung machen auch Lautenschläger und Maria Politzka, sein Pendant am Landratsamt Regensburg, als entscheidenden Vorteil Regensburgs aus. Beide verweisen insbesondere auf das Cluster Mobility & Logistics, das die Kompetenzen in den automobilen Chancenfeldern in der Region bündelt und alle Akteure – Firmen, Forschungseinrichtungen, Weiterbildungsinstitutionen, Verwaltung und Politik – an einen Tisch bringt. „Wir waren gemeinsam mit Göteborg, Paris oder Turin eine der ersten Städte, die im Rahmen des EU-Projekts SAGE ein eigenes Cluster aufgebaut haben“, sagt Lautenschläger.

Uwe Pfeil leitet das Regensburg Autocluster. Durch die langjährige und intensive Clusterpolitik der Stadt, aber auch durch die Errichtung des hochschulnahen Innovations- und Technologiezentrums am Galgenberg sei ein dynamisches Innovationsökosystem entstanden, das proaktiv auf wirtschaftliche und technologische Umbrüche reagieren könne, sagt er. „Die Wertschöpfungsketten haben sich in den vergangenen Jahren verändert“, erklärt Pfeil. Die Transformation der Automobilindustrie sei ein Prozess, der mittel- und langfristig einen großen Einfluss auf die Region haben wird. Deshalb plant sein Cluster aktuell ein „Automotive-Transformationsprojekt“, mit dem die regionalen Akteure zukünftig noch besser unterstützt werden sollen.

Vernetzung ist der Schlüssel des automobilen Wandels

Auch die IW-Studie kommt zu dem Schluss, dass Netzwerke und Cluster wichtige Schlüssel zur Transformation der Zulieferbetriebe sind. Den vom Wandel besonders betroffenen Regionen – darunter der Landkreis Amberg-Sulzbach – legen die Studienautoren nahe, sich zu vernetzen, und zählen neben regionalen auch 19 landesweite, 21 bundesweite und fünf internationale Cluster und Netzwerke auf.

Der automobile Umbruch beginnt gerade erst. Der Anpassungsdruck wird steigen – in besonders betroffenen Regionen genauso wie in Regensburg. „Werkspriorisierungen, Verlagerungen oder Neuansiedlungen von Autobauern werden die Bedeutung einzelner Regionen für die automobilen Chancenfelder in kurzer Zeit signifikant ändern“, schreibt das IW in der Studie. Allein BMW plane, in den kommenden Jahren Milliarden in bayerische Standorte zu investieren, so Wirtschaftsförderin Politzka vom Landratsamt Regensburg. Die Karten werden bestimmt noch einmal neu gemischt, bevor der Individualverkehr vollelektrisch fährt – aber Regensburg hat ein gutes Blatt auf der Hand.