Interview
12. September 2020 6:05  Uhr

Die Technologisierung bietet große Möglichkeiten

Ist die totale Technologisierung des Lebens Fluch oder Segen? Die Vorteile überwiegen, sagt Prof. Dr. Gerd Hirzinger, ehemaliger Leiter des Instituts für Robotik und Mechatronik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt Oberpfaffenhofen.

Digitalisierung und Vernetzung sind zwei wichtige Aspekte der Technologisierung. Beide vernünftig und mit Augenmaß anzuwenden ist eine der großen Herausforderungen der „neuen Zwanziger“. | Foto: ©Sergey Nivens – stock.adobe.com

Von Stefan Ahrens

Herr Professor Hirzinger, welche technologischen Innovationen werden in den „neuen Zwanzigern“ zum Durchbruch gelangen?

Prof. Dr. Gerd Hirzinger: Ich kann mir vorstellen, dass klimaneutrale synthetische Kraftstoffe den Verbrennungsmotor wieder nach vorne bringen. Die Quantencomputertechnik sollte ihre Realisierungsmöglichkeiten aufzeigen. Auch das autonome Fahren wird sich durchsetzen und so zum Beispiel auch alten Menschen die Entscheidung ersparen, ob sie ihren Führerschein abgeben oder behalten sollten. Das elektrische und wasserstoffgetriebene Fliegen kleiner Passagier- und Transportflieger wird sich ebenfalls durchsetzen. Robotik und künstliche Intelligenz für das maschinelle Lernen werden Produktion und Fabrikarbeit dominieren und gentechnisch konstruierte, personalisierte Arzneien werden den Heilmittelmarkt beherrschen.

Neben der Coronakrise gehören der Klimawandel, die demografische Entwicklung und der Wandel der Arbeitswelt zu den großen Herausforderungen der kommenden Jahre. Werden wir hier auf die Technik bauen können?

Die Technik ist zur Lösung vieler Herausforderungen unabdingbar. Um den Klimawandel zu bekämpfen, sollten wir uns aber beispielsweise nicht nur auf die Reduktion des CO2-Ausstoßes im eigenen Land beschränken, sondern auch die um ein Vielfaches schädlicheren Wald-, Torf- und Schwelbrände in Indonesien und China in den Blick nehmen. Beim Thema Demografiewandel ist für mich eine zentrale Frage, wie wir es schaffen, dass ältere Menschen länger in ihren eigenen Wohnungen bleiben können: Technische Assistenzsysteme vom intelligenten Blasenschließmuskel bis zum humanoiden Roboter – ausgestattet mit Tools für eine vereinfachte Bild-Sprach-Kommunikation mit den Angehörigen – sind für mich zentrale Perspektiven. Und zur Arbeitswelt: Monotone, also sich dauernd wiederholende Handgriffe in der Fabrik werden künftig sicher durch eine neue, kollaborative Robotergeneration ausgeführt. Man wird zudem in Billiglohnländer abgewanderte Produktion wieder nach Deutschland zurückholen und aufgrund des technischen Fortschritts auch weniger qualifizierten Arbeitskräften interessante und abwechslungsreiche Aufgaben verschaffen.

Die USA und China liefern sich einen unerbittlichen Zweikampf um die globale Technologieführerschaft. Können Deutschland und Europa überhaupt noch zu den beiden Technologie-Supermächten aufschließen?

Die Googles, Apples und Microsofts dieser Welt und ihre chinesische Gegenspieler in ihren Domänen einzuholen, ist auch auf längere Sicht schwer möglich. Aber die Techgiganten sind auch „nur“ auf bestimmte Produktbereiche wie Laptop- und Internetsoftware, Smartphones und Tablets fixiert. Das ist längst nicht der gesamte Industriebereich. Ingenieurskunst, vor allem die Mechatronik, die zur Entwicklung intelligenter Mechanismen den Maschinenbau, die Elektrotechnik und die Informatik integriert, ist nach wie vor eine Stärke unseres Landes. Robotik, Fertigungsautomation, additive 3-D-Druck-Fertigung, Flug- und Fahrzeugtechnik kommen hinzu. Wie auch die duale Ausbildung, die in den USA unbekannt ist. Elon Musk hat nicht ohne Grund einen erheblichen Teil seiner Führungskräfte bei Tesla aus deutschen Automobilingenieuren rekrutiert.

Die Kehrseite technologischen Fortschritts ist eine sich steigernde Technologiehörigkeit. Wächst die Blackout-Gefahr in den kommenden Jahren?

Ja, es gibt so einige Hypes und Götzen, die wir gerne vor uns hertragen, ohne die Risiken und Chancen abzuwägen. Wenn wir uns zum Beispiel ausschließlich auf Solar- und Windenergie verlassen, dann könnte beim Ausbruch des Vesuvs, der in den nächsten 100 Jahre erwartet wird, die gleiche katastrophale Situation entstehen wie beim Ausbruch des Tambora in Indonesien 1815: Damals war auch in Europa der Himmel über ein Jahr durch Asche und Staub verdeckt, es gab keinen Wind und keine Sonne und über 80.000 Menschen verhungerten, weil nichts mehr wuchs. Auch die jetzt mit Recht vorangetriebene Digitalisierung wird Schattenseiten offenbaren, denn Homeoffice und Homeschooling werden zur Vereinsamung vieler Menschen beitragen. Viele Ideen, die mein ehemaliges DLR-Zentrum für Robotik und Mechatronik an die Weltspitze der angewandten Roboterforschung gebracht haben, sind in unserem viel zu kleinen Kaffeeraum entstanden, wo sich die Mitarbeiter die Köpfe heißgeredet haben. Und wenn man Bargeld abschafft: Besteht Geld dann nur mehr aus Bits und Bytes in der Cloud amerikanischer Server? Andererseits: Was spricht dagegen, wenn Kriege künftig nicht mehr durch Waffengewalt, sondern dadurch entschieden werden, wer dem Feind zuerst das Internet abschaltet?

Was erhoffen Sie sich bis 2030?

Zunächst eine unaufgeregte Diskussion darüber, auf welche Antriebstechnologie man sich bei der Fortbewegung künftig konzentrieren sollte. Zudem erhoffe ich mir folgende Innovationen: autonom fahrende Autos, die die Zahl der Verkehrsopfer drastisch reduzieren; gedankengesteuerte Arm- und Bein-Prothesen für Amputierte und Querschnittsgelähmte sowie gedruckte Ersatzorgane und Kunstherzen, die Spenderorgane überflüssig machen. Und ich wünsche mir die Verfügbarkeit robotisch-mechatronischer Assistenzsysteme für Ältere sowie Durchbrüche in der Wasseraufbereitung für Entwicklungsländer, ebenso beeindruckende Erfolge der neuen – auch europäischen – Mars-Rover, die das große Potenzial der robotischen Erkundung des Weltalls sichtbar machen.

Dr. Gerd Hirzinger ist Professor der Mechanik und Robotik-Wissenschaftler und war zwischen 1992 und 2012 Leiter des Instituts für Robotik und Mechatronik des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Oberpfaffenhofen. In seiner Zeit als DLR-Leiter baute er das Institut zur international renommierten Technologieschmiede aus und entsandte 1993 erstmalig einen von der Erde aus ferngesteuerten Forschungsroboter in den Weltraum. Er hat als erster Wissenschaftler alle hochrangigen internationalen Auszeichnungen auf dem Gebiet der Robotik und Automation erhalten, dazu viele nationale Auszeichnungen wie den Leibniz-Preis, den Karlheinz-Beckurts-Preis oder das Bundesverdienstkreuz am Bande. | Foto: DLR – Gerd Hirzinger