Serie: Die Stadt der Zukunft
11. Januar 2022 6:06  Uhr

Die vier Ziele in der Stadt von morgen

In der Wirtschaftszeitungs-Jahresserie „Die Stadt der Zukunft“ haben wir jeden Monat das urbane Leben von morgen skizziert. Vier Aspekte stechen dabei besonders heraus.

Wohnen, Arbeiten, Mobilität, Erholung, Begegnung und mehr: Die Funktionen der Stadt bleiben auch in Zukunft vielfältig – ebenso wie die Lösungsansätze, um den Anforderungen zu begegnen. Foto: stock.adobe.com – venimo

Von Jonas Raab

OSTBAYERN. Wo wollen wir leben? Und vor allem: Wie wollen wir leben? Mit diesen beiden Fragen sind wir im Januar 2021 in die WZ-Jahresserie „Die Stadt der Zukunft“ gestartet. Antworten auf diese und noch viele weitere urbane Zukunftsfragen haben wir in den darauffolgenden zehn Monaten von Wissenschaftlern verschiedenster Fachrichtungen, von Stadtentwicklern und Vertretern aus der Immobilienwirtschaft bekommen: Wir haben dem Begriff „Smart City“ auf den Zahn gefühlt, uns urbane Mobilitätskonzepte von morgen angesehen und die städtische Schlüsselrolle auf dem Weg zur Treibhaus-Netto-Null bis 2045 aufgezeigt. Wir haben uns erklären lassen, was Architektur, Stadtquartiere und Gewerbegebiete in Zukunft leisten müssen. Auch bis vor Kurzem noch exotischen Konzepten der urbanen Lebensmittelproduktion, Urban Gardening und Farming, haben wir eine Bühne gegeben und pandemiebedingte Entwicklungen wie Suburbanisierung und Innenstadtsterben diskutiert. Nicht weil die Corona-Fallzahlen im November rasant stiegen, sondern weil sich die Pandemie als Katalysator für urbane Zukunftstrends erweist, ging es zum thematischen Abschluss der Jahresserie noch einmal um das Coronavirus.

Die erste unserer Eingangsfragen – die nach dem Wo – lässt sich recht fix beantworten: Die Menschen werden auch in Zukunft dort wohnen, wo sie wollen. Zwar leben laut einer vielzitierten Prognose der Vereinten Nationen im Jahr 2050 fast 70 Prozent der Weltbevölkerung in urbanen Räumen, doch in den westlichen Ländern schreitet die Urbanisierung nur noch langsam voran. Auch wenn im Gegensatz zu weiten Teilen Asiens hierzulande die Städte in Zukunft nicht aus allen Nähten platzen werden, bleibt ihre Anziehungskraft als wirtschaftliche und gesellschaftliche Schmelztiegel ungebrochen.

Die Antwort auf die zweite Frage – die nach dem Wie – ist komplexer. Nach Auswertung aller zehn Experteninterviews der Serie konnten wir vier sich wechselwirkend beeinflussende Aspekte identifizieren, die die Stadt von morgen prägen werden.

1. Die Welt retten

„Der Kampf ums Klima wird in unseren Städten gewonnen oder verloren“, hat der ehemalige UN-Generalsekretär Ban Ki-moon einmal gesagt. Obwohl Städte nur 0,4 Prozent der Erdoberfläche bedecken, sind sie für 80 Prozent der weltweiten Emissionen verantwortlich. Der Weg zur Treibhaus-Netto-Null bis 2050 führt deshalb durch die Städte dieser Welt. Die Vision: Kluge Nachverdichtung, autarke Stadtgebiete und vernetzte Mobilitätsangebote sorgen für kurze Wege und reduzieren den Individualverkehr. Die Digitalisierung ermöglicht nachhaltige Infrastrukturen. Die Energiequellen sind lokal und erneuerbar, die Baustoffe nachhaltig. Es brauche eine Energie- und Verkehrswende, aber auch eine „Gebäudewende“, fasst Prof. Dr. Carsten Kühl, Wissenschaftlicher Direktor und Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu), zusammen. Für Städte sei das eine Herausforderung, aber gleichzeitig auch eine große Chance. „Gerade in Schlüsselbereichen wie der Gebäudesanierung und der Verkehrswende werden künftig qualifizierte und zukunftsgerichtete Arbeitsplätze entstehen“, sagt er.

2. Den Zündschlüssel ziehen

Damit Städte lebenswert bleiben und möglichst klimaneutral werden, müssen sie sich grundlegend verändern. Wie wir uns in Zukunft fortbewegen, spielt dabei eine wichtige Rolle, wenn nicht sogar die entscheidende. „Ob der Umbau zur klimagerechten nachhaltigen Stadt gelingt, hängt maßgeblich von der Flächenverteilung für einzelne Verkehrsträger ab“, sagt Difu-Chef Kühl. Die Stadt von morgen ist eine Stadt der kurzen Wege und verfügt über vernetzte Infrastrukturen und multimodale, also aufeinander abgestimmte Verkehrsnetze. Autos werden an den Stadtrand gedrängt. Mobilität werden wir als Dienstleistung verstehen und sie je nach Bedarf individuell in Anspruch nehmen. Mit dem 5G-Ausbau, dem Fortschreiten der Digitalisierung und der Etablierung alternativer Antriebe wie der Elektromobilität und der Weiterentwicklung des autonomen Fahrens wird heute der Grundstein dafür gelegt. „Die Digitalisierung hat die Mobilität verändert und wird dies weiter tun. Ob dadurch der Verkehr klimafreundlicher und menschengerechter wird, ist in erster Linie eine Gestaltungsaufgabe“, sagt Kühl.

3. Immer smarter werden

Geht es um die Stadt der Zukunft, ist der Begriff „Smart City“ nicht weit. Er steht für die Vision digital vernetzter Städte, in denen zudem sozial, ökologisch und ökonomisch nachhaltige Ziele verfolgt werden. Das Internet sei längst wie eine zweite Stadt unter die Städte gekrochen, erklärte Prof. Dr. Tobias Just, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter der IREBS Immobilienakademie im Novemberbeitrag unserer Serie. Das bietet – wie in allen anderen Lebensbereichen auch – Lösungen sowohl für Klima- und Mobilitäts- als auch für Vernetzungs- und Prosperitätsfragen in der Stadt der Zukunft. Die Digitalisierung biete vor allem dann große Chancen, wenn ihr Einsatz kein Selbstzweck ist, sondern im Dienst einer nachhaltigen Stadtentwicklung steht, sagt Dr. Carsten Kühl. „Wenn Digitalisierung hilft, Verwaltungsprozesse schlanker zu organisieren, Energie effizienter zu nutzen oder Mobilität stadtverträglich und möglichst klimaneutral zu gestalten, ist dies tendenziell positiv.“ Die Datennutzung stehe dabei allerdings im Spannungsfeld von individuellen Rechten und kollektiven Zwecken, gibt er zu bedenken.

4. Kurze Wege schaffen

Ein Begriff, der in unserer Jahresserie noch öfter gefallen ist als „Smart City“, ist der der „15-Minuten-Stadt“. Menschen sollen von ihrem Stadtquartier aus alle wichtigen Einrichtungen in 15 Minuten erreichen. Es gab keinen Interviewpartner, der nicht über Vernetzung oder Vermischung gesprochen hat – in Innenstädten, in Stadtbezirken, in Quartieren oder in einzelnen Immobilien. Und nicht zuletzt hat auch die Pandemie deutlich gemacht, warum so viel über kurze Wege, Dezentralisierung, Durchmischung und Vernetzung geredet wird. „Die große Herausforderung ist, die mit dem Leitbild der kompakten Stadt verbundene Verdichtung mit den unterschiedlichen Ansprüchen und Interessen aller Bewohner in Einklang zu bringen“, sagt Dr. Carsten Kühl und spricht damit eine weitere Ebene der Vernetzung an, die für die Transformation unserer Städte entscheidend ist: Es gilt, alle beteiligten Akteure – Bewohner, Stadtplaner, Politiker, Wissenschaftler, Investoren, Eigentümer und Architekten – an einen Tisch zu bringen und die verschiedenen Interessen zu harmonisieren.

Die Stadt der Zukunft

Wie wollen wir künftig zusammenleben?

Dies ist der Abschluss der Jahresserie über die Stadt der Zukunft. Themen waren unter anderem Mobilität, Smart City, Klimaschutz und Architektur. Zu einem Überblick über alle erschienenen Beiträge geht es hier.