Innehalten-Kongress
11. Dezember 2020 6:05  Uhr

Die Wiederentdeckung der Langsamkeit

Das Thema Achtsamkeit in Wirtschaftsleben und Gesellschaft zu verankern, ist das Anliegen beim Innehalten Kongress in Neumarkt. Bei der Veranstaltung Ende Oktober war die Agenda aktueller denn je.

Die Füße im Herbstlaub des Waldes vergraben, das Rascheln hören, das Laub riechen und die Wärme der Sonnenstrahlen fühlen: Im Kontakt mit der Natur lässt sich Achtsamkeit gut trainieren. | Foto: Jürgen Fälchle – stock.adobe.com

Von Barbara Simon

NEUMARKT IN DER OBERPFALZ. Beinahe wäre die Veranstaltung zum zweiten Mal in diesem Jahr – ursprünglicher Termin war am 18. Mai – einem Lockdown zum Opfer gefallen. Doch mit dem Termin am 30. Oktober kam Veranstalter Johann Beck den erneut verschärften Auflagen um wenige Tage zuvor. Dem Geschäftsführer von Johann Beck Consulting war es ein besonderes Anliegen, die dritte Auflage des Innehalten Kongresses stattfinden zu lassen. „Gerade Veranstaltungen zu Themen wie dem Umgang mit Stress und Ängsten, über psychische Stabilisierung, innere Kraft, Gelassenheit und Ähnliches sollten nicht verboten, sondern vielmehr unter den entsprechenden Hygieneauflagen gefördert werden“, erklärt Johann Beck.

Das Kernthema des Kongresses ist im Coronaherbst aktueller denn je: Im Fokus stehen Achtsamkeit sowie der bewusste Umgang mit sich selbst und der aktuellen Situation – und damit gegebenenfalls mit Stresssituationen und Krisen. „Achtsamkeit bedeutet, dass ich mich auf die Gegebenheiten einlasse und ohne Wertung ganz im Hier und Jetzt lebe“, erklärt Beck. Für ihn steht die Notwendigkeit, den emotionalen Umgang mit Krisensituationen zu lernen, außer Frage. „Meines Erachtens wird uns das Virus noch lange begleiten.“

Aktiv aus der stressbedingten „Schnappatmung“ aussteigen

In Zeiten, in denen Menschen erleben, wie das Coronavirus der Gesellschaft die Kontrolle entreißt und Pläne immer wieder aufs Neue durchkreuzt, wird die Gelassenheit auf eine harte Probe gestellt: „Wir Menschen neigen evolutionsbedingt in Stresssituationen zu einem Tunnelblick“, sagt Achtsamkeitscoach Caroline Stiller. Sie referierte beim Kongress über das Thema „Achtsamkeit in Unternehmen“. Jeder kenne Situationen im Berufs- oder Alltagsleben, in denen Stress das operative Denken massiv einschränke, Emotionen hochkochen lasse und oft vorschnelle und der Situation nicht angemessene Handlungen nach sich ziehe: „Wenn wir unter Stress nicht klar denken, verstellen sich viele Spielräume und wir können unser Potenzial nicht ausschöpfen“, erklärt Stiller. Gerade in Krisenzeiten sei es gut, Werkzeuge zur Verfügung zu haben, um aus dieser stressbedingten „Schnappatmung“ aktiv auszusteigen.

Authentische Spiritualität als Kraftquelle

Die Werkzeuge sind denkbar einfach, vielleicht so einfach, dass man sich in einer modernen Informationsgesellschaft erst wieder darauf zurückbesinnen muss. Das zumindest legten die Vorträge von Dr. Madeleine Kamper zu „MBSR – Mindful Based Stress Reduction“, von Martin Kiem über den „Gesundheits-Coach Wald“, von Johann Beck zum Programm „Mach mal Om Business – gelassen erfolgreich“, Norbert Beck zu MBSA und Dr. Paulus-Thomas Weber über „Authentische Spiritualität als Kraftquelle“ nahe. Bei aller Verschiedenheit der Methoden gab es einen gemeinsamen Ansatz: Es seien Körper, Atem, unsere Sinne und die Verbundenheit zur Natur, die uns zu Präsenz und Achtsamkeit führen. Beides – das belegt inzwischen auch die Wissenschaft – ermögliche einen konstruktiveren Umgang mit Herausforderungen. Allerdings wolle und müsse dies gelebt und praktiziert werden – entgegen unseren Gewohnheiten und dem weit verbreiteten Verständnis von Problemlösungsstrategien.

Raus aus dem Kopfkino, rein in die Wahrnehmung

„Wir müssen raus aus dem Kopfkino, aus der Kognition, hinein in die Wahrnehmung“, erklärte Martin Kiem. Der Arbeits- und Organisationspsychologe aus Südtirol ist unter anderem als Natur-und-Waldtherapie-Führer tätig. Er gibt Seminare und arbeitet parallel mit Universitäten und Forschungsinstituten in Deutschland und Österreich zusammen, um die psychologischen Effekte naturerlebnis- und wahrnehmungsbasierter Übungen zu erforschen und die Methoden auf ein wissenschaftliches Fundament zu stellen. An diesem Kongressnachmittag ging es zwar nicht live in den Wald, dennoch schaffte es Martin Kiem, die Neugier auf ein Waldbad zu wecken.

Waldbaden heißt vor allem: entschleunigen

Doch was unterscheidet einen klassischen Waldspaziergang vom sogenannten Waldbaden? Erneut wurde klar, dass es um eine Entschleunigung des oft unbemerkt hohen Lebenstempos geht. So laute die Einladung zunächst, das Tempo auf ein Zehntel zu drosseln: „Die Menschen sind in einer konditionierten Geschwindigkeit unterwegs“, erklärte Kiem. 200 bis 300 Meter lege man bei einem Waldbad pro Stunde etwa zurück, statt der üblichen zügigen 4,5 Kilometer. Die zweite Einladung sei ebenso ungewohnt: Bei einem Waldbad geht es nicht um ein Ziel oder Ergebnis. „Auch in unserer Freizeit sind wir es inzwischen gewohnt, etwas erreichen zu wollen: etwa zehn Kilometer walken, etwas Spektakuläres erleben oder zu einem möglichst schönen Aussichtspunkt gelangen. Beim Waldbad gehen wir jeden Schritt um des Schrittes willen.“ Die dritte Einladung laute: vom Denkmodus in den Fühl- und Wahrnehmungsmodus zu gehen und alles so wertfrei wahrzunehmen, wie es gerade ist: „Wer Ruhe und Vogelgezwitscher erwartet, dem begegnet vielleicht an einem Tag eine Motorsäge.“

Wenn Ruhe Unbehagen auslöst

Doch nicht nur auf das Außen soll sich die Wahrnehmung richten, sondern auch auf die Gefühle und Impulse im Inneren: „Der Wald ist ein Spiegel. Für den einen hält die Natur etwas Bereicherndes, Schönes parat, das ihm guttut, bei dem anderen ruft sie Unangenehmes hervor“, so Kiems Erfahrung. Das sei normal und die Auseinandersetzung könne sehr heilsam sein, etwa mit der Frage: „Warum lösen Ruhe und Langsamkeit Unbehagen in mir aus?“ Doch gerade wegen der Konfrontation mit sich selbst ist dem Psychologen die Abgrenzung zwischen präventiven und gesundheitsfördernden Maßnahmen, etwa einem Waldbad, und therapeutischen Herangehensweisen, etwa der Waldtherapie, umso wichtiger.

Keine fernöstlichen Methoden, sondern menschliche Natur

„Die Verbindung mit uns selbst und mit der Natur ist nichts Fernöstliches, sondern eine Essenz, die in uns allen angelegt ist“, betonte Kiem. Dass diese Hinwendung zu uns selbst oft fremd anmute, sei unserem von natürlichen Abläufen abgekoppelten Alltag zuzuschreiben. Auch bei der Mindful Based Stress Reduction (MBSR), einer vor über 40 Jahren von dem Mediziner und Zen-Lehrer Jon Kabat-Zinn entwickelten Achtsamkeitspraxis, handle es sich keinesfalls um Esoterik, sondern um einen inneren Erforschungsprozess, der auf einer universellen und natürlichen Fähigkeit des Menschen basiere, wie Dr. Madeleine Kamper, Ärztin und MBSR-Trainerin in Regensburg, erläuterte. Die präventive Wirksamkeit für die psychische, körperliche und emotionale Gesundheit habe die Wissenschaft in den vergangenen 20 Jahren vielfach belegt.

Bayerische Wirtschaft für Achtsamkeitsmethoden gewinnen

Insbesondere große Unternehmen wie Google, SAP oder die Drogeriekette dm haben die Methoden der Achtsamkeit inzwischen selbstverständlich auf ihre Weiterbildungsagenda gesetzt. Johann Beck möchte mit seinem Konzept die bayerische Wirtschaft ansprechen. In Kooperation mit Gemeinden und diversen Partnern wurden etliche Angebote mit den Aspekten Ruhe, Stille und Ankommen ins Leben gerufen: Vieles davon steht der Öffentlichkeit kostenlos zur Verfügung, etwa Gelassenheitswege, ein Parcours, Kraftplätze sowie Gärten oder Räume der Stille. Darüber hinaus gibt es eine Akademie, die Aktion „Mach mal Om“, diverse Veranstaltungen und seit 2018 den Innehalten Kongress. In diesem Herbst wurde das letzte Teilstück des meditativen Wanderwegs „Contemplatio“ eröffnet, mit 116 Kilometern der längste seiner Art in Deutschland. Mehr Infos gibt es auch auf www.innehalten-region.de.

Interview

Psychische Belastungssituationen mit Achtsamkeit besser bewältigen

Wie sich Achtsamkeitstechniken im Betriebsalltag integrieren lassen, erklärt Stephanie Gammerl, Leiterin Personalmanagement am Klinikum Neumarkt, im Interview. Mit einem eigenen Fitnessparcours geht das Klinikum mit gutem Beispiel voran.

Foto: Klinikum Neumarkt

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