Interview
1. Februar 2022 16:47  Uhr

Die Würde des Schnitzels und des Schnitzelessers

Die Fleischproduktion ist nicht nur aus ethischer Hinsicht problematisch, sie zählt auch zu den größten Klimakillern weltweit. Dr. Nick Lin-Hi, Professor für Wirtschaft und Ethik an der Universität Vechta, setzt deshalb auf Fleisch aus der Retorte.

Nick Lin-Hi, Foto: Lin-Hi

Von Jonas Raab

Herr Lin-Hi, wie schlimm ist Fleischkonsum fürs Klima?

Nick Lin-Hi: Fleischkonsum ist ganz klar ein Treiber für den Klimawandel. Ich möchte aber nicht mit dem Finger auf einzelne Gruppen wie Konsumenten, Bauern oder Politiker zeigen. Wir sind gemeinsam in eine blöde Situation gekommen und kommen nur gemeinsam wieder heraus. Und hierfür sollten wir uns auf rationaler Ebene über existierende Probleme und realistische Lösungsansätze unterhalten.

Welche Probleme existieren beim Fleischkonsum? Warum macht er die Erde wärmer?

Die Tierhaltung ist einer der großen Verursacher von Klimagasen. Wiederkäuer scheiden Methan aus und Exkremente verursachen Lachgas. Hinzu kommen die Folgen von Landnutzungsänderungen, um riesige Mengen Futtermittel zu erzeugen. Plakativ gesprochen also etwa die Rodung von Regenwald, um Soja anzubauen. Pi mal Daumen kann man sagen, dass der Fleischkonsum für knapp 15 Prozent der menschengemachten Treibhausgase verantwortlich ist.

Werden die einzelnen Maßnahmen in den Klimapaketen diesem hohen Anteil gerecht?

Unsere Klimaziele werden wir mit dem aktuellen Instrumentarium nicht erreichen. Zudem haben wir Zielkonflikte. Auf EU-Ebene soll unter anderem der Green Deal zur Klimaneutralität bis 2050 beitragen. Eine Maßnahme hier ist die Ausweitung des ökologischen Landbaus. Damit lässt sich die zur Verfügung stehende Fläche allerdings weniger effizient nutzen. Vor dem Hintergrund der exponentiell wachsenden Weltbevölkerung ist das durchaus ein Problem. Zudem ist gar nicht sicher, dass der CO2-Rucksack der einzelnen Lebensmittel kleiner wird, wenn sie aus ökologischem Landbau stammen. Und ein Fleischverzicht, der in der öffentlichen Debatte immer mehr mitschwingt, ist einfach nicht realistisch.

Ein Fleischverzicht (…) ist einfach nicht realistisch.

Deshalb sind Sie ein Verfechter von Fleisch aus dem Labor.

Absolut. Es ist für mich eine der großen Chancen der Menschheit im Kampf gegen den Klimawandel.

Wie viel CO2 ließe sich einsparen, wenn wir nur noch Fleisch aus dem Bioreaktor essen?

Es gibt Prognosen, die ein CO2 -Einsparungspotenzial gegenüber der herkömmlichen Fleischerzeugung im Idealfall von bis zu 90 Prozent sehen – unter der Bedingung, dass wir kultiviertes Fleisch vollkommen mit erneuerbaren Energien erzeugen. Man muss aber klar sagen, dass wir es hier mit Schätzungen zu tun haben, da es an praktischen Erfahrungen mangelt. Das ist typisch für Sprunginnovationen wie die In-vitro-Erzeugung von Fleisch. Natürlich gibt es auch Stimmen, die nicht glauben, dass Fleisch aus dem Bioreaktor eine bessere Ökobilanz als die konventionelle Fleischerzeugung hat. Fakt ist aber auch: Wir haben keine Zeit mehr, uns Gewissheit zu verschaffen. Das Zeitfenster, den Klimawandel zu begrenzen, schließt sich gerade. Der Zeitdruck zwingt uns damit ins Risiko. Was Laborfleisch gebracht hat, werden wir erst in zehn oder 20 Jahren wissen – sofern wir der Technologie denn eine Chance geben. Wenn es dann nicht 90 Prozent waren, sondern nur die Hälfte davon, ist das immer noch verdammt viel.

Wie funktioniert der Vorgang genau?

Der Ausgangspunkt ist eine tierische Zelle, die einem Tier nahezu schmerzfrei entnommen wird. Sie kommt in ein Nährmedium und wird zum Wachstum angeregt. In einem Bioreaktor wachsen die Zellen bei einer konstanten Temperatur zu Fleischfasern heran. Nach ein paar Wochen können sie geerntet werden. Daraus lassen sich Fleischbällchen, Bratwürste, Burgerpatties oder Chicken Nuggets herstellen.

Das erste und bislang einzige Land, das Laborfleisch in Form von Chicken Nuggets Ende 2020 zugelassen hat, ist Singapur.

Ein marmoriertes Steak ist nicht möglich?

Aktuell lassen sich nur sogenannte unstrukturierte Produkte erzeugen. Für strukturierte Produkte wie ein Steak braucht es noch weitere Forschung und Entwicklung. Momentan werden verschiedene Verfahren erprobt – beispielsweise Bio-Printing, ein 3-D-Druck-Verfahren.

Haben Sie selbst schon Laborfleisch gegessen?

Leider nein, da es in Europa nicht zugelassen ist. Zudem ist die Szene bei uns sehr überschaubar. In den USA und Israel gibt es deutlich mehr Unternehmen, die am Fleisch der Zukunft arbeiten. Das erste und bislang einzige Land, das Laborfleisch in Form von Chicken Nuggets Ende 2020 zugelassen hat, ist übrigens Singapur.

Essen ist ein wahnsinnig emotionales Thema – insbesondere der Fleischgenuss. Glauben Sie, dass man für Fleischfasern aus dem Labor jemals Akzeptanz erzeugen kann?

Das Thema ist in der Tat hochgradig emotional. Essen ist mehr als satt werden, und es gibt durchaus Widerstände, hier etwas zu verändern. Mit einem zwinkernden Auge könnte man auch sagen: Die Würde des Schnitzels ist unantastbar. Die Menschen von In-vitro-Fleisch zu überzeugen wird nicht einfach, zumal es viele Vorurteile gibt. Wichtig ist, zu verstehen, worüber wir bei dem Produkt reden: Es ist kein Imitat oder gar Genfood, sondern echtes Fleisch. Es sieht genau wie Fleisch aus, riecht genau wie Fleisch, schmeckt genau wie Fleisch. Nur die Art und Weise der Produktion ist anders – ohne Tierleid, ohne die negativen Klimaeffekte. Am Ende werden es aber nicht Tierwohl und Nachhaltigkeit sein, die zu Akzeptanz führen, sondern der Preis. Man darf davon ausgehen, dass Fleisch aus dem Labor langfristig günstiger sein wird als das, was am Tier wächst. Wenn dieser Moment gekommen ist, wird das Fleisch aus dem Bioreaktor das konventionelle Fleisch in die Nische verweisen.

Am Ende werden es aber nicht Tierwohl und Nachhaltigkeit sein, die zu Akzeptanz führen, sondern der Preis.

Glauben Sie, dass eines Tages das Schlachten von Tieren zum Verzehr verboten sein wird?

Ich halte es nicht für ausgeschlossen, zumal eine Studie von mir nahelegt, dass die In-vitro-Erzeugung von Fleisch Auswirkungen auf die ethische Bewertung der Nutztierhaltung hat. Vor zehn Jahren hätte sich niemand vorstellen können, dass es irgendwann ein faktisches Verbot von Verbrennungsmotoren geben wird. Vielleicht werden unsere Enkelkinder uns irgendwann ungläubig fragen, ob wir früher wirklich Fleisch von echten Tieren gegessen haben.

Ist Fleisch die Akzeptanzspitze der Klimaverbote? Emotionaler als Auto und Fleisch geht es ja nicht mehr.

Das ist das Schöne am Fleisch aus dem Bioreaktor: Wir brauchen hier keine Verbote. Und es ermöglicht einen nachhaltigen Fleischkonsum ohne schlechtes Gewissen oder Verzicht. Es muss uns aber allen klar sein, dass wir mehr Veränderungen brauchen, um klimaneutral zu werden. Wir werden in nahezu allen Bereichen umdenken müssen. Genau dies klappt am besten, wenn wir nicht mit der Moralkeule oder gar Verboten kommen müssen, sondern dies über bessere Produkte möglich wird. Wie eben beim Fleisch. Das bleibt ja gleich, und es wird sogar günstiger. Innovationen sind für mich der Schlüssel zur Nachhaltigkeit.

Fazit

Fleisch aus dem Labor löst die Klimakrise nicht alleine – genauso wenig wie der Verzicht des Einzelnen aufs Steak. Dennoch bietet die Technologie ein gehöriges Klimapotenzial: Laut Nick Lin-Hin kann sie die CO2-Emissionen, die der Fleischkonsum heute verursacht, um bis zu 90 Prozent senken – ohne dass irgendjemand auf echtes Fleisch verzichten muss. Schnitzel, Hackbällchen und Bratwürste aus dem Bioreaktor sind heute für die Allermeisten von uns weder greifbar noch vorstellbar. Trotzdem steht eine Fleischrevolution bevor. Lin-Hi geht fest davon aus: Das Thema Fleischkonsum verdeutlicht die Gemengelage zwischen den drei Nachhaltigkeitsstrategien Effizienz, die auf Ökofleisch setzt, Suffizienz, die den Fleischverzicht propagiert und Konsistenz, die natürliches durch Laborfleisch ersetzen will, wie kein zweites. Daraus lassen sich Lehren über den Klimadiskurs ableiten. Lin-Hi ist der Überzeugung, dass Verzichtsdebatten, wie wir sie aktuell in allen Feldern der Klimakrise führen, wenig zielführend sind. Am Ende sind es seiner Meinung nach disruptive Technologien wie eben Laborfleisch, die den Unterschied machen werden – vorausgesetzt, sie bieten den Menschen einen tatsächlichen Vorteil. Im Fall des Fleisches hat er nichts mit dem Klima zu tun und ist weder moralischer noch ethischer Natur, sondern monetärer: Laborfleisch wird natürliches Fleisch dann verdrängen, wenn es schlichtweg billiger zu haben ist.