Interview
21. Februar 2020 12:36  Uhr

Die Zukunft des Arbeitslebens neu gestalten

Das Arbeitsleben steht in der neuen Dekade vor einschneidenden Veränderungen. Für Björn Böhning (SPD), Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium, liegt der Schlüssel zum Erfolg auch hier in stetiger Qualifizierung.

Neue Arbeitswelten schließen auch agileres Arbeiten und damit neue Arbeitsorte ein. Dank Digitalisierung und Flexibilisierung könnte das auch die Hängematte unter Palmen sein. | Foto: OlgaSaliy – adobe.stock.com

Von Stefan Ahrens

Herr Staatssekretär Böhning, blicken Sie bezüglich der Entwicklung der hiesigen Arbeitswelt mit Zuversicht oder mit Besorgnis auf das anbrechende Jahrzehnt?

Björn Böhning: Ich bin sehr zuversichtlich, weil es in unserer Hand liegt, die Zukunft zu gestalten. Und zwar mit dem Ziel, dass sich die Arbeit der Zukunft zum Nutzen und nicht zu Lasten der Beschäftigten entwickelt. Politik muss proaktiv und strategisch handeln. Dabei ist es unser erklärtes Ziel, die Menschen mit ihren Bedürfnissen in den Mittelpunkt zu stellen und die Betroffenen immer wieder selbst in den Gestaltungsprozess einzubinden.

Wie fällt zu Beginn der „neuen Zwanziger“ Ihre Diagnose des hiesigen Arbeitsmarktes aus?

Der Arbeitsmarkt von heute ist in Deutschland gleich von mehreren strukturellen Entwicklungen geprägt, die zum Teil gegenläufig sind. Auf der einen Seite gibt es nach wie vor eine positive Grundtendenz, die Beschäftigung ist hoch, die Arbeitslosigkeit erfreulich niedrig. Auf der anderen Seite sehen wir aber unübersehbare Herausforderungen, durch den demografischen Wandel etwa, aber auch durch weltwirtschaftliche Entwicklungen und aufgrund des durch die Klimaziele und die Digitalisierung getriebenen Strukturwandels. All diese Entwicklungen neutralisieren sich nicht, sondern führen zu komplexen Wechselwirkungen. Je nachdem, in welche Region man schaut, können sie sehr unterschiedlich ausfallen. Deshalb muss die Politik genau hinschauen und zielgenaue Lösungen finden.

Es ist an uns, die Zukunft des Arbeitslebens zu gestalten.

Welche Arbeitsplätze sehen Sie im neuen Jahrzehnt auf dem aufsteigenden, welche auf dem absteigenden Ast?

Das BMAS-Fachkräftemonitoring zeigt übereinstimmend mit der Engpassanalyse der Bundesagentur für Arbeit, dass vor allem in den Gesundheits- und Pflegeberufen viele Arbeitsplätze entstehen und die Fachkräftenachfrage hier noch größer sein wird als heute. Aber auch einzelne Handwerksberufe und einige technische Berufsfelder werden in Zukunft gefragt sein. Gleichzeitig ist zu erwarten, dass Digitalisierung und technischer Fortschritt in anderen Bereichen zu Beschäftigungsabbau führen könnten. Zum Beispiel werden in den Bereichen Einzelhandel, Textilverarbeitung sowie Rechnungswesen und Controlling weniger Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Dies bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass Fachkräfte von Erwerbslosigkeit betroffen sind, wenn sich entsprechend qualifizierte Einsatzmöglichkeiten in verwandten Tätigkeitsfeldern ergeben. Im Übrigen werden im Zuge des bereits genannten Strukturwandels auch neue Arbeitsplätze entstehen. Der bereits länger zu beobachtende Trend neuer Beschäftigungsverhältnisse im Bereich der freiberuflichen, wissenschaftlichen und technischen Dienstleistungen etwa wird sich wahrscheinlich auch in Zukunft fortsetzen.

Wie reagiert Ihr Ministerium auf die digitalen Herausforderungen für das Arbeitsleben in den kommenden Jahren?

Die Veränderungen in der Arbeitswelt haben viel mit der Frage zu tun, ob und wie gut die Beschäftigten von heute auf die Arbeit von morgen vorbereitet sind. Da geht es in erster Linie um Qualifizierung. Genau deshalb haben wir das Qualifizierungschancengesetz in Kraft gesetzt, damit vor allem kleinere Unternehmen bei der Qualifizierung ihrer Beschäftigten besser unterstützt werden können. Bereits in der vergangenen Legislaturperiode hat das BMAS nach einem intensiven öffentlichen, fachlichen und politischen Dialog das Weißbuch Arbeiten 4.0 vorgelegt. Viele Vorschläge daraus, wie das Monitoring des künftigen Fachkräftebedarfs, setzen wir inzwischen um. Und um den Einfluss der künstlichen Intelligenz auf die zukünftige Arbeitswelt besser zu verstehen, haben wir eine neuartige Organisationseinheit, die „Denkfabrik Digitale Arbeitsgesellschaft“, eingerichtet, um neue Handlungsfelder und Trends frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig Lösungsansätze entwickeln zu können. Aktuelle Schwerpunkte sind zum Beispiel die Arbeitsbedingungen in der Plattformökonomie, neueste New-Work-Trends und die Auswirkungen von künstlicher Intelligenz in der Arbeitswelt.

Die demografische Entwicklung ist ohne Frage eine große Herausforderung. Sie ist aber nicht die einzige.

Wie kann der langfristige Ausfall der „Babyboomer“ für die hiesige Wirtschaft kompensiert werden?

Die demografische Entwicklung ist ohne Frage eine große Herausforderung. Sie ist aber nicht die einzige. Hinzu kommt besagter Strukturwandel. Nach unseren Berechnungen werden allein durch den Strukturwandel in den nächsten sechs Jahren etwa 1,3 Millionen Arbeitsplätze wegfallen, gleichzeitig aber 2,1 Millionen neue Arbeitsplätze entstehen. Dabei wird der Jobabbau voraussichtlich nicht in den Bereichen stattfinden, in denen wir so händeringend Fachkräfte suchen. Während sich die Fachkräfteknappheit in einigen Berufen und Regionen aufgrund des demografischen Wandels also verschärft, sinkt sie an anderer Stelle – unter anderem durch den technischen Fortschritt und die Digitalisierung. Ein zentrales Ziel der neuen Fachkräftestrategie der Bundesregierung ist es daher, diesem zunehmenden Fachkräfte-Paradox von Arbeitskräfteknappheit bei gleichzeitigem Arbeitskräfteüberschuss zu begegnen.

Und wie soll dies konkret geschehen?

Es gilt, alle Erwerbstätigen dabei zu unterstützen, durch lebenslanges Lernen ihre Qualifikationen und Kompetenzen dem Wandel der Arbeitswelt anzupassen und aus ihnen die Fachkräfte zu machen, die wir für einen starken Wirtschaftsstandort Deutschland brauchen. Gleichzeitig wird unsere Wirtschaft natürlich auch in den kommenden Jahren auf qualifizierte Zuwanderung angewiesen sein. Deshalb tritt zum 1. März das Fachkräfteeinwanderungsgesetz für qualifizierte Arbeitskräfte aus Drittstaaten in Kraft. Außerdem beraten wir derzeit innerhalb der Bundesregierung über das Arbeit-von-morgen-Gesetz. Auch hier geht es vorrangig darum, Beschäftigte und Unternehmen im Strukturwandel stärker zu unterstützen.

Björn Böhning (SPD) ist seit März 2018 Beamteter Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Dort ist der Diplom-Politologe verantwortlich für die Politikbereiche Arbeitsrecht, Arbeitsschutz, internationale Beschäftigungs- und Sozialpolitik, Digitalisierung und Arbeitswelt und für die Denkfabrik des BMAS, in der neueste New-Work-Trends erprobt werden. Er war zuvor Chef der Senatskanzlei des Landes Berlin, Mitglied des SPD-Parteivorstandes, Juso-Bundesvorsitzender und ist Mitglied des D64-Zentrum für digitalen Fortschritt.

Foto: J. Konrad Schmidt

Fazit

Der Strukturwandel der hiesigen Arbeitswelt wird durch die Faktoren Demografie, Digitalisierung und Klimawandel massiv vorangetrieben. Als Gegenmaßnahmen von Politik und Wirtschaft stehen in den kommenden Jahren die Robotisierung und Automatisierung im verarbeitenden Gewerbe, das Anwerben und Halten von Nicht-EU-Fachkräften durch eine koordinierte Arbeitsmigration und attraktive „New Work“-Angebote sowie die grundsätzliche Bereitschaft zu lebenslangem Lernen bei Unternehmen und Angestellten im Fokus. Die Arbeits- und Wirtschaftspolitik steht zudem vor einem „Fachkräfte-Paradox“: Während sich die Fachkräfteknappheit in einigen Branchen, wie in den Pflege-, Gesundheits- und MINT-Berufen verschärft, sinkt sie an anderer Stelle, zum Beispiel im Einzelhandel, in der Textilverarbeitung sowie im Rechnungswesen und Controlling. Außerdem zwingt die rasante Entwicklung der künstlichen Intelligenz die Politik, sowohl strategisch und proaktiv zu agieren als auch bei Bedarf ad hoc handlungsfähig zu sein. Um dieses zu gewährleisten, bedarf es in den „neuen Zwanzigern“ nicht nur innerhalb der Politik eines radikalen Mentalitätswandels weg vom Festhalten an gängigen Gewohnheiten hin zu Offenheit gegenüber disruptivem Denken und Handeln.