E-Commerce
17. März 2021 6:01  Uhr

Digital einkaufen geht auch nachhaltig

Verpackungsmüll, Retouren, immer mehr Lieferverkehr und Strukturwandel in den Städten: Im E-Commerce gibt es zahlreiche Faktoren, die über seine Nachhaltigkeit entscheiden.

Zeitdruck, hohe physische Belastung und schlechte Bezahlung: Viele Paketzusteller leiden unter schlechten Arbeitsbedingungen. Um diese zu verbessern, werden unter anderem neue Zustelloptionen und Gewichtsobergrenzen diskutiert. Foto: Ronald Rampsch – adobe.stock.com

Von Stephanie Burger

BERLIN/SAARBRÜCKEN. Auch wenn die vor To-go-Verpackungen überquellenden Mülleimer etwas anderes vermuten lassen: Ökologisch nachhaltig einzukaufen, spielt bei den Verbrauchern eine immer wichtigere Rolle. Laut einer Studie des Instituts für Handel und Internationales Marketing an der Universität des Saarlandes hat unter den Konsumenten auch in Zeiten der Pandemie Nachhaltigkeit weiter an Relevanz gewonnen: So ist es 77 Prozent der 500 Befragten wichtig, dass Produkte nicht der Umwelt schaden. 64 Prozent richten ihre Kaufentscheidung danach.
Aber auch die Händler wissen, dass sie sich dem Thema stellen müssen: Laut einer Umfrage von Ibi Research an der Universität Regensburg GmbH gehen 46 Prozent der befragten stationären, Online- und Multikanalhändler von steigenden Investitionen in Nachhaltigkeit aus.

Über die Ökologie hinaus

Doch was bedeutet eigentlich Nachhaltigkeit im Zusammenhang mit E-Commerce? Allgemein habe Nachhaltigkeit eine ökologische, eine ökonomische und eine soziale Dimension, sagt Prof. Bastian Popp von der Universität des Saarlandes. Die Nachhaltigkeit des Onlinehandels werde demzufolge anhand vieler verschiedener Faktoren beurteilt, wie zum Beispiel Verpackungsmüll, Retourenmanagement, nachhaltige Logistik und Nachhaltigkeitskennzeichnung, aber auch die Behandlung der Mitarbeiter und die Digitalisierung des Bestellprozesses.

Allein die ökologische Dimension von Nachhaltigkeit ist ein breites Feld, das sich auf die gesamte Wertschöpfungskette erstreckt, wie Daniela Bleimaier, Referentin beim Bundesverband E-Commerce und Versandhandel Deutschland e. V. (bevh), erklärt. „Vom Einkauf der Produkte über Verpackung und Logistik bis hin zum Verbrauch – in allen Stufen der Kette liegen sowohl Chancen als auch Risiken für die Nachhaltigkeit.“ Im bevh beschäftige man sich beispielsweise zurzeit mit dem Thema Mehrwegverpackung. Im Projekt „Prax Pack“ habe man mit Tchibo und Otto ein Pilotprojekt gestartet, in dem das Mehrwegverpackungssystem des Anbieters Repack getestet wird, so Bleimaier. Die bestellte Ware wird in einer Mehrwegtasche vom Paketdienst ausgeliefert. Der Kunde entnimmt die Ware, faltet die mit einer Rücksendeadresse versehene Tasche zusammen und wirft sie in den nächsten Postkasten. „Unsere Erfahrung ist, dass die Verbraucher mitmachen, wenn es ihnen leicht gemacht wird“, sagt Bleimaier.

Retouren vermeiden

In diese Richtung zielt auch das „Nudging“, also die Beeinflussung von Menschen durch kleine „Stupser“ in die gewünschte Richtung – eine Strategie, die der bevh empfiehlt. Bleimaier nennt ein Beispiel: So könnten in Webshops bestimmte Voreinstellungen vorgenommen werden, indem beispielsweise bei der Verpackungsauswahl die ökologische Alternative bereits vorausgewählt sei. Aber auch das Ranking von Produkten in Onlineshops könne voreingestellt nach Umweltfreundlichkeit erfolgen. Für die Methode des Nudgings spricht sich auch Prof. Bastian Popp aus. Zudem könnten Händler durch eine Vereinfachung ihrer Prozesse dafür sorgen, dass Konsumenten sich für die nachhaltigeren Alternativen entscheiden.

Auf Basis seiner Studienergebnisse rät Popp Händlern, vor allem in eine nachhaltige Logistik zu investieren. Dieser Aspekt sei den Konsumenten besonders wichtig. Einerseits gelte es, Retouren zu vermeiden, beispielsweise durch Verbesserung der Informationen über Produkte in Onlineshops oder durch virtuelle Anproben durch Augmented- und Virtual-Reality-Technologien. Andererseits müssten Retouren einer sinnvollen, nachhaltigen Verwertung zugeführt werden. „Dies kann zum Beispiel durch einen Verkauf als A- oder B-Ware, eine Zuführung zu sozialen Zwecken oder durch Recycling erfolgen“, sagt Popp. Was die Distributionslogistik betrifft, hat laut Bleimaier der Onlinehandel sogar einen ökologischen Vorteil gegenüber dem stationären Geschäft: Denn durch die Lieferdienste würden weniger Emissionen verursacht, als wenn jeder Kunde einzeln den Weg zum Händler bestreite. „Und auch jedes Geschäft wird ja beliefert, allerdings in der Nacht, weshalb das weniger auffällt“, sagt Bleimaier.

Eine Chance für nachhaltigen Konsum biete der E-Commerce auch durch seine Transparenz. In Onlineshops könnten viel umfangreichere Produktbeschreibungen platziert werden als in stationären Geschäften. Zudem könne gezielt nach ökologischen Labels gesucht werden. „Gerade kleine Labels mit nachhaltigen Produkten haben online gute Chancen“, erklärt Bleimaier. „Für sie können Marktplätze im Internet ein niedrigschwelliger Einstieg in den Onlinehandel sein.“

Neue Ideen für die Städte

Der E-Commerce wird in den nächsten Jahren weiter dramatisch zunehmen – so viel steht fest. Deshalb beschäftigt sich der bevh auch mit der Frage, wie sich die heute noch vom stationären Handel geprägten Innenstädte nachhaltig weiterentwickeln können. „Wir müssen Ideen für die Städte entwickeln, die über den Handel hinausgehen. Sie müssen wieder attraktiv für das Wohnen werden und als kulturelle Orte eine noch wichtigere Rolle spielen“, sagt Bleimaier.

Auch die Verschmelzung von Onlinehandel und stationärem Handel werde die Innenstädte verändern. Klassische Ladengeschäfte würden zunehmend Showrooms weichen, in denen Produkte ausgestellt und getestet werden. Beim Ausweisen von Neuflächen für Wohnquartiere müsse laut Bleimaier zudem unbedingt der Onlinehandel mitgedacht werden. „Denn dort werden junge Familien einziehen, die zum großen Teil online bestellen. Deshalb brauchen wir hier Flächen für Lieferverkehre und Ablageboxen für die Paketdienste.“ Und auch Letztere sind in den Blick zu nehmen, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Die Arbeitsbedingungen der Zusteller gelten als verbesserungsbedürftig. Die Ende 2019 beschlossene Nachunternehmerhaftung könnte ein erster Schritt hin zu besseren Sozialstandards sein.