Digitalisierung
10. Oktober 2020 6:00  Uhr

Digital wird zur neuen Normalität

Das Thema Nachhaltigkeit stand im Fokus bei der virtuellen Transferkonferenz Triokon. Nur durch sie wird ökonomische Resilienz möglich, meint Professor Dr. Tilman Santarius von der Technischen Universität Berlin.

Von der Natur lernen heißt, überleben lernen: Nachhaltigkeit ist das Gebot der Stunde, Sharing-Concepte und Solidarität der Weg zum Ziel. | Foto: Sarayut_sy – stock.adobe.com

Von Oxana Bytschenko

REGENSBURG. Die ganze Welt spricht von Digitalisierung und wie diese durch die Coronakrise beschleunigt wird. Für Dr. Tilman Santarius, Professor für Sozial-Ökologische Transformation und Nachhaltige Digitalisierung an der TU Berlin, können jedoch digitale Lösungen nur Mittel zum Zweck sein – auf dem Weg zum nachhaltigen Wirtschaften. Er war Speaker bei der virtuellen Transferkonferenz „Triokon Digital 2020. Nachhaltige Entwicklung: Vom Trend zum Erfolgsfaktor“. Die Konferenz wurde von sechs ostbayerischen Hochschulen und Universitäten im Rahmen des Verbundprojekts TRIO veranstaltet. Dabei diskutierten Vertreter aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft mögliche Wege in eine nachhaltige Zukunft.

Die Antwort: mehr Solidarität

Tilman Santarius betonte in seiner Keynote, dass beim digitalen Umbau die Nachhaltigkeit immer als Ziel am Horizont bleiben sollte – auch in einer Gesellschaft mit multiplen Krisen: Klima, soziale Krisen wie Flucht und Spaltung und die Wirtschaftskrise infolge der Pandemie. „Die Antwort auf diese Krisen liegt in mehr Solidarität, ökonomischer Resilienz und mehr Nachhaltigkeit“, sagte Santarius.

Zugleich biete die Digitalisierung die besten Chancen, wenn sie herkömmliche Strukturen ersetze, so der Professor. Schon jetzt sei absehbar, „dass das New Normal nach der Krise wesentlich digitaler wird“. Aber wie dieser Wandel gestaltet wird, sei entscheidend. Hier müsste man als Unternehmen, so Santarius, vor allem die Herstellungsphase von Produkten ökologischer gestalten, wobei digitale Lösungen helfen könnten. Denn bisher war die Digitalisierung in Produktionsprozessen von Unternehmen „ein Nullsummenspiel“, sagte er. Ein Beispiel: Ein iPhone 8 braucht genauso viel Energie und verursacht so viel CO₂ wie ein iPhone 3.

Reformen sind notwendig

„Resiliente Ökonomie bringt weniger soziale und ökologische Krisen mit sich“, sagte Santorius. Aber dafür brauche es eine starke und aktive Gestaltung – durch Politik, Unternehmen und Bürger. Eine digital-ökonomische Steuerreform, eine Reform des Monopolrechts und eine Neuregulierung der Rechenzentren werden unumgänglich. „Zugleich könnten die Zivilgesellschaft, Unternehmen und vielleicht auch Universitäten kooperative Plattformen aufbauen, um die Unabhängigkeit von großen Konzernen zu verringern“, schlug er vor.

Der Primärbedarf muss sinken

Bei der Energienutzung sieht Tilman Santarius mehrere Ansätze. „Es muss aber klar sein, dass die Energiewende mit Strom aus 100 Prozent erneuerbaren Quellen nur möglich sein wird, wenn der Primärbedarf um 50 Prozent sinkt und nicht – wie bisher – steigt“, stellte er fest. Je stärker das Stromnetz zu einer dezentralen Form übergehe, desto flexibler müsse die Nachfrage nach Strom werden. Als Beispiel nannte er eine Waschmaschine, die nicht sofort, sondern zu Zeiten eingeschalten wird, wenn besonders viel Energie da ist.

„Digitale Lösungen haben hier ein großes Potenzial“, sagte er. So könnten unterschiedliche Strompreise zu verschiedenen Tages- oder Jahreszeiten ein finanzieller Anreiz für Bürger und Unternehmen sein, um zu sparen und flexibler zu produzieren. Der Professor sieht auch eine Mischung aus Quellen als vielversprechend an: Batteriespeicher, Wasserstoff und Gaserzeugung aus Wind.

Verstecktes Potenzial bei Mobilität

Digitale Lösungen sind auch im Bereich Mobilität notwendig. „Der Umbau zu mehr Sharing-Modellen hat noch viel Luft nach oben“, sagt Santorius. Hier sollte man umdenken. „Warum könnte man ein Auto, das 23 Stunden am Tag steht, nicht auch mal als Stromlieferant nutzen?“, regte er an. Neue Wege gehen und mit alten Gewohnheiten brechen lautet sein Rezept. „Menschen führen viele Handlungen routiniert, ohne sie zu hinterfragen aus. Hier kann die Teilautomatisierung ansetzen und bei ritualisierten Handlungen Entscheidungen für die Menschen treffen“, sagte der Professor.

Seiner Meinung nach könnte die Digitalisierung auch dabei helfen, den Konsum weniger kommerziell zu gestalten. Die Konsumenten würden mehr Diversität und Macht bekommen und könnten einen Teil der Produkte oder Lebensmittel sowie eigene Codes für Programme selbst herstellen. „Leider geht der Trend bisher in die andere Richtung, er läuft der resilienten Wirtschaft entgegen“, sagt Santorius. (by)