Onlinehandel
15. September 2020 6:00  Uhr

Digitale Champions gibt’s auch im Einzelhandel

An der Digitalisierung kommen die Einzelhändler nicht mehr vorbei. Laut bayerischem Wirtschaftsministerium und Ibi Research meistern neun Unternehmen in Bayern diesen Wandel besonders gut. Auch Ostbayern ist vertreten.

Der Einzelhandel muss sich angesichts des digitalen Wandels neu aufstellen. In Bayern haben einige Händler ihre Hausaufgaben bereits gemacht. | Foto: zapp2photo – stock.adobe.com

Von Stefan Ahrens

MÜNCHEN/REGENSBURG. Die zunehmende Digitalisierung bestimmt die Entwicklung des Handels in vielfältiger Weise. Während sich häufig große Handelsunternehmen durch ihre Digitalisierungsvorhaben von ihren Wettbewerbern abheben, haben kleine und mittlere Händler oftmals Schwierigkeiten, den Anschluss zu halten. Doch gerade in der Coronakrise haben sich digitale Konzepte für den Einzelhandel als wichtiger denn je erwiesen.

Im Rahmen des vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie geförderten Projekts „Digitale Champions im bayerischen Einzelhandel“ hat das Forschungsinstitut Ibi Research an der Universität Regensburg GmbH nun Digitalisierungsstrategien und Erfolgsfaktoren kleiner und mittlerer Einzelhändler in Bayern untersucht. In einem umfassenden Gutachten wurden einzelne Projekte, Erfahrungen und Strategien ausgewählter Unternehmen analysiert, über deren Herausforderungen und Hindernisse berichtet sowie maßgebliche Gemeinsamkeiten und Erfolgsfaktoren identifiziert.

Zwei Oberpfälzer, ein Niederbayer

So wurden Anfang des Jahres kleine und mittlere Unternehmen aus den sieben Regierungsbezirken in Bayern gesucht, die in vorbildlicher Weise Digitalisierungsvorhaben umsetzen beziehungsweise bereits umgesetzt haben. Aus den eingereichten Bewerbungen sowie zahlreichen Vorschlägen der Kammern und Verbände wurden neun Unternehmen identifiziert, die aus Sicht von Ibi Research die Chancen der Digitalisierung ergriffen und genutzt haben. Sie haben sich zudem laut Pressemeldung des Bayerischem Wirtschaftsministeriums und Ibi Research „den Herausforderungen erfolgreich gestellt und in teils ganz unterschiedlichen Bereichen ihres Unternehmens ihre Position am Markt nachhaltig positiv beeinflusst“.

Zu den neun Unternehmen aus ganz Bayern gehören auch zwei aus der Oberpfalz sowie eines aus Niederbayern. So ist die Oberpfalz zum Beispiel durch Interliving Gleißner aus Tirschenreuth vertreten, das mit über 20.000 Quadratmetern Gesamtfläche eines der großen Einrichtungshäuser im Nordosten Bayerns ist. Das breite Sortiment des 1872 gegründeten Unternehmens reicht von Möbeln und Küchen über Lampen, Haushaltswaren, Heimtextilien und Geschenkartikel bis hin zu Glas, Porzellan und Wohnaccessoires. Um die richtigen Digitalisierungsprojekte für das Unternehmen zu identifizieren und umzusetzen, wurde bereits vor einigen Jahren eine umfassende Analyse des Unternehmens und der Branche durchgeführt. Wichtige Erkenntnisse hieraus waren beispielsweise, dass die fachliche und persönliche Kompetenz der Mitarbeiter in Kombination mit dem Angebot vor Ort das entscheidende Kriterium bei der Kaufentscheidung ist. An diesen Erfolgsfaktoren galt es auch in digitaler Hinsicht noch stärker zu arbeiten.

Corporate Design und Cloudlösungen gehören dazu

Um fit für die Zukunft zu werden, investierte Interliving Gleißner ab 2016 umfangreich in die Digitalisierung des Unternehmens. Dies betraf zunächst das Corporate Design: Denn der Veränderungsprozess im Unternehmen mit dem Umbau des Hauses sollte auch eine integrierte Kommunikation erlauben – das heißt, dass über alle Medien hinweg möglichst eine einheitliche Kommunikation in Wort und Bild stattfinden sollte. Der Mediencontent wird zudem über eine zentrale Cloudlösung gesteuert. Zur Vereinfachung der Prozesse werden die Inhalte so aufbereitet, dass sie online wie offline verwendet werden können. Im Rahmen der Digitalisierungsinitiative wurde auch die Möglichkeit moderner Bezahlmöglichkeiten im Einrichtungshaus geschaffen. Neben gängigen Kreditkarten kann beispielsweise auch mit Apple Pay die Ware am Kassenterminal bezahlt werden. Flankierend setzt das Unternehmen zur Verbesserung des Kundenerlebnisses auf soziale Medien: Interliving Gleißner arbeitet mit einer Medienagentur zusammen, die professionelle Filme dreht, die dann in der Mediathek auf der Website veröffentlicht werden. Auch auf Youtube können Erklärvideos angesehen werden, etwa dazu, wie eine Arbeitsplatte richtig gesäubert oder ein Küchenschrank passend eingestellt wird. Auch die TV-Spots werden im Youtubekanal häufig geklickt. Auf Pinterest werden zudem besonders medientauglich arrangierte Küchen gepostet.

Auf den großen Onlinemarktplätzen zu Hause

Ebenfalls aus der Oberpfalz vertreten ist die Leogra Trading GmbH aus Bad Neualbenreuth, die sich seit 2008 als reiner Onlinehändler mit dem Vertrieb von hochwertigen Produkten beschäftigt. Das Aufgabenspektrum umfasst hauptsächlich das Anlegen, Verwalten und Pflegen von Artikeln in den Bereichen Textilien, Schuhe, Drogerie und Accessoires. Ein weiterer Baustein des Unternehmens ist das Angebot von Online- und Internetdienstleistungen. Vertreten ist der Onlinehändler auf vielen großen Marktplätzen, beispielsweise auf Amazon, Zalando und E-Bay in mehreren EU-Ländern. Zudem werden die Waren auf Rakuten, Real und Cdiscount sowie im eigenen Onlineshop yourfashionplace.de verkauft. Das Warenwirtschaftssystem des Unternehmens ist inzwischen vollumfänglich aufseiten des Einkaufs, der Buchhaltung und des Verkaufs angebunden und auch miteinander verknüpft. Die Digitalisierung des Versandhändlers mithilfe einer Lagersoftware war ein weiterer wichtiger Meilenstein für das Unternehmen.

Online wie offline Präsenz zeigen

Aus Niederbayern wiederum grüßt die Reidl GmbH & Co.KG mit Sitz in Hutthurm in der Nähe von Passau. Der Fokus des Produktsortiments liegt auf Arbeitsschutz, Eisenwaren, Normteilen und Werkzeug. Neben dem klassischen Handel im stationären Ladengeschäft in Hutthurm bietet das Unternehmen auch die Möglichkeit der elektronischen Beschaffung über das Internet sowie eine Vielzahl weiterer standardisierter Schnittstellen. Das Unternehmen führt über 250.000 Artikel und sieht es als seine Aufgabe an, auch mit digitalen Lösungen diese Artikel so übersichtlich wie möglich darzustellen, um den Einkauf auf diese Weise zu erleichtern.

Die verschiedenen Strategien dieser Unternehmen können laut Bayerischem Wirtschaftsministerium und Ibi Research für andere Unternehmen inspirierend sein und als Motor für die eigene Unternehmensstrategie wirken. Die komplette Publikation „Digitale Champions im bayerischen Einzelhandel“ – inklusive ausführlicher Analysen sowie Interviews mit allen neun Unternehmen über deren Digitalstrategien – steht auf der Website des Bayerischen Wirtschaftsministeriums für Interessierte kostenlos zum Download zur Verfügung.