Monatssieger Februar: Quimedo
3. März 2021 6:09  Uhr

Digitale Revolution für die Gesundheit

Ein Netzwerk für das ostbayerische Gesundheitswesen: Das Deggendorfer Start-up Quimedo will mit einer neuen Onlineplattform Patienten, Ärzte und Pfleger besser vernetzen – und Telefone verstummen lassen.

Seit Januar leiten sieben Kliniken im Raum Deggendorf Patienten online in die Pflege oder Reha über. | Foto: bongkarn thanyakij/Pexels.com

Von Jonas Raab

DEGGENDORF. Rund 50 Telefonate sind in der Regel nötig, bis ein Krankenhauspatient in die Reha oder Pflege übergeleitet werden kann. Im Entlassmanagement bestimmen klingelnde Telefone und fiepende Faxe den Arbeitstag. In der Überleitungsabteilung des Donau-Isar-Klinikums Deggendorf sind diese Töne seit ein paar Wochen allerdings wesentlich seltener geworden. Dort funktioniert die Kommunikation jetzt auch digital. Verantwortlich dafür ist Dr. Timo Steininger. Er ist kein Arzt, dafür studierter Pädagoge, promovierter Philosoph und Quimedo-Gründer. Mit seinem Start-up hat er den Informationsaustausch zwischen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen innerhalb weniger Monate digitalisiert – und dabei festgestellt, dass es im Gesundheitswesen noch viel mehr Baustellen gibt.

Aus 50 Anrufen wird einer

Quimedo ist eine webbasierte Plattform, die Entlass- und Überleitungsabteilungen mit Anbietern der Anschlussbehandlung oder Pflegeeinrichtungen aller Art vernetzt und freie Plätze je nach individuellem Patientenbedarf anzeigt. Aus 50 Anrufen wird im besten Fall einer. Seit 13. Januar testen sieben Kliniken und 70 Nachsorgeeinrichtungen im Raum Deggendorf die Software. Das Feedback könnte kaum besser sein, sagt Steininger: „Die Einrichtungen sind begeistert. Wir nennen es mittlerweile auch gar nicht mehr Testphase, denn letztendlich sind wir ja live. Täglich geschehen über unser Modul eine Vielzahl an Überleitungen.“ Die digitale Lösung lässt dabei nicht nur die Bürotelefone verstummen. Sie macht freie Kapazitäten in Einrichtungen sichtbar und sorgt dafür, dass sie effizienter genutzt werden können.

Social-Media-Plattform der Gesundheit

Das Überleitungsmodul ist aber nur ein Teil von Steiningers Vision. Er will die Gesundheitsversorgung in Ostbayern digital revolutionieren. „Als wir die ersten Netzwerkpartner im Boot hatten und verschiedene Konzepte für die Plattform entwickelten, haben wir gemerkt, dass das alles zu kurz gedacht ist“, sagt er. Schon bald wird Quimedo mehr als ein Austausch-Tool für Krankenhaus- und Pflegepersonal sein: In Deggendorf entsteht gerade eine Social-Media-Plattform der Gesundheit – inklusive Chat- und Uploadfunktion für Formulare, digitalen Pinnwandstrukturen und Workspacemöglichkeiten. Ärzte aller Fachrichtungen, ihr Personal und Privatpersonen sollen daran gleichermaßen teilhaben. „Im Wesentlichen geht es darum, alle beteiligten Akteure schnell und einfach miteinander zu vernetzen“, sagt der 32-jährige Gründer. „Wir haben die Vision einer digitalen Gesundheitsregion.“

Integration in Telemedizin

Das sechsköpfige Start-up mit Sitz im ITC1 Deggendorf legt seit seiner Gründung Anfang Oktober ein rasantes Tempo vor. In Kürze wird auf www.quimedo.de eine interaktive Netzwerkkarte online gehen, die Privatpersonen die zielgenaue Suche nach Einrichtungen ermöglicht. Im Frühjahr wird die Chatfunktion verfügbar sein und Mitte des Jahres soll die Software mithilfe eines regionalen Partners in die Telemedizin integriert werden. Federführend dabei ist Softwareentwickler Stefan Klein. Er leitet bei Quimedo die Entwicklung und ist Teil der Geschäftsführung.
Während Klein die Plattform weiterentwickelt, arbeitet Steininger an der Vergrößerung des Verbreitungsgebiets. Bis Mitte des Jahres will er den ostbayerischen Raum von Deggendorf aus in alle Himmelsrichtungen erschließen. Recht viel weiter soll es vorerst aber nicht gehen, schließlich lebe das Netzwerk von seiner Regionalität. „Ich halte nichts von zu großen Sprüngen“, sagt er. „Ich will Quimedo nachhaltig gestalten, denn ich bin überzeugt davon, dass man auch hinter digitalen Netzwerken Gesichter und Ansprechpartner braucht.“

Prozesse sind langwierig

Alle Beteiligten – Verbände, Kommunen, Landräte und Co. – von der Notwendigkeit digitaler Lösungen zu überzeugen, sei eine Mammutaufgabe. Corona habe hier bei Entscheidern allerdings die Bereitschaft wesentlich gesteigert, sagt Steininger: „Programmieren können wir alles, die Herausforderung liegt in den Schnittstellen zu den Kliniken, die ja meist staatlich getragen sind. Das ist natürlich mit vielen langwierigen Prozessen behaftet.“ Um seine Vision einer lückenlosen digitalen Vernetzung der ostbayerischen Gesundheitsvorsorge möglichst schnell wahr werden zu lassen, hofft Steininger auf Unterstützung aus der Politik, denn der Mehrwert für die Region sei unbestritten.

TH Deggendorf als wichtiger Partner

Einen Partner weiß er jedenfalls sicher an seiner Seite: die Technische Hochschule Deggendorf. An der Fakultät für angewandte Gesundheitswissenschaften tritt er im April seine Stelle als Leiter des Praxisreferats Pflege an. Steininger will Quimedo und die Wissenschaft auf lange Sicht verzahnen. „Gesundheitsversorgung ist eine Aufgabe des Staates. Da sind wir auch auf wissenschaftliche Entwicklungen angewiesen. Und wir sind hier noch lange nicht am Ende. Ich sehe Quimedo auch als Plattform, mit der wir testen können, wo die Reise in der Gesundheitsversorgung hingehen kann.“

Ende vergangenen Jahres testete Stefan Klein die Quimedo-App mit Gesundheitsinformatik-Studenten der Technischen Hochschule Deggendorf. | Foto: Theresa Martini