Ländlicher Raum
12. Mai 2020 11:51  Uhr

Digitaler Brückenschlag gegen räumliche Distanz

Mirjam Opitz, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS, erforscht Ansätze, wie sich der ländliche Raum besser einbinden lässt.

Mirjam Opitz, Fraunhofer SCS, Foto: Fraunhofer IIS, Paul Pulkert

Von Thomas Tjiang

Frau Opitz, ländlicher Raum steht für dünne Besiedlung und Nachteile gegenüber Ballungsräumen bei Versorgung, Mobilität und Kommunikationstechnik. Wie schlimm ist es aus Ihrer Sicht?

Mirjam Opitz: Die aktuelle Debatte ist gerechtfertigt. Ich komme selbst aus dem ländlichen Raum und kenne die Situation. Aber auch amtliche Statistiken und eigene Erhebungen zeigen beispielsweise, dass die Versorgungsstrukturen im ländlichen Raum stetig abnehmen, während gleichzeitig die Leerstände wachsen. Die Distanzen zum nächsten Nahversorger oder zu anderen Dienstleistern werden größer, das benachteiligt gerade Menschen, die nicht mehr so mobil sind. Fraunhofer SCS sieht hier viel Potenzial, um anzusetzen.

Wie hoch sind die Barrieren, Ihre digitalen Angebote auszuprobieren und intensiv zu nutzen – auch mit Blick auf Ihre digitale Wohnberatung?

Bei der digitalen Wohnberatung haben wir eine zentrale Anlaufstelle in Tirschenreuth. Wer sich für die digitale Wohnberatung interessiert, kann sich diese auf der Website www.digitale-wohnberatung.bayern anschauen oder mit einem Berater in Kontakt treten, der ihn ganz persönlich unterstützt. Bei den Bildungsangeboten gibt es verschiedene Modelle, beispielsweise Jung und Alt zusammen, Frontalvorträge oder Onlinevorträge. So gemischt die Teilnehmerkreise auch sind, so positiv sind doch die Rückmeldungen zu den verschiedenen Angeboten.

Helfen gerade diese konkreten Angebote nicht so internetaffinen älteren Menschen bei ihrem Weg in die Digitalisierung?

Ich denke, dass bei diesen unterschiedlichen Bildungsformaten für jeden, der motiviert ist, etwas dabei ist. Erste Befragungen der Teilnehmer haben ergeben, dass grundsätzliche Fähigkeiten und Fertigkeiten im Umgang mit Computer, digitaler Kommunikation und Internet gestiegen sind. Das liegt natürlich nicht nur an unseren Projekten, sondern auch an der generellen Entwicklung in unserer Gesellschaft. Gerade wenn jüngere Menschen oder Enkelkinder in Kontakt mit Älteren stehen, hat das einen hilfreichen Effekt.

Wechseln wir bei der Digitalisierung auf die Anbieterseite zu Landwirten, Erzeugern oder auch telemedizinischen Angeboten im ländlichen Raum. Wie sieht es da aus?

Das ist je nach Anbieter unterschiedlich. Bei unserem Projekt im Medizinbereich geht es vor allem um die Vernetzung von Pflegeeinrichtungen, Pflegebedürftigen und Angehörigen. Hier ist jedoch – zu Recht – der Datenschutz der Gesundheitsdaten ein großes Thema. Wir beobachten aber auch einen regelrechten Push bei telemedizinischen Angeboten in der Coronakrise. Bezogen auf die Nahversorgung: Manche nutzen bereits den Onlinevertrieb intensiv, andere arbeiten noch mit Fax. Man darf dabei nicht vergessen, dass der Breitbandausbau im ländlichen Raum noch hinterherhinkt.

Sie entwickeln mit Big Data und Prognoseverfahren das Oberpfälzer Steinwald-Projekt weiter. Welche Möglichkeiten kommen hinzu?

Wir können beispielsweise durch die Auswertung von Verkaufs- und zusätzlichen Daten mittels Prognoseverfahren den Nachfragebedarf besser planen: Gerade bei frischen Lebensmitteln kommt ein zu geringes Angebot bei den Kunden nicht gut an. Ist der Bestand aber zu hoch, muss man relativ viel abschreiben. Und auch die Touren des Verkaufsfahrzeugs können mithilfe von Daten optimiert werden. Auch das spart letztlich Zeit und Kosten sowie unnötige Logistik.

Sind das bereits Impulse für Geschäftsmodelle oder sind immer öffentliche Projektfinanzierungen und ehrenamtliches Engagement notwendig?

Forschungs- und Förderprojekte zielen immer darauf ab, Impulse für Geschäftsmodelle zu geben. In der Steinwald-Allianz sind wir in der letzten Projektphase, in der es auch ein Ziel ist, das Projekt tragfähig zu machen. Wir sind zudem im Austausch mit anderen Partnern in anderen Regionen, um uns über Möglichkeiten einer Übertragbarkeit auszutauschen. Denn mit unseren Arbeiten zielen wir auf eine nachhaltige Entwicklung ab – also darauf, dass Förderprojekte nach Ende der Förderphase tragfähig sind und einen Mehrwert in der Region bringen.