Interview
26. Oktober 2020 6:21  Uhr

Die Bedeutung des digitalen Wandels begreifen

Die digitalen Technologien haben einen allumfassenden Veränderungsprozess in Gang gesetzt. Professor Karsten Weber, Experte für Technikfolgeabschätzung, bewertet den Prozess und seine Tragweite auf einer Metaebene.

Die digitale Transformation ist ein auf digitalen Technologien begründeter Veränderungsprozess, der sich auf alle Bereiche der Gesellschaft auswirkt. | Foto: Chan2545 – adobe.stock.com

Von Jonathan Ederer

Herr Professor Weber, Digitalisierung beziehungsweise digitale Transformation: Der Begriff ist seit Jahren in aller Munde. Haben wir die Bedeutung des Wandels für Wirtschaft und Gesellschaft tatsächlich verstanden?

Professor Karsten Weber: In der deutschsprachigen Wikipedia steht als erster Satz zur Digitalisierung: „Der Begriff Digitalisierung bezeichnet etwa seit den 1970er-Jahren das Umwandeln von analogen Werten in digitale Formate und ihre Verarbeitung oder Speicherung in einem digitaltechnischen System.“ So verstanden ist Digitalisierung erstens eine technische Angelegenheit und zweitens geht es zunächst um die Art der Speicherung von Informationen– das sieht nicht sonderlich bedeutsam aus. Seit den 1990er-Jahren wurde dann vermehrt darüber gesprochen, dass sich der Charakter unserer Medien grundlegend verändere, weil alle medialen Informationen digital vorlägen und somit verlustfrei kopiert werden könnten. Das würde die Geschäftsmodelle der Medien revolutionieren.

Wird sich also alles grundlegend verändern?

Erst langsam und vermutlich nicht vollständig begreifen wir heute, dass die Verarbeitung digitaler Informationen einen wirklichen Paradigmenwechsel darstellt. Wir lernen, teilweise auf schmerzhafte Weise, dass die Möglichkeit der Erfassung, Verarbeitung und Speicherung digitaler Informationen keinen Lebensbereich unberührt lässt. Das wird möglich, weil wir mit Computern und Algorithmen universelle Werkzeuge geschaffen haben, die sich zu vergleichsweise geringen Kosten für praktisch jede Aufgabe anpassen lassen. Ein und derselbe Rechner kann eine Industrieanlage steuern, die Daten einer Lebensversicherung verwalten, den Luftverkehr über Deutschland regeln, eine Pandemiestatistik erstellen, eine Rakete ins Ziel lenken. Werkzeuge dieser Art gibt es erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts und ihre Möglichkeiten sind vermutlich noch lange nicht erschöpft. Deshalb können wir die Bedeutung der Digitalisierung auch noch gar nicht vollständig verstanden haben. Das sollte nicht verwundern, denn wir haben auch die industrielle Revolution, die vor mehr als 200 Jahren begann, noch immer nicht in jeder Hinsicht verstanden.

Wie sinnvoll ist es, die digitale Transformation – im Kontext eines allgemeinen Wandels – als kontinuierlichen Prozess auf sämtlichen Ebenen einer Gesellschaft separat zu betrachten?

Menschen sind als Problemlöser dann am erfolgreichsten, wenn sie Probleme in kleine Teile zerlegen, bis sie in der Lage sind, diese Teile zu lösen. Damit geht fast immer die Gefahr einher, dass die gefundenen Lösungen kurzfristig orientiert sind und ihre Nebenwirkungen auf den Rest der Welt nicht bedacht werden. Als James Watt Ende des 18. Jahrhunderts eine einigermaßen effiziente Dampfmaschine entwickelte, deckte er damit den Bedarf nacheiner großen Kraftquelle. Nebenbei löste er den ungezügelten Kapitalismus aus, die durch die Dampfmaschine mögliche Industrialisierung veränderte Gesellschaften von Grund auf, die Weltbevölkerung begann, exponentiell zu wachsen, Mobilität wandelte sich grundlegend, politische Machtverschiebungen fanden statt, industriell gefertigte Massengüter erhöhten die Lebensqualität, fossile Brennstoffe veränderten das Klima – die Liste der Folgen und Nebenfolgen ist tatsächlich noch viellänger. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Folgen und Nebenfolgen der digitalen Transformation mindestens so weitreichend sein werden wie jene der industriellen Revolution.

Es ist also nicht sinnvoll?

Nein, aufs Ganze gesehen ist es nicht sinnvoll, die digitale Transformation abzutrennen von anderen Wandlungsprozessen. Man könnte argumentieren, dass die Digitalisierung eine weitere Phase der Industrialisierung darstellt, hier also eine historische Kontinuität vorliegt. Menschen neigen aber dazu, die Geschichte in klar abgegrenzte Epochen einzuteilen, weil dies beim Verständnis von Wandlungsprozessen zu helfen scheint: Es gibt die Zeit vor und nach der Atombombenexplosion über Hiroshima, eine Zeit vor und nach der ersten Mondlandung. Das ist ja insofern auch richtig, als man beispielsweise eine Atombombe hat oder eben nicht; versteift man sich aber auf diese Perspektive, verliert man aus dem Blick, dass die Denkweisen, die mit zur Entwicklung der Atombombe beitrugen, schon vor dieser Waffe existierten. Ähnliches lässt sich für fast jede Technologie sagen, deren Erscheinen als Paradigmenwechsel aufgefasst wird.

Gibt es einen digitalen Wandel dann überhaupt?

Man sollte nicht außer Acht lassen, dass sich gesellschaftlicher und technischer Wandel wechselseitig bedingen und kein klarer kausaler Pfeil identifizierbar ist. Man kann dies beispielsweise an der Entwicklung des PCs oder auch des Internets nachzeichnen. Diese technischen Entwicklungen wurden möglich, weil es ein bestimmtes gesellschaftliches Klima gab. Aber als sie realisiert wurden, veränderten sie das gesellschaftliche Klima, was zu weiteren Veränderungen sowohl in der Gesellschaft als auch der Technik führte. Kurz gesagt: Es hat keinen Sinn, die digitale Transformation vom allgemeinen gesellschaftlichen Wandel und von anderen technischen Wandlungsprozessen wie beispielsweise der Energiewende getrennt zu betrachten. Aber um solche Wandlungsprozesse überhaupt untersuchen zu können, bleibt uns manchmal nichts anderes übrig, als bestimmte Phänomene isoliert zu betrachten.

Was entgegnen Sie Menschen, die sich vor der Digitalisierung fürchten, die die digitale Vernetzung am Arbeitsplatz nicht annehmen wollen oder die in jedem öffentlichen WLAN die absolute Überwachung sehen?

Recht haben sie, aber gleichzeitig auch Unrecht. Diese Gefahren existieren und sind real. Aber sie sind nicht unvermeidbar, weder individuell noch gesellschaftlich. Um nur einmal über Deutschland zu sprechen: Seit Gründung der Bundesrepublik gab es zahlreiche wirtschaftliche Umbrü- che mit teilweise sehr weitreichenden Konsequenzen: das Zechensterben in den Kohlerevieren, das Werftensterben, die Automatisierung und Computerisierung in so unterschiedlichen Branchen wie Chemie, Automobilbau, Versicherung, Banken oder Druck, der dramatische Umbau der ostdeutschen Wirtschaft nach der Wiedervereinigung, jeweils begleitet vom Wegfall hunderttausender Arbeitsplätze. Für die einzelnen Menschen waren das Zäsuren und auch gesellschaftlich gab es Verletzungen.

Was können wir daraus lernen?

Wir leben glücklicherweise in einer Gesellschaft, die zahlreiche Mechanismen entwickelt hat, um Umbrüche zu gestalten. Aber das ist kein Selbstläufer, sondern bedarf der Mitwirkung. Wer sich vor der Digitalisierung fürchtet, muss erstens nicht jede neue Entwicklung mitmachen – man kann privat beispielsweise ganz gut ohne soziale Medien leben. Zweitens ist Wissen immer noch die beste Kur gegen Furcht. Niemand sollte sich ins Bockshorn jagen lassen: Digitalisierung ist kein unverständliches Mirakel, man kann darüber lernen. Das kann, drittens, dazu beitragen, Dinge selbst zu gestalten oder an der Gestaltung mitzuwirken – am Arbeitsplatz, im Verein, in der Familie, im privaten Umgang mit der Technik und nicht zuletzt beziehungsweise ganz besonders in der Politik, auch wenn die Idee, dass Wahlen etwas verändern, unpopulär geworden ist. Wir können die negativen Folgen der Digitalisierung einhegen, aber dafür müssen alle tätig werden: durch Bildung und Ausbildung, durch Wählen und bürgerschaftliches Engagement. Manche mögen sagen, dass das naiv wäre, aber wer so denkt, hat bereits verloren.

Mit Blick in die Zukunft: Wie werden sich die Kommunikation und der Arbeitsalltag ändern?

Die Coronapandemie gibt hierauf Hinweise: Plötzlich wird deutlich, dass viele Tätigkeiten keine Präsenz in einem Unternehmen benötigen; es wird klar, dass viele berufliche Kontakte, die vor der Pandemie persönlich stattfanden, auch virtuell gestaltet werden können. Man muss kein Raketenwissenschaftler sein, um vorauszusagen, dass dies Veränderungen sind, die über die Coronasituation hinausweisen. Ähnliches gilt für den großen Bereich der Bildung. Vermutlich ist es nicht möglich oder sinnvoll, alle Bildungsprozesse zu digitalisieren und zu virtualisieren, aber in vielen Fällen ist es beides. Das wird weitreichende Konsequenzen haben, da sich dadurch soziale Beziehungen – in der Schule, am Arbeitsplatz, an der Hochschule, in der Freizeit – vermutlich teilweise dramatisch verändern werden.

 

 

 

Der Philosoph Professor Dr. Karsten Weber beschäftigt sich unter anderem mit ethischen und sozialen Auswirkungen von Technik. Seit 2013 ist er Co-Leiter des Instituts für Sozialforschung und Technikfolgenabschätzung der Ostbayerischen Technischen Hochschule in Regensburg. Darüber hinaus ist er seit 2018 einer der drei Direktoren des Regensburg Center of Health Sciences an Technology. | Foto: Foto: Florian Hammerich