Finanzen
6. Dezember 2021 5:58  Uhr

Digitalisierungsschub: Eine Branche geht online

Die Versicherungsbranche zählt zu den Wirtschaftssektoren, die besonders stark durch die Digitalisierung verändert werden. Angenommen wird der Wandel noch nicht überall.

Die Digitalisierung stellt gerade große Versicherungsunternehmen vor Herausforderungen. | Foto: styleuneed – stock.adobe.com

Von Mathias von Hofen

OSTBAYERN. Ohne Zweifel gibt es bei vielen Versicherern erheblichen Modernisierungsbedarf in der Informationstechnik. So laufen bei vielen Unternehmen die Kranken-, Lebens- und Sachversicherungen oft auf unterschiedlichen IT-Systemen. Zudem haben mitunter große Versicherer kleinere Wettbewerber übernommen, doch nicht deren digitale Infrastruktur integriert. Nicht selten können die Daten zwischen den einzelnen Abteilungen eines Versicherungsunternehmens nicht ausgetauscht werden. Damit haben die Versicherer oft keinen Gesamtüberblick über die Kundendaten und schon gar nicht über die persönliche Situation des Kunden. So können den Versicherten nur schwer gezielte, auf ihren speziellen Bedarf ausgerichtete Angebote gemacht werden.

Digitale Strukturen müssen verbunden werden

Eine Hauptaufgabe der Versicherer wird also in Zukunft darin bestehen, interne digitale Strukturen zu verbinden, um einen effektiven Datenaustausch zu ermöglichen. Daneben können auch in einzelnen Abteilungen, zum Beispiel in der Schadensbearbeitung, durch stärker automatisierte Vorgänge Prozesse vereinfacht und verschlankt werden.

Schon seit einigen Jahren prophezeien Experten, dass es in Zukunft Policen nur noch online gibt. Reine Onlinepolicen machen allerdings wenig Sinn, wenn nicht auch die Strukturen der Versicherer entsprechend stärker digitalisiert sind. Solange es also den Versicherern nicht gelingt, ihre internen Kundendaten stärker zu vernetzen, sind sie weiter stark auf den klassischen Vertrieb angewiesen. Denn oft haben nur die Vermittler einen genauen Überblick über die Situation und Bedürfnisse ihrer Kunden.

Vermittler bleibt bevorzugte Informationsquelle

In der Theorie sind die Versicherungsnehmer quasi in zwei Gruppen gespalten. Auf der einen Seite die jungen, voll „durchdigitalisierten“ Kunden und auf der anderen Seite die nur analog orientierten und überwiegend älteren Kunden. Übersehen wird dabei gerne, dass sich die Mehrzahl der Versicherten im Graubereich zwischen den Extremen bewegt.

Laut einer Studie der MSR Consulting Group aus 2020 gaben selbst bei den unter 30-Jährigen 40 Prozent an, dass für sie der Versicherungsvermittler die bevorzugte Informationsquelle ist. Auf alle Altersgruppen bezogen ist die Bevorzugung der Makler und Vertreter mit 60 Prozent noch stärker.

Vergleichsportale wie Check 24 oder Verivox werden von jedem Dritten als Informationsquelle genutzt. Für den Abschluss sind diese mit nur 15 Prozent aber weniger entscheidend als der Versicherungsvermittler mit beachtlichen 45 Prozent. Viele Kunden informieren sich erst auf Vergleichsportalen oder in den sozialen Medien, um danach die persönliche Beratung durch Makler zu suchen. So bleiben Makler und Vertreter trotz Digitalisierung die wichtigsten Faktoren im Versicherungsbetrieb. Martin Gräfer, Vorstand der Versicherung die Bayerische, sieht auch einen Einfluss der Pandemie: „Am besten ist es, auf die Verbindung von digitaler und persönlicher Beratung zu setzen. Gerade in dieser außergewöhnlichen Krise wird klar, dass persönliche Beratung auch digital erfolgen kann.“

Insurtechs: eher Partner als Konkurrent

Eine weitere grundlegende Veränderung der Branche stoßen die Insurtechs an. Das sind Start-ups in der Versicherungsbranche, bei denen sämtliche Geschäftsprozesse voll digitalisiert sind. Sie sind mittlerweile in so unterschiedlichen Sparten wie den Sachversicherungen, der Krankenversicherung oder dem Rechtsschutz aktiv. Daneben auch in Spezialsparten wie Kurzzeitverträgen oder der Handyversicherung.

Zudem konzentrieren sich immer mehr Insurtechs auf die Kooperation mit etablierten Versicherungen. Eine Kooperation, von der beide Seiten profitieren. Dr. Klaus Wiener, Chefvolkswirt des Verbandes der deutschen Versicherungswirtschaft: „Insurtechs werden etablierte Anbieter auf absehbare Zeit nicht verdrängen. Sie besetzen aber wichtige Nischen: Die Anbieterlandschaft differenziert sich weiter aus.“

Interview

In der digitalen Welt zählt Agilität

Christian Wiens, Geschäftsführer des digitalen Versicherers Getsafe, sieht in der Versicherungsbranche den Willen zur Digitalisierung, konstatiert aber  auch einen großen Nachholbedarf. Im Interview spricht er über die Rolle von Insurtechs und notwendige nächste Schritte.

Hier geht’s zum Interview …