Monatssieger Juli: Johannes Herrmann
30. Juli 2021 6:05  Uhr

Drei Technologien, ein Ziel: Viren töten

Die Pandemie bekämpfen, nicht verwalten: Der Chamer Johannes Herrmann hat Luftreiniger für die verschiedensten Anwendungsbereiche entwickelt und damit ein ganzheitliches Paket zur Virenbekämpfung geschnürt.

Von groß (im Vordergrund) bis klein (über der Couch im linken Eck): Johannes Herrmann hat Luftreiniger für die verschiedensten Anwendungsbereiche entwickelt und nutzt sie auch in seinem Büro. Foto: Jonas Raab

Von Jonas Raab

PÖSING. „Auto ist Emotion“, sagt Johannes Herrmann. Sein ganzes Leben dreht sich um vier Räder. In seiner Wahlheimat Cham kennt man den gebürtigen Franken als „Schreiferl“, wenngleich er längst nicht mehr selbst an den namensgebenden Schräubchen dreht. Seit mehr als einem halben Jahrhundert entwickelt Herrmann Hebebühnen, Lackiererwerkzeug und anderes Kfz-Zubehör, vertreibt sie in aller Herren Länder. Eigentlich. Weil der Unternehmer beim Ausbruch der Coronapandemie Pragmatismus vermisste, entwickelte er innerhalb von ein paar Monaten ein System zur Virenbekämpfung, dem drei gänzlich unterschiedliche Technologien zugrunde liegen.

Die Pandemie bekämpfen, nicht verwalten

„Wir haben die Pandemie im vergangenen Jahr verwaltet, nicht bekämpft. Ich wollte das Thema Desinfektion ganzheitlich angehen“, sagt Herrmann. Grundlage für seine erste Innovation ist eine über 200 Jahre alte Entdeckung: Wasserstoffperoxid tötet verschiedenste Krankheitserreger wie Viren und Bakterien ab. Damit desinfizierte Herrmann schon in seiner Jugend Gegenstände, als er eine Ausbildung zum Zahntechniker durchlief. Mit der DESI-Produktfamilie hat er dem vergessenen Desinfektionsmittel im Oktober 2020 ein massentaugliches System spendiert.

Herzstück der DESI-Produkte ist ein Fluider, der Wasser in eine schonende und umweltfreundliche Desinfektionslösung umwandelt – ohne Chemie oder Alkohol. Mittels eines plasmabasierten Prozesses erzeugt der Fluider in normalem Leitungswasser Hydroxylradikale. Sie brechen die Fetthüllen von Bakterien und Viren. Die Mikroorganismen trocknen aus, stellen ihre Reproduktion ein und sterben – zu 99,9 Prozent, wie das Unternehmen verspricht.

Das Wasser bleibt nach der Aufbereitung im DESI-Fluider lebensmittelecht. Bei der Aufbereitung von neun Litern Wasser entsteht nach dem 60-minütigen Vorgang ein Wasserstoffperoxidanteil von 100 ppm (Anteile pro Million), also eine Lösung von 0,01 Prozent Wasserstoffperoxid. Für die Virenabtötung sei das absolut ausreichend, für Menschen völlig unbedenklich, sagt Herrmann.

Unternehmer Johannes Herrmann | Foto: Herrmann Innovations GmbH


Mit Zerstäubern lässt sich das aufbereitete Wasser auf Oberflächen, Händen und in der Raumluft verteilen. Um möglichst viele Anwendungsbereiche abdecken zu können, hat Herrmann Zerstäuber in mehreren Effizienzstufen entwickelt: ein Einsteigermodell für den Heimbedarf, einen leistungsfähigeren Jet für den mobilen Einsatz in größeren Büroräumen und sogar einen autonom navigierenden Desinfektionsroboter für Firmenkomplexe von bis zu 5000 Quadratmetern Größe. Sie alle funktionieren nach demselben Prinzip: Mittels Ultraschalltechnik wird die Desinfektionslösung so fein zerstäubt, dass kalter Nebel aufsteigt, der von einem Ventilator in der Raumluft verteilt wird. Ein mobiler Aufsteller zur Desinfektion von Händen und ein Monitor, der die Luftqualität eines Raumes im Blick behält, ergänzen das DESI-System. „Ich denke immer ganzheitlich, in Systemen eben“, sagt Herrmann.

Bei der Entwicklung der Desinfektionsgeräte profitierte Herrmann von seinem riesigen Netzwerk, das er im Kfz-Bereich und angrenzenden Branchen über Jahrzehnte aufgebaut hat. Ideenaustausch hält der Pösinger für besonders wichtig. Sein Wasserstoffperoxidsystem ist unter anderem in Zusammenarbeit mit dem Institut Schwarzkopf aus Bad Bocklet entstanden.

Renommierte Entwicklungspartner im Boot

Beim Wasserstoffperoxid wollte Herrmann es nicht belassen: Die ohnehin schon große DESI-Produktfamilie hat längst Zuwachs bekommen: Überall dort, wo feuchte Desinfektionsmethoden nicht zum Einsatz kommen können, beispielsweise bei elektronischen Geräten und Computertastaturen, setzt Herrmann auf UV-C-Strahlen. Auch dieser fotomechanische Vorgang, verbaut in einem taschenlampengroßen Stick, eliminiert Viren und Bakterien zu 99,9 Prozent.

Als besonders spannend bezeichnet der Pösinger Unternehmer aber die dritte und neuste Technologie im Bunde: Plasmatisierung. In Zusammenarbeit mit der Royal University of Cambridge und der Academy of Science in China entwickelte Herrmann eine weitere Luftreinigerserie. Viren werden aus der Luft gefiltert und im Gerät abgetötet. Dafür sorgt das verbaute Plasmamodul.

Kein Lüften in der kalten Jahreszeit nötig

Plasma ist eine Art ionisiertes Gas. Es enthält eine große Anzahl aktiver Ionen und energiereiche freie Gruppen. Diese Hochgeschwindigkeitspartikel brechen die molekularen Bindungen von Virusproteinen, Bakterien, Sporen und Pilzen auf und produzieren schließlich ungiftige flüchtige Verbindungen – wieder mit 99,9-prozentiger Sicherheit. Die unschädlichen Reste werden dann in einem Filter aufgefangen, dessen Inhalt im Hausmüll entsorgt werden kann. Den Plasmaluftreinigern, die wieder in verschiedenen Ausführungen erhältlich sind, hat Herrmann mit Blick auf den Herbst und die Luftreiniger-Pflicht in Schulen jüngst einen sogenannten CO2-Lufttauscher mit Wärmerückgewinnung zur Seite gestellt. Das soll Lüften in der kalten Jahreszeit erübrigen. Im April trug Herrmann dem neuen Geschäftsbereich Rechnung und benannte seine Firma, die 31 Jahre lang unter dem Namen Herrmann Lack-Technik GmbH firmierte, in Herrmann Innovations GmbH um. „Die Themen Desinfektion und Luftreinigung sind auf der Straße gelegen. Wann gibt es schon mal einen komplett neuen Markt?“, fragt der Kfz-Fachmann auf Abwegen.