Businessclub
25. Mai 2022 6:01  Uhr

Droht Bayern eine Deindustrialisierung?

Prof. Dr. Ing. Michael Sterner, Professor für Energiespeicher und Energiesysteme an der OTH Regensburg, plädierte im Businessclub für einen Komplettumbau der Industrie mit Strom und Wasserstoff.

Prof. Dr. Ing. Michael Sterner | Foto: Thorsten Retta

Von Gerd Otto

REGENSBURG. Dass die Energie- und Klimawende gerade auch in Bayern mit dem Ausbau von Windkraft und Sonne „steht und fällt“, davon zeigte sich im Businessclub Prof. Dr. Ing. Michael Sterner, Professor für Energiespeicher und Energiesysteme an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg, fest überzeugt. Gelinge diese Transformation nicht, könnte es mit Blick auf die Aktivitäten in anderen Teilen Deutschlands mit Partnern wie Tesla, Northvolt oder Intel durchaus zu einer „schleichenden Deindustrialisierung“ im Freistaat komme. Für Sterner sei Bayern durchaus ein „Wind- und Sonnenland“.

Energiewende umfasst nicht nur Strom

„Raus aus den fossilen Energieformen und rein in die Erneuerbaren und den Wasserstoff“ – mit dieser Botschaft unterstrich Sterner vor dem Businessclub im Regensburger Medienhaus die Notwendigkeit der Energiewende, und zwar zeitnah. Als Energiewende insgesamt definierte der Wissenschaftler dabei nicht nur die Stromwende, sondern auch die Wärme-, Verkehrs- und Industriewende.

Generell sprach sich Sterner für eine stärkere Dämmung der Gebäude und eine Erneuerung der Heizungen aus, drückte aber auch seine Überzeugung aus, dass die Industrie in Deutschland den „Komplettumbau“ mit Strom und Wasserstoff in Angriff nehmen müsse. Als nachhaltige Mobilität skizzierte der Leiter der Forschungsstelle Energienetze und Energiespeicher (FENES) als Lösung für den Individualverkehr die E-Mobilität, während im Bereich Lkw-Verkehr, Flugzeug und Schifffahrt vor allem Wasserstoff und synthetische Kraftstoffe zum Einsatz kommen sollten. Gesellschaftspolitisch werde es nicht zuletzt darauf ankommen, den CO2-Preis sozial zu gestalten, „und den Klimaschutz etwa gegenüber dem Arten- und vor allem dem Denkmalschutz stärker zu gewichten.“ Laut dem Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz gelte als neuer Grundsatz, dass die Nutzung von erneuerbaren Energien im überragenden öffentlichen Interesse liege und der öffentlichen nationalen Sicherheit diene.

Auch bei Atomkraft abhängig von Russland

Als absurd bezeichnete Sterner außerdem Behauptungen, wonach von Solarstrom Strahlungen ausgehen würden oder im Zusammenhang mit Windrädern der Infraschall Menschen schädigen könnte. Auch für Wildvögel gingen von Windrädern kaum Gefahren aus, jedenfalls weit weniger als von ihren natürlichen Fressfeinden, dem Straßen- und Schienenverkehr oder dem Abschuss durch Jäger.

Mit Blick auf die Energieabhängigkeit von Russland und mögliche Gegenmaßnahmen hält der Regensburger Wissenschaftler nur wenig von einer Laufzeitverlängerung der Atomkraftwerke, und dies nicht nur wegen hoher technischer Unsicherheiten und einem entsprechend hohen Aufwand. Vielmehr müsste eine solche Maßnahme auch als sehr teuer eingestuft werden. Schließlich sei man bei den Brennstäben ausgerechnet von Russland abhängig. Hinsichtlich der notwendigen Entsorgung des Atommülls könnte die Standortsuche im übrigen durchaus auf den Bayerischen Wald mit seinen Granitvorkommen „zulaufen“, verwies der aus dieser Region stammende OTH-Professor auf die derzeit wieder aufflammende Diskussion um ein Atommüll-Endlager.