Hochschule
19. August 2021 5:55  Uhr

Ein Forschungsturbo, der nicht zündet

In einer Liga mit Talentschmieden wie Harvard spielen – das ist das Ziel hinter der bayerischen Hochschulreform. Doch der Entwurf für das sogenannte Hochschulinnovationsgesetz wird stark kritisiert.

Weltweit genießt die Havard University einen herausragenden Ruf als Eliteschmiede – gerne würde man in Deutschland hier gleichziehen. Doch dem aktuellen Hochschulinnovationsgesetz traut man diesbezüglich eher wenig zu. Foto: sharafmaksumov – stock.adobe.com

Von Claudia Rothhammer

OSTBAYERN. Zwei Tage – so lange dauerte die Expertenanhörung im Ausschuss für Wissenschaft und Kunst. Noch nie in der Geschichte des Bayerischen Landtags hatte eine Anhörung mit Sachverständigen so lange gedauert wie im Juni zum Hochschulinnovationsgesetz (HIG). Der Entwurf umfasst 66 Seiten, dazu 56 Seiten Erläuterungen. Doch an den vielen Seiten lag es nicht, dass sich die Anhörung in die Länge zog. Die Sachverständigen sollten die Frage beantworten, ob das HIG seinem Namen gerecht wird. Einige Experten bezweifeln dies massiv. Die Liste der Kritikpunkte ist lang.

Wettbewerbsfähiger werden

Die Hochschulreform soll die bayerischen Einrichtungen wettbewerbsfähig machen – auch im Hinblick auf internationale Talentschmieden wie Harvard oder Cambridge. Dafür will das HIG an altbewährten – Reformbefürworter sprechen von verkrusteten – Strukturen rütteln. Die Reform stützt sich auf drei Schwerpunkte. Erstens räumt das HIG den Hochschulen mehr Freiheiten ein. Alle Entscheidungen sollen künftig schneller fallen – durch schlankere Verwaltungsstrukturen. Zweitens will Wissenschaftsminister Bernd Sibler mehr Innovationsfreude und Unternehmergeist sehen. Deshalb sollen sich Hochschulen und ihre Mitarbeiter leichter an Unternehmen beteiligen oder Ausgründungen besser unterstützen können. Drittens forciert das HIG die Förderung von Talenten. Dazu gehören die verpflichtende Einrichtung von Karrierezentren oder die endgültige Übertragung des Berufungsrechts auf die Hochschulen.

Gerade von dieser Seite hagelte es bei der Expertenanhörung im Wissenschaftsausschuss massive Kritik. Die beiden ostbayerischen Unis in Regensburg und Passau halten sich bedeckt, verweisen auf Prof. Sabine Doering-Manteuffel. Die Präsidentin der Uni Augsburg und zugleich Vorsitzende des Zusammenschlusses Universität Bayern e. V. vertrat bei der Anhörung elf bayerische Universitäten. Sie beanstandete laut Protokoll, dass mit dem vorliegenden HIG-Entwurf der „angekündigte Forschungsturbo“ sicherlich nicht „gezündet“ werde. Es gebe noch keine Rechtsverordnung zum HIG, es fehlten die strategischen Handlungsspielräume sowie eine zukunftsweisende Leitidee.

„Wir werden unseren Erfolg gefährden“

Der aktuelle Entwurf des HIG werde die Hochschulen weder im internationalen Wettbewerb stärken noch einen Geist des Aufbruchs bewirken. Verantwortungsträger werden laut Doering-Manteuffel eher geschwächt als gestärkt, ebenso die nötige Flexibilität an den Hochschulen. Oder wie es Professor Bernd Huber, Präsident der Ludwigs-Maximilians-Universität München, ausdrückte: „Mit diesem HIG, fürchte ich, werden wir unsere Chancen in diesem Exzellenzwettbewerb sicherlich nicht verbessern, ich fürchte sogar, dass wir unseren Erfolg gefährden werden.“
Johannes Grabmeier, Professor für Wirtschaftsinformatik an der TH Deggendorf, kritisierte bei der Anhörung, dass man den Hochschulleitungen einen „schier unendlichen Vertrauensvorschuss“ einräume – auf Kosten der Professoren, obwohl gerade sie die Garanten für gute Lehre, Forschung und Transfer in die Gesellschaft seien. Laut Grabmeier könnte das HIG die Arbeitsbedingungen der Professoren einschränken. Zudem fehlten im Entwurf demokratische Entscheidungsprozesse und gesetzlich abgesicherte Rechte für die weiteren Hochschulorgane.

Vieles eine Frage der Mittel

Kritik kam auch von den Parteien: „Anstatt echter Innovationen finden sich im Entwurf überwiegend veraltete Konzepte zu Deregulierung und Effizienzsteigerungen aus der neoliberalen Mottenkiste“, kritisierte Christian Flisek (SPD). „Echte Innovationen im Bereich der demokratischen Mitbestimmung, der Nachhaltigkeit, der Gleichstellung und Diversität sind dagegen kaum zu finden.“ Auch im Bereich der demokratischen Mitbestimmung bleibe der Entwurf „ambitionslos“. Völlig ungeklärt bleibe die Finanzierung. „Wenn die Hochschulen mehr Aufgaben in eigener Verantwortung erfüllen sollen, brauchen sie dafür mehr Geld und Personal.

Solange die Hochschulen insgesamt zu wenig Mittel bekommen, wird die Einführung eines Globalbudgets nicht zu mehr Handlungsspielräumen führen.“ Der niederbayerische Abgeordnete sieht den Transfer als dritte Aufgabe neben Forschung und Lehre kritisch. Das werde die kleineren Fächer an Universitäten stark unter Druck setzen, weil deren Forschungsergebnisse nur schwer zu quantifizieren seien. Ähnlich die Kritik der Grünen: „Die für unseren gesellschaftlichen Zusammenhalt so wichtigen Geistes- und Sozialwissenschaften lässt man mit ausgestrecktem Arm verhungern.“

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