Interview
22. Mai 2020 14:03  Uhr

Ein Hemmschuh weniger für die Energiewende

Für den Oberpfälzer Europaabgeordneten Ismail Ertug ist das Ende des PV-Ausbaudeckels ein positives Signal. Im Interview spricht er über die Bedeutung von Photovoltaik und Speichertechnologien für die Energiestrategie der EU.

Von Gerd Otto

Herr Ertug, Der Bundestag hat kürzlich den sogenannten „Solardeckel“ aus dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) gekippt und damit eine Marktbarriere beseitigt. Welchen Stellenwert hat für Sie die Förderung der Photovoltaik?

Ismail Ertug: Photovoltaik hat in Deutschland im Jahr 2019 19,5 Prozent des erneuerbaren Stroms geliefert und lag damit weit vor der Wasserkraft, aber klar hinter Windenergie. Die Abschaffung des Solardeckels ist meiner Meinung nach daher ein positives Signal. Deutschland hat sich das Ziel gesetzt, 65 Prozent seines Strombedarfs bis 2030 aus erneuerbaren Energiequellen zu decken. Eine Begrenzung der Förderung für Photovoltaikanlagen hätte hier natürlich wie ein Hemmschuh gewirkt.

Sind wir in Deutschland mit den Erneuerbaren Energien auf dem richtigen Weg? Befürchten Sie in den nächsten Jahren, nach dem Aus für Atomenergie und Kohle, gar eine Stromlücke?

Das ist wieder die Frage nach der Henne und dem Ei: Gefährdet ein früherer Ausstieg aus alten Technologien unsere Versorgung, oder ermöglicht er uns vielmehr den rascheren Aus- und Aufbau von Zukunftstechnologien? Ich glaube, dass wir sowohl die administrativen als auch die technologischen Voraussetzungen haben, um genügend Energie aus regenerativen Quellen bereitzustellen. Die Abschaffung des Solardeckels ist dabei ein wichtiger Baustein. Wenn wir den richtigen politischen Willen an den Tag legen, glaube ich nicht, dass der Ausstieg aus Kohle und Atomenergie zu Versorgungsengpässen führen wird.

Und in der Europäischen Union? Warum kommt nach Ihrer Einschätzung im Green Deal-Programm der EU-Kommission Photovoltaik gar nicht vor?

Der Green Deal legt ja keine fixen Ausbauziele für bestimmte Technologien fest. Er ist eher ein Überbegriff für ein Bündel an Maßnahmen, die dazu beitragen sollen, dass Europa seine klimapolitischen Ziele erreicht. Ein wichtiges Element wird hier natürlich das „Climate Law“ sein, das das Einsparziel der ganzen Union bis 2030 festlegt. Aktuell müssen die EU-Mitglieder zusammen 40 Prozent der Treibhausgasemissionen im Vergleich zu 1990 einsparen. Der Vorschlag der Kommission sieht vor, dieses Ziel auf 50 oder 55 Prozent zu erhöhen, im Europäischen Parlament diskutieren wir gar eine Reduktion von 65 Prozent. Ist dieses Ziel festgelegt, beginnt die eigentliche Arbeit, die dann genauer skizzieren wird, wie dieses Ziel in den einzelnen Sektoren, also beispielsweise in der Stromerzeugung, der Industrie oder im Transport, erreicht werden kann. Dass Photovoltaik dabei keine entscheidende Rolle spielen wird, wäre mir neu.

Schaffen wir in Europa eigentlich die Energiewende? Und wo hakt es noch?

Ich bin da optimistisch. Die Frage ist ja eher, ob wir es uns überhaupt leisten können, sie nicht zu schaffen. Allerdings sehe ich natürlich einige Hürden. So müssen wir vor allem auch an der Speichertechnologie arbeiten. Außerdem wird Wasserstoff eine wichtigere Rolle spielen müssen. Grüner Wasserstoff ist ein Medium, das uns dabei helfen kann, regenerative Energie zu speichern und über verschiedene Sektoren wie beispielsweise Industrie, Wärme und Transport hinweg nutzbar zu machen. Die Europäische Kommission wird hierzu am 8. Juli eine Strategie vorlegen.

Wie wichtig ist es Ihnen, dass sich Europa auch unabhängig von Importen und technologischen Entwicklungen in China macht?

Vor allem die Coronakrise hat gezeigt, wie groß die Abhängigkeit in unserer aufs Engste verflochtenen Weltwirtschaft mittlerweile ist. Grundsätzlich ist dagegen auch nichts einzuwenden. Allerdings müssen wir als Europäer auch strategisch denken. Gerade deshalb ist es wichtig, dass wir in Schlüsselbereichen technologisch führend bleiben oder es – wieder – werden. Das gilt für die Batteriezellen- und Wasserstoffproduktion ebenso wie für die Solarindustrie.

Zur Person

Ismail Ertug

Der Amberger Sozialdemokrat Ismail Ertug ist seit dem Jahr 2009 Mitglied des Europäischen Parlaments für Oberpfalz und Niederbayern. Er ist unter anderem Mitglied im Ausschuss für Verkehr und Tourismus. Darüber hinaus bekleidet Ertug noch weitere Funktionen, etwa als stellvertretendes Mitglied im Ausschuss für Industrie, Forschung und Energie (ITRE).

Foto: Helmut Schug