Porträt
5. September 2020 6:02  Uhr

Ein Leben in Leichtigkeit ist möglich

Barbara Bosse ist zukünftige Geschäftsführerin eines mittelständischen Familienunternehmens. Sie vertritt überzeugend die Vorzüge einer „weiblichen Art des Führens“ – und coacht Frauen darin, groß zu denken.

Barbara Bosse übernimmt bei Glas Natter die Unternehmensnachfolge von ihrer Mutter und führt das Unternehmen in fünfter Generation. | Foto: Martin Rosner

Von Stephanie Burger

REGENSBURG. „Und nett ist sie auch noch!“ Der Gedanke drängt sich schnell auf, wenn man mit Barbara Bosse spricht. Zugewandt, empathisch und charmant ist die Frau, deren äußere Erscheinung ihre Anziehungskraft noch unterstreicht. Doch warum sollte Barbara Bosse nicht nett sein? Sie ist einer der Menschen, die so viele Facetten und Talente auf sich vereinen, dass man als ausgleichende Gerechtigkeit Arroganz oder zumindest Unnahbarkeit erwartet. Die 37-jährige künftige Geschäftsführerin, Businesscoach, Yogalehrerin, Mutter von zwei Söhnen und ehemalige Miss Bayern ist keins von beiden. Auch wenn sie selbstbewusst ihre Botschaften vermittelt, spürt man ihr echtes Interesse an Menschen. Sie möchte wissen, wie ihr Gegenüber tickt – und was sie ihm geben könnte.

Sanfter Schubser der Mutter war nötig

Mit diesem Grundverständnis ist Bosse auch an ihre neue Lebensaufgabe herangetreten: Im Herbst vergangenen Jahres ist sie in die Geschäftsleitung der Glas Natter GmbH eingestiegen. Sie wird in Kürze als Geschäftsführerin ihre Mutter Rosemarie Natter ablösen. Das 1855 gegründete Traditionsunternehmen zählt zu den führenden Isolierglasherstellern in Bayern. Dass Bosse früher oder später die Familientradition fortführen wird, war klar, spätestens seit der Wahl des Studienfachs BWL. Aber letztlich habe es einen sanften Schubser von Mutter Rosemarie gebraucht, um diesen Schritt auch zu tun, wie Bosse zugibt. „Meine Mutter ist 70 und möchte sich langsam aus der Firma zurückziehen. Die Coronazeit hat sie genutzt, um ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Das ist für uns beide perfekt. Wir fühlen uns in unseren Rollen sehr wohl. Ich genieße den Austausch mit ihr sehr.“

Als Unternehmensnachfolgerin steht Bosse in fünfter Generation: Bis dahin schafft es nur ein Prozent der deutschen Familienunternehmen.
Bosse hat sich in ihrer – mit 1,0 bewerteten und dem IHK-Preis für herausragendene Leistungen ausgezeichneten – Diplomarbeit, mit der Nachfolge in mittelständischen Unternehmen befasst. Deshalb ist sie sich der Konfliktanfälligkeit dieses Prozesses sehr bewusst, ebenso wie ihrer großen Verantwortung für die Firma mit über 60 Mitarbeitern. Umso mehr weiß sie es zu schätzen, dass zwischen ihr und ihrer Mutter die Übergabe ganz entspannt verläuft. „Sie hat kein Problem, loszulassen und wir sehen uns nicht in einem Konkurrenzkampf.“

Es gibt eine „weibliche Art des Führens“

Das könnte daran liegen, dass es nie zum Lebensplan ihrer Mutter gehörte, ein handwerkliches Unternehmen zu leiten. Vielmehr sei sie nach dem frühen Tod ihres Mannes Hubert Natter in die Bresche gesprungen. „Es ist ihr gelungen, über 17 Jahre das Unternehmen erfolgreich zu führen und weiterzuentwickeln. Die ‚Patriarchinnenrolle‘ hat sie aber nie angenommen“, sagt Bosse, die stolz auf ihre Mutter ist. Doch es könnte auch an der Mutter-Tochter-Konstellation liegen, meint Bosse: „Ich bin überzeugt, dass es eine weibliche Art des Führens gibt, die eher integrierend ist und nicht auf Dominanz beruht. Dieser ‚female way of leading‘ begünstigt auch die Übergabe.“ Hierarchisches Führen hat nach Ansicht der Unternehmensnachfolgerin ohnehin ausgedient. „Der Schlüssel ist, dass ich meinen Mitarbeitern Vertrauen schenke. Jeder weiß in seinem Bereich am besten, wie er seine Aufgaben ausführt und ausfüllt. Da rede ich nicht hinein. Die Unternehmensleitung muss natürlich die Leitplanken setzen und Anstöße geben“, meint Bosse. Ihre Belegschaft mache es ihr aber auch leicht. „Unser Team ist einfach brillant. In der gegenwärtigen Krise ist das einmal mehr deutlich geworden.“

Auch deshalb blickt sie vertrauensvoll in die Zukunft, in die Zeit nach Corona. „Wir werden auch morgen unseren Platz finden. Glas ist eine so tolle, wandlungsfähige Materie.“ Auch das Unternehmen selbst, das 1855 in der Schäffnerstraße als kleiner, klassischer Glashandwerksbetrieb eröffnete, hat immer wieder Wandlungsfähigkeit bewiesen. „Seit den 1980er-Jahren machen wir Isolierglas und Glaserveredelungen. Die Aufgabe ist, sich immer wieder an den Markt anzupassen, was meinen Vorgängern gelungen ist. Ich habe deshalb ein Urvertrauen in die Firma. Aber die richtigen Entscheidungen müssen dazukommen.“

Sporen im Ausland verdient

Das Rüstzeug, diese zu treffen, hat Bosse: Mit 37 Jahren blickt sie auf eine Vita zurück, die vielfältiger nicht sein könnte. Das wiederum rührt daher, dass Bosse am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn eines besonders wichtig war – nämlich zu beweisen, dass sie ihren Weg auch außerhalb des Familienunternehmens machen würde. Nachdem sie mit dem BWL-Diplom in der Tasche vier Jahre lang in der elterlichen Firma und in Partnerunternehmen diverse Abteilungen von der Buchhaltung über Vertrieb und Marketing bis hin zur Produktion durchlaufen hatte, bewarb sie sich bei Oracle in Malaga, Spanien. „Ich habe international studiert, spreche Spanisch und Englisch, deshalb wollte ich mich unbedingt im Ausland versuchen.“ Es klappte auf Anhieb, sie bekam die Stelle im Vertrieb der IT-Firma. „Mir war klar, dass ich diese Chance ergreifen möchte. Ich hatte eine Unruhe und ein Fernweh in mir. Aber da war auf der anderen Seite der Wunsch meiner Mutter, dass ich bleibe. Wir waren damals schon sehr eingespielt. Sich da noch einmal herauszulösen, war für uns beide nicht einfach. Wir führten sehr schwierige Gespräche. Am Ende ließ sie mich ziehen.“

Von Spanien über München nach Regensburg

Dass das mütterliche Placet allerdings eine fast neunjährige Abwesenheit der Tochter zur Folge haben würde, sei so nicht geplant gewesen, sagt Bosse. „Aber im Nachhinein hat sich das als goldrichtig herausgestellt. Es war eine sehr bereichernde Zeit, in der ich wahnsinnig viel gelernt habe. Und jetzt fühlt es sich perfekt an, hier zu sein. Die Unruhe ist weg, ich bin angekommen.“ Zwei Jahre blieb Bosse damals in Spanien – und kehrte zurück nach Deutschland, um im Vertrieb beim Cloud-Computing-Anbieter Salesforce in München einzusteigen. Sieben Jahre lang war sie dort tätig und stieg zur Vertriebsleiterin auf. In die Münchner Zeit fiel auch ihre Familiengründung mit Zahnarzt Dr. Philipp Bosse. Ihr erster Sohn, Jakob, kam in München zur Welt, der zweite, Paul, dann bereits in Regensburg. Spätestens an dieser Stelle der Geschichte drängt sich die Frage auf: „Wie bekommen Sie das alles unter einen Hut?“

Bosse scheint darauf gewartet zu haben. „Ich mache genau das, was mir Energie gibt und sie mir nicht raubt“, lautet ihre Antwort in Kurzversion. Aber zu wissen, was die persönlichen Energiequellen sind und welche Energieräuber die eigenen Ressourcen blockieren – das herauszufinden sei ein Prozess gewesen. Die lange Antwort also. Sie beginnt bei Barbara Bosse damit, dass sie sich seit knapp zehn Jahren mit den Themen Persönlichkeitsentwicklung, Neurolinguistisches Programmieren, kurz NLP, und – im Rahmen ihrer Ausbildung zur Yogalehrerin – mit fernöstlicher Philosophie beschäftigt. Sie hat diverse Schulungen besucht, NLP und viele andere, und seit geraumer Zeit immer auch einen Coach an ihrer Seite.

Leichtigkeit setzt ungeahnte Energie frei

Die aus all dem resultierenden Erkenntnisse und Lernprozesse hätten sie verändert, zu einer neuen Denkhaltung geführt, so Bosse. „Auch ich bin im Laufe meines Lebens in immer mehr Rollen geschlüpft und wollte sie alle bestmöglich erfüllen, ob als Geschäftsfrau, Mutter, Hausfrau oder Partnerin. Immer hatte ich dabei das Gefühl, dass etwas auf der Strecke bleibt. Das macht unzufrieden.“ Sie habe erkannt, dass es vor allem bestimmte Denkmuster und verinnerlichte Glaubenssätze sind, die das Gefühl des Zerriebenwerdens zwischen den Rollen verusachen. „Ich muss ganz viel arbeiten, um ein gute Chefin und eine gute Mama zu sein, das war so eine meiner Überzeugungen. Heute weiß ich: ,Nein, es geht auch anders, viel leichter‘. Ich muss nicht im Betrieb das Licht ausmachen, um eine gute Chefin zu sein. Mein Mann kümmert sich vielleicht anders, aber nicht schlechter um die Kinder, und wenn der Haushalt liegen bleibt, weil ich eine Massage brauche, dann ist es eben so.“ Sich selbst diese Art von Leichtigkeit zu erlauben, setze ungeahnte Energie frei.

„Man kann lernen, sich auf das Positive zu konzentrieren“

Auch die Herausforderungen des Berufs- und Familienlebens ließen sich durch eine veränderte Denkhaltung besser bewältigen. „Unser Gehirn bevorzugt Negatives. Man kann aber lernen, sich auf das Positive zu konzentrieren. Ist zum Beispiel mein Sohn krank, dann muss ich faktisch vielleicht drei Termine verschieben. Das ist keine Katastrophe – und der Gewinn ist Extrazeit mit meinem Kind.“

Extrazeit hat auch der Corona-Shutdown beschert – und Barbara Bosse und ihrer Geschäftspartnerin Grit Wagner, Mindset-Coach und ebenfalls Unternehmerin, die Möglichkeit gegeben, eine schon länger entwickelte Geschäftsidee weiter auszureifen und schließlich zu realisieren: Sie erarbeiteten ein „Best of“ aus all den selbst erfahrenen und erlernten Coachingpraktiken und Methoden der Selbststeuerung, um daraus ein eigenes Coachingprogramm zu destillieren. Das Programm ist auf zwölf Wochen angelegt und findet in Form eines Online-Coachings statt. Kürzlich haben die beiden Gründerinnen auf http://successful-in-balance.com die Homepage für ihr Coaching-Programm gelauncht.

Erfolg in der Balance

Zielgruppe sind Frauen wie sie selbst, Frauen in Führungspositionen. „Wir wollen Frauen stark machen und ermutigen, im Leben noch weiterzukommen, noch erfolgreicher zu werden, dabei aber ein Leben in Leichtigkeit zu führen. ‚Successful in Balance‘ – das ist möglich und so heißt deshalb auch unser Programm.“ Sie ist überzeugt, dass es innere Barrieren sind, die gerade Frauen im Berufsleben blockieren. „Meine Vision ist es, den Frauen zu sagen: Ihr könnt noch so viel mehr. Erlaubt euch, groß zu denken.“ Groß denken – das hat Barbara Bosse zu der Persönlichkeit gemacht, die sie heute ist: eine Persönlichkeit, die ihr Potenzial ganz auslebt und es auch für ihre Mitmenschen einsetzt. Ihr größtes Talent ist es daher vielleicht, keines ihrer Talente zu vergeuden.