Interview
12. Oktober 2020 6:00  Uhr

Ein Mann mit vielen verschiedenen Rollen

Hans Stark war Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz, führte einen Familienbetrieb und vertrat das deutsche Handwerk in Brüssel. Im September wurde er 70 – und immer noch stellt er sich neuen Aufgaben.

Auch mit 70 Jahren noch kein bisschen leise: der ehemalige HWKNO-Präsident Hans Stark | Foto: Thorsten Retta

Von Gerd Otto und Thorsten Retta

„Ois dastunga und dalogn“ – so nennt Georg Maier seine Version des Kleist-Klassikers „Der zerbrochne Krug“, in der Hans Stark beim Theaterspielkreis Saal an der Donau den Dorfrichter Adam verkörperte. „Die Rolle war mir auf den Leib geschrieben“, sagt der langjährige Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz. Die Aussage ist im Wortsinn zu verstehen. „Ich hatte mir sogar die Haare dafür abgeschnitten, die Leibesfülle hatte ich schon zuvor.“ Von sündigem Charakter, so wie das Vorbild aus Kleists Stück, ist Stark nicht. Eher ein Mann der klaren Worte, der als oberster Repräsentant der Handwerker in Ostbayern und als Unternehmer für Vieles und viele aufgestanden ist, 90 junge Schreiner ausgebildet hat und inzwischen sogar Platzanweiser in seiner Heimatkirche ist.

Herr Stark, Sie sind kürzlich 70 geworden. Sie haben viel erlebt – als Unternehmer, in der Politik, als Präsident der Handwerkskammer. Was würden Sie dem jungen Hans Stark raten, wenn Sie ihn treffen könnten?

Hans Stark: Sag öfter Nein!

Der Ruf eines Jasagers eilt Ihnen aber nicht gerade voraus.

Ich habe mich in meiner aktiven Zeit durchaus quergelegt. Doch heute, wo ich noch ungeduldiger bin, würde ich noch häufiger und vielleicht entschiedener Nein sagen. Etwa in puncto Fusionen. Ich war zum Beispiel gegen den Zusammenschluss von 39 damals selbstständigen Ortskrankenkassen und dem AOK Landesverband zur AOK Bayern. Ich bin davon überzeugt, dass man vor Ort stets besser entscheiden kann als von einer entfernten Zentralstelle aus. In diesem Sinn habe ich auch gegen die Fusion des Münchner Vereins, also der Versicherung unserer Handwerker, mit dem Iduna-Konzern gekämpft. Da hatte ich leider keinen Erfolg. Die Fusion kam, ging aber letztlich auch nicht gut und man hat sich schließlich wieder getrennt.

Wie würden Sie sich charakterisieren?

Manche sagen, ich sei unglaublich laut. Deshalb bin ich jetzt auch Platzanweiser bei uns in der Kirche in Saal an der Donau – coronabedingt ist ein solcher Posten nötig. Unter den älteren Frauen habe ich sogar einen Fankreis. Ich bin auch ein Planer. Und ein Tüftler. Auch mein Vater war so ein Tüftler, und ich selbst habe – in aller Bescheidenheit – ebenfalls zwei Erfindungen gemacht, die ich direkt in meinem Betrieb umgesetzt habe. Noch heute drechsle ich gerne, mache aus einer Idee ein Produkt. Umso mehr habe ich mich immer darüber geärgert, wenn öffentliche Investitionen darunter litten, dass zwischen dem Ausdenken eines Produkts und seiner Umsetzung sehr viel Zeit vertan wurde.

Manche sagen, ich sei unglaublich laut. Deshalb bin ich jetzt auch Platzanweiser bei uns in der Kirche – coronabedingt ist ein solcher Posten nötig. Unter den älteren Frauen habe ich sogar einen Fankreis.

Haben Sie da ein Beispiel parat?

Und was für ein tolles! Sie können sich vielleicht an den legendären Auftritt von Edmund Stoiber 2007 erinnern, als er sich für den Transrapid ereiferte. Was habe ich da den damaligen Wirtschaftsminister Erwin Huber angefleht, dass diese Kurzstrecke doch keinen Sinn mache. Wäre die Strecke stattdessen von München über Regensburg und Pilsen bis nach Prag gegangen, hätten wir eine Erfolgsgeschichte erlebt und nicht über Jahre hinweg auf eine Anbindung an den Flughafen warten müssen. Ich habe mich geärgert, dass vor wichtigen Entscheidungen Politik und Ministerien stets darauf verwiesen haben, was nicht geht. Ich wollte immer hören, was geht, und zwar als Unternehmer ebenso wie in meiner Funktion als Handwerkskammerpräsident, als langjähriger Gemeinderat oder als Mitglied des Bayerischen Senats.

Was würden Sie den Unternehmern heute angesichts der Krise raten?

Auf jeden Fall sollte der Unternehmer stets ein wenig Geld in der Hinterhand haben, sprich Liquidität oder zumindest etwas, wofür einem die Bank dann auch einen Kredit gibt, also ein Gebäude oder ein Stück Wald. Es geht letzten Endes ja um Sicherheiten, um Rückhalt, damit du eben nicht ständig auf Kante arbeitest und beim kleinsten Problem hinten runterfällst.

Also anders als etwa die Lufthansa oder Konzerne, die nach zwei Monaten Krise Liquiditätsengpasse haben und staatliche Unterstützung brauchen. Sind das Geschäftsmodelle, mit denen man langfristig überleben kann?

Zweifellos nicht. Weil die alle tatsächlich auf Kante genäht sind. Mit Billigflügen oder generell mit diversen Billigprodukten lassen sich keine Rücklagen bilden. Leider nähen selbst Handwerksbetriebe allzu häufig auf Kante. Wenn die Qualität passt, hapert es oft daran, dass die Buchhaltung nicht passt und keine Rechnungen geschrieben werden oder zu spät. Das kann man sich heutzutage einfach nicht mehr leisten. Früher haben das in den Betrieben immer die Ehefrauen der Inhaber gemacht. Ohne die Frauen geht es offenbar nicht. Auch wer heute aufgrund der Coronapandemie sein Lehrstellenangebot zurückfährt oder gar einstellt, macht einen Fehler und ist selbst schuld, wenn ihm in drei Jahren die fähigen Leute fehlen.

Haben Sie während Ihrer unternehmerischen Tätigkeit nie kurzfristig agiert?

Ich selbst habe während meiner unternehmerischen Tätigkeit als Chef eines seit 1870 bestehenden Familienbetriebs immerhin 90 Lehrlinge ausgebildet, bin mit meinem Konzept immer gut gefahren und habe für meinen Betrieb auch an einen guten Nachfolger gefunden.

Wer heute aufgrund der Coronapandemie sein Lehrstellenangebot zurückfährt oder gar einstellt, macht einen Fehler und ist selbst schuld, wenn ihm in drei Jahren die fähigen Leute fehlen.

Kurzarbeit kam bereits 2008/09 zum Einsatz. Was halten Sie davon?

Ich finde Kurzarbeit ganz hervorragend. Man muss nur aufpassen, dass man die Chancen, besonders die Qualifizierung der Mitarbeiter, auch tatsächlich nutzt.

Das Handwerk hatte in der Zeit zwischen den beiden Krisen ganz besonders goldenen Boden. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein?

Heute ist das Handwerk, nicht zuletzt aufgrund des Baubooms, sehr gut ausgelastet. In den vergangenen zwei bis drei Jahren haben manche Betriebe neue Kunden überhaupt nicht mehr angenommen. Das halte ich für einen groben Fehler.

Die Auftragsbücher sind voll. Mehr Arbeit heißt mehr Mitarbeiter und das mehr Bürokratie und weniger Flexibilität, könnte man argumentieren.

Grundsätzlich sollte der Unternehmer möglichst flexibel sein – das aber nicht nur mit Blick auf die Zahl der Mitarbeiter, sondern auch mit Blick auf sich verändernde Märkte. Wir als Design-Schreinerei beschäftigten auf dem Höhepunkt 28 Mitarbeiter, eine Zahl, die sich auch in der Krise 2008/09 halbiert hat. Wir waren zuvor sehr erfolgreich, indem wir uns auf Arztpraxen und den Innenausbau von Schiffen spezialisiert hatten. Als diese Märkte aufgrund gesetzlicher Änderungen beziehungsweise der Finanzkrise quasi über Nacht wegbrachen, war ich sehr froh darüber, dass wir unsere Privatkunden nicht aufgegeben hatten.

Zur Person

Hans Stark wurde am 2. September 1950 in Saal an der Donau geboren. Nach seiner Lehre schloss der Niederbayer die Staatliche Technikerschule Rosenheim als staatlich geprüfter Techniker der Fachrichtung Holztechnik ab, wurde 1977 bei der Meisterprüfung im Schreinerhandwerk in Regensburg Jahresbester und übernahm im selben Jahr den Schreinereibetrieb seines Vaters. Von 1994 bis 2014 war Hans Stark Präsident der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz und über Jahre hinweg auch Vizepräsident des Bayerischen Handwerkstages. Er war außerdem von 2000 Präsidiumsmitglied und von 2002 bis 2014 Vizepräsident des Bayerischen Handwerkstags und von 2005 bis 2014 Mitglied im Europaausschuss des Zentralverbands des Deutschen Handwerks.