Handwerk
9. April 2021 6:05  Uhr

Ein Messer ist wie ein Maßanzug

Wer handgemachte Messer liebt, legt Wert auf Qualität, Haptik, Ergonomie und Design. Fans werden in der Oberpfalz fündig. Seit dem späten Mittelalter werden in den ostbayerischen Waffenhämmern Messer gefertigt.

Von Hand gefertigte Messer sind die perfekte Symbiose aus Form, Funktion, Material und Ästhetik. Foto: Claudia Köppel

Von Martina Beierl

GEORGENBERG. Im Oberpfälzer Georgenberg, unweit der tschechischen Grenze, beugt sich Rafael Gürtler über sein Schleifgerät und verpasst der Messerklinge den letzten Schliff. Ganz nach den Wünschen seiner Kunden fertigt der 29-Jährige hochwertige Präzisionsmesser in individuellem Look und Design. Unzählige Werkzeugteile hängen geordnet an der Wand, der Kellerraum ist eng und dunkel, gerade noch so kann der hochgewachsene Mann darin stehen, ohne den Kopf einziehen zu müssen. Just hier wird seine unbändige Faszination für einen aussterbenden Beruf spürbar.
Mit großer Professionalität und viel Liebe zum Detail macht sich Gürtler an die Arbeit. Stunden und Tage verbringt er zwischen Schleifstein und Nähwerkzeugen, überprüft immer und immer wieder die Symmetrie der Klinge und kontrolliert ihre Schnittschärfe. Bis der Kundenauftrag fertig zum Versand ist, braucht es Geduld und unzählige Handwerksgriffe, die heute kaum mehr einer beherrscht. Der Beruf des Messermachers – die ursprüngliche Bezeichnung war Messerschmied – stirbt aus. Wer sich dafür begeistert, erlernt das Handwerk meist im Eigenstudium. Oder er findet einen alten Meister, der ihn in die hohe Kunst des Messermachens einweist.

Eine sterbende Kunst, die ihren Preis hat

Gürtler begann vor sechs Jahren in seinem Keller, mit Stapeln von Fachlektüre für die Theorie ausgestattet. Für die Praxis hat er einfach mal angefangen und sich Bandschleifer, Härteofen, Drehbank und andere Werkzeuge zugelegt. Vieles davon stammt aus dem Silber- und Goldschmiedebedarf, manche Spezialwerkzeuge sind Sonder- oder eigene Anfertigungen. Ausprobieren, präzisieren, wieder von vorne beginnen.

Die ersten Jahre waren typische Lehrjahre, in denen sich die Kunst des Messermachens vom Rohmaterial bis zum erstklassigen Endprodukt erst entwickelte. Heute ist er Profi und fertigt Präzisionsmesser, die er an Liebhaber in Deutschland und Europa verschickt. Das sind Leute, überwiegend Männer, immer öfter auch Frauen, die viel Geld für ein exakt nach ihren Vorstellungen gefertigtes Alltagsmesser, Jagd- und Outdoormesser, Kochmesser im japanischen Stil oder ein Taschenmesser mit Titanplatinen und eingelegter Verriegelungsfeder hinblättern. Ab 400 Euro aufwärts kosten die Einzelstücke. Ein Wert, der sich nicht zuletzt durch die Handwerkskunst, das Können und den Zeit- und Materialeinsatz definiert.

Für die Stahlklingen verwendet Gürtler vorwiegend niedrig legierte Werkzeugstähle mit hoher Schneidkantenstabilität, die eine schlanke Geometrie erlauben. Diese Messer besitzen eine extreme Schnittschärfe und -haltigkeit. Allein die Wahl des richtigen Stahls und seine optimale Wärmebehandlung für den jeweiligen Anwendungszweck erfordern ein hohes Maß an Know-how. Der freihändige Klingenschliff dauert mehrere Stunden. Das Resultat ist ein symmetrischer Präzisionsschliff, der auf wenige Zehntelmillimeter ausläuft.

Genauso gut oder gar besser als CNC-gefertigte Ware

Für Rafael Gürtler können handgefertigte Messer hinsichtlich Genauigkeit genauso gut oder gar besser sein als CNC-gefertigte Ware. Beim Klingenschliff seien sogar deutlich schlankere Geometrien möglich, als sie mit Schleifautomaten erzielt werden können. Der junge Tüftler ist Perfektionist. Mit Adleraugen achtet er bei der Wärmebehandlung jeder einzelnen Klinge exakt auf Temperatur und Haltezeiten und erzeugt so Klingen von besonders hoher Qualität. Das Leder für die Messerscheiden stammt von süddeutschen Biorindern, die das ganze Jahr auf der Weide leben. Für die Griffe verwendet der junge Messermacher aus der Oberpfalz vor allem zertifizierte Harthölzer, die als Totholz in tropischen Sumpfwäldern, Wüsten oder im australischen Outback gesammelt werden. Auch Faserverbundwerkstoffe wie Micarta kommen zum Einsatz. Tierische Griffmaterialien wie Knochen oder Hörner verarbeitet Gürtler dagegen meist nur auf ausdrücklichen Kundenwunsch, und wenn, dann nur aus ethisch vertretbarer Herkunft. Lieber sind ihm fossile Knochen oder Mammutelfenbein. Letzteres sei zwar teuer, aber ethisch unbedenklich.

„Schärfe ist ein Pflegezustand“

Die Unikate benötigen Pflege und einen sorgsamen Umgang. Feuchte Lagerungsstätten und Spülmaschinen sind tabu. „Schärfe ist ein Pflegezustand“, sagt Gürtler. Seine Kunden wissen das. Sie teilen mit ihm die Leidenschaft für handgemachte Einzelstücke, die zur Persönlichkeit passen wie ein Maßanzug. „Diese Messer haben Seele“, philosophiert der junge Mann und ist glücklich darüber, seinen Traum leben zu dürfen.

Schmieden lernen im Museum

Kleinere Schmiedekurse zu historischen Metallbearbeitungstechniken bietet das Bergbau- und Industriemuseum Ostbayern im Kultur-Schloss Theuern des Landkreises Amberg-Sulzbach an. In Ausstellungen, Vorträgen, Tagungen, Filmsequenzen und Publikationen werden neueste Erkenntnisse im Bereich der experimentellen Auseinandersetzung mit antiken Werkstoffen und Techniken vorgestellt. Weitere Informationen dazu gibt es auf www.kultur-schloss-theuern.de.