Finanzen
3. Februar 2022 5:55  Uhr

Ein nicht von allen geliebtes Erfolgsprojekt

Vor 20 Jahren wurde das Eurobargeld eingeführt: Während viele die gemeinsame Währung als „Stabilo“ werten, sind manche Deutsche mit dem DM-Nachfolger nicht warm geworden.

IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Jürgen Helmes mit dem Eurostarterkit, das in Deutschland 10,23 Euro in Münzen enthielt: „Das Starterkit ist für mich eine wichtige Erinnerung: 70 Jahre Frieden und Wohlstand, 20 Jahre Euro – die europäische Integration ist das erfolgreichste Projekt unserer Zeit.“ Foto: Ramona Bayreuther

Von Robert Torunsky

REGENSBURG. Der 1. Januar 2002 markiert ein besonderes Datum in der deutschen, aber auch in der europäischen Geschichte. Drei Jahre nach der Einführung des Euro in zwölf Ländern war die neue gemeinsame Währung auch als Bargeld erhältlich. Während von DM-Anhängern lancierte Krisenszenarien die Runde machten, war die große Mehrheit neugierig auf den Euro, der dafür sorgte, dass in elf weiteren Ländern Europas der Geldumtausch wegfiel. Dies führte nicht nur zu endlosen Schlangen an Supermarktkassen und Hektik an Bankschaltern, sondern auch zu „Eurotourismus“: In Frankreich und den Niederlanden waren die Eurostarterkits, die in Deutschland den Wert von 20 Mark besaßen und 10,23 Euro in Münzen enthielten, nämlich schon am 14. Dezember 2001 erhältlich.

Nach Angaben der Europäischen Zentralbank (EZB) waren fast 15 Milliarden Euro-Banknoten gedruckt und rund 52 Milliarden Euromünzen geprägt worden. „Es ist wahrscheinlich die größte logistische Herausforderung in Friedenszeiten gewesen“, erinnert sich der damalige EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. „Rund 50.000 Menschen waren im Bankensystem beschäftigt, um diese Einführung so reibungslos wie möglich zu gestalten – und das ist gelungen.“ Laut EZB hätten allein die Banknoten aneinandergereiht zweieinhalbmal zum Mond und zurück gereicht.

Die Legende vom „Teuro“

20 Jahre später würden einige DM-Anhänger den „Teuro“ am liebsten auf den Mond schießen. Zu Unrecht, wie nicht nur Professor Franz Seitz, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Amberg-Weiden herausstellt. Die in Zusammenhang mit Preissteigerungen bekanntgewordene Redewendung „Euro ist Teuro“ halte einer genaueren Überprüfung nicht stand, sagt der Berater der EZB und der Deutschen Bundesbank. „Die Teuro-Geschichte ist eine der größten Legenden im Währungsbereich“, findet Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater. „Die Tatsache, dass einige Preise im Einzelhandel oder in Restaurants bei der Einführung des Eurobargeldes anstiegen, bildete die Grundlage für diese Legende. Es handelte sich dabei um sehr fühlbare Preise, weil sie für viele Menschen häufige Leistungen betrafen, die meistens bar bezahlt wurden.“ Katers Fazit beim Blick auf tatsächlich messbare Teuerung: „Bislang ist der Euro kein Teuro, sondern ein Stabilo.“ Der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, flankiert die Aussagen mit Zahlen. „Der Euro hat sich als außergewöhnlich stabile und starke Währung erwiesen. Die Inflation war mit durchschnittlich jährlich circa 1,5 Prozent seit 1999 geringer als in Zeiten der D-Mark – und dies trotz großer Krisen, wie der globalen Finanzkrise 2008/2009 und der Coronapandemie.“

Euro ist eine Erfolgsgeschichte

Dr. Jürgen Helmes, Hauptgeschäftsführer der IHK Oberpfalz für Regensburg/Kelheim, zieht zum Euro-Bargeld-Jubiläum ebenfalls eine positive Bilanz: „Die europäische Integration und die Einführung des Euro als gemeinsame Währung ist eine Erfolgsgeschichte.“ Im globalen Spiel der Kräfte würde kein einziges europäisches Land für sich allein eine große Rolle spielen. „Nur zusammen als Europäische Union können wir auf Augenhöhe agieren und weiterhin weltweite Standards setzen und definieren.“ Die gemeinsame Währung in mittlerweile 19 Ländern der Eurozone biete dabei entscheidende Vorteile: Sie erleichtere den Warenaustausch sowie die Expansion für Unternehmen, begünstige den Handel und sichere damit Arbeitsplätze. Laut Helmes konnten außerdem Schwankungsrisiken und Kosten durch Wechselkurse beseitigt und der Binnenmarkt gestärkt werden. „Fakt ist, dass alle Länder in Europa durch den Euro gewonnen haben und dass Europa durch den Euro enger zusammengewachsen ist “, bilanziert DIW-Präsident Fratzscher. „Gerade Deutschland hat vom Euro stark profitiert, da die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von den Exporten groß ist und die starke internationale Rolle des Euro die Exporte deutscher Unternehmen gefördert und unterstützt hat.“

Nachjustieren war nötig

Natürlich ist auch beim Euro nicht alles Gold, was glänzt, so Helmes. „Die Finanzkrise 2008/2009 legte erstmals Defizite der Währung offen, denn die ursprüngliche Struktur des Euro war nicht ausreichend darauf vorbereitet, angemessen auf eine weltweite Finanzkrise und die anschließende Staatsschuldenkrise zu reagieren.“ Infolgedessen wurde der Steuerungsrahmen des Euroraums reformiert, ein gemeinsamer Stabilitätsmechanismus für Länder in einer finanziellen Notlage eingerichtet sowie ein gemeinsames Aufsichtssystem für europäische Banken geschaffen. Die Coronapandemie habe dieses System nun auf den Prüfstand gestellt. Mit dem Ergebnis: Der Euro bewährt sich auch in schwierigen Zeiten und ist ein wichtiger Teil erfolgreicher Zusammenarbeit in ganz Europa. Vorausblickend ist die EU laut Helmes gefordert, die richtigen Antworten auf die Fragen der Zeit zu liefern. Beispielsweise seien Staatsschulden und „faule“ Kredite in den Mitgliedstaaten kontraproduktiv für eine krisenfeste Währungsunion.

Interview

„Euro ist Teuro“ hält einer Überprüfung nicht Stand

Prof. Dr. Franz Seitz, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Amberg-Weiden, spricht über den Euro als Erfolgsmodell und erklärt, warum man sich nicht zu leichtfertig vom Bargeld verabschieden sollte.

Hier geht’s zum Interview …