Interview
7. Mai 2021 5:58  Uhr

Ein Plädoyer für Hoffnung statt Angst

Die großen Probleme unserer Zeit sind nur global zu lösen, das macht die aktuelle Coronakrise erneut deutlich. Auch Prof. Dr.-Ing. Michael Sterner sieht das so – allerdings sollten wir zu Hause damit beginnen.

Prof. Dr. Michael Sterner | Foto: Thorsten Retta

Von Gerd Otto

Michael Sterner ist einer jener Menschen, denen man die Behauptung, was sie tun sei mehr Berufung als Beruf, abnimmt. Der Professor für Energiespeicher und Energiesysteme an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg lehrt nicht nur, er berät auch Verbände, Kommunen und Regierungen in Fragen der Energie und der Nachhaltigkeit. Dem Vater von drei Kindern geht es dabei nicht um das eigene Profil; er möchte nachhaltige Strukturen schaffen, damit auch spätere Generationen ein gutes Leben leben können. „Das geht technisch nicht“ als Ausrede für geistige Bequemlichkeit und daraus abgeleitete Untätigkeit ist ihm ein Graus. Er ist überzeugt: „Wir müssen endlich unser Denken und Handeln generationenübergreifend anlegen.“

Prof. Sterner, haben Sie schon realisiert, was Corona mit Ihnen als Wissenschaftler und Professor der OTH Regensburg gemacht hat?

Prof. Dr. Michael Sterner: Unter dieser Pandemie hat sich die Lehre wesentlich verändert. Einen extremen Schub hat vor allem die Digitalisierung erfahren. Was das Ministerium eigentlich erst für die nächsten fünf Jahre vorgesehen hatte, haben wir innerhalb eines halben Jahres durchgezogen. Das hat sich fundamental geändert. Und es klappte erstaunlich gut.

Und wie wurden Ihre Studierenden generell mit dem virtuellen Studium fertig?

Eigentlich ganz gut, obwohl ihnen die persönliche Begegnung schon sehr fehlt. Besonders betroffen sind dabei die Anfangssemester, die mir besonders leidtun. Das gemeinsame Leben am Campus ist durch nichts zu ersetzen, weil die Uni einfach ein Lebensraum ist, der Persönlichkeiten prägt und junge Menschen aufblühen lässt zwischen den zurückliegenden Zwängen der Schule und der zukünftigen Verantwortung in Beruf und Familie. Ich habe die Studierenden immer wieder aufgemuntert, dass diese Freiheit für sie doch die wohl schönste Zeit des Lebens sein dürften. Das einzige, was euch im Studium vielleicht fehlt, habe ich ihnen manchmal gesagt, ist Geld.

Hätten wir vor 20 Jahren begonnen, wäre all dies gemütlich zu schaffen gewesen.

Apropos Geld, das spielt bei der Forschung ja noch ein weit größere Rolle. Wie hat sich Corona auf diesem Tätigkeitsfeld bei Ihnen ausgewirkt?

In der Forschung gab es für uns keinen Einbruch, hier lief alles wie selbstverständlich weiter. Im Gegenteil, vor allem die nationale Wasserstoffstrategie – Kostenpunkt immerhin sieben Milliarden Euro – erhielt im vergangenen Jahr sogar einen ganz gewaltigen Schub, in einem Bereich also, wofür sich vor zehn Jahren leider überhaupt niemand interessiert hat. Lange Zeit stand ausschließlich der Strom im Mittelpunkt. Während sich die Gaswirtschaft und Stadtwerke für mein Konzept Power-to-Gas, also der Wandlung von Strom in Gas, bereits Anfang der 2010er-Jahre interessierten, kamen vor dem Hintergrund des Dieselskandals die Automobilbranche und Mineraölwirtschaft ab 2017 mit ins Wasserstoffboot – und durch die Verschärfung der Klimaziele nun mit BASF speziell auch die Chemie und die Stahlindustrie.

Waren diese Mitstreiter wichtiger als das Gutachten eines Regensburger Professors? Schließlich weisen Sie seit Jahren die Politik auf die Bedeutung des Wasserstoffs als Energieform der Zukunft hin?

In der Tat, zumal ich immer wieder den Einwand entkräften musste, dass eine Wasserstoffstrategie samt Gasinfrastruktur etwa die Stromtrassen, die derzeit gebaut und geplant werden, überflüssig machen würde. In Wahrheit brauchen wir beides, wobei ich ohnehin eher ein Freund von „und“ bin als von „Entweder-oder“. Wichtig war in diesem Zusammenhang vor allem der vom Bundeswirtschaftsministerium Ende 2018 angestoßene Dialogprozess „Gas 2030“; hier kamen im Rahmen der Energiewende Experten aus mehr als einhundert Unternehmen, Branchenverbänden und Nichtregierungsorganisationen mit der Politik ins Gespräch. Aber auch die Fridays-for-Future-Bewegung trug dazu bei, dass mit Blick auf die Erreichung der Klimaziele des Pariser Abkommens endlich alle aufgewacht sind.

Schaffen wir die Vorgaben, die verlangt werden?

Heute bin ich optimistisch, auch wenn es immer noch offen ist, ob es tatsächlich gelingt. Vielleicht wird sogar Corona dazu beitragen, dass wir es schaffen. Wäre die Pandemie nämlich nach 14 Tagen überwunden worden, wäre wohl alles wie vorher weitergegangen. So aber wird jetzt nicht nur weniger geflogen, sondern offensichtlich auch weit mehr als zuvor hinterfragt. Schließlich handelt es sich bei der Bekämpfung des Coronavirus ja um eine Kollektiventscheidung der Welt. Die Klimakrise, die bei weiteren Verzögerungen noch viel verheerendere Auswirkungen haben wird als Corona, sollten wir genauso entschlossen angehen. Die Probleme sind zwar global zu lösen, aber beginnen müssen wir damit zu Hause.

Was Schaden anrichtet, muss Kosten verursachen. Deshalb ist der CO2-Preis der größte Hebel.

Was ist konkret nötig?

Hätten wir vor 20 Jahren begonnen, wäre all dies gemütlich zu schaffen gewesen. Heute bedeutet zeitgemäßer Klimaschutz nichts anderes als die vollständige Transformation unserer Lebens- und Wirtschaftsweise innerhalb von ein, zwei Dekaden. Was Schaden anrichtet, muss Kosten verursachen. Deshalb ist der CO2-Preis der größte Hebel. Leider beobachte ich aber weiterhin bei vielen Akteuren folgende Mentalität: „Das haben wir doch immer schon so gemacht. Warum sollten wir es jetzt ändern?“ Sehr bedenklich stimmt mich außerdem, dass in Politik und Gesellschaft Arten- und Denkmalschutz oft über Klimaschutz gestellt und etwa gegen Wind- oder Solarparks mit optischen Dimensionen polemisiert wird. Ohne Klimaschutz könnte es dann eines Tages vielleicht keine Arten und keine sichtbaren Denkmäler mehr geben.

Lassen sich die Pandemieerfahrungen auf andere Aspekte wie den Klimawandel übertragen?

Psychologisch könnte Corona in der Tat unser Bewusstsein positiv beeinflussen. Während wir uns nämlich derzeit angesichts der Bedrohung durch das Virus einschränken, sieht das in Bezug auf unser Verhalten in puncto Klima anders aus. Hier müssen wir endlich unser Denken und Handeln generationenübergreifend anlegen.

Am Geld scheint es dieser Tage nicht zu liegen. Setzen wir es richtig ein?

Wenn schon derart große Summen zur Erhaltung und Ankurbelung der Wirtschaft aufgewendet werden, dann sollte man dies sinnvoll, also mit nachhaltiger Wirkung tun. Mit Blick auf die Klimaziele erscheint es mir dabei sehr interessant, dass – wie Kollegen in „Nature“ veröffentlicht haben – 12 Prozent der weltweit für die Pandemiebekämpfung geplanten Coronahilfen ausreichen würden, um die im Pariser Abkommen gesteckten Klimaziele zu erreichen.

Hat diese Diskrepanz auch etwas mit dem unterschiedlichen Stellenwert der politischen Ratgeber zu tun? In der gegenwärtigen Pandemie haben die Virologen und Intensivmediziner offenbar großen Einfluss auf die Politik. Warum können Sie und Ihre Kollegen davon nur träumen?

Ja, darüber habe ich mich oft auch mit dem ebenfalls aus Niederbayern stammenden Hans Joachim Schellnhuber ausgetauscht, der bis vor Kurzem das von ihm gegründete Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) geleitet hat und einige Jahre auch Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung zum Thema Globale Umweltveränderungen war. Trotz eines guten Kontakts zur Klimakanzlerin Angela Merkel hat die Politik als Ganzes offenbar nicht auf die Klimaexperten gehört, sondern eher auf die in den Parlamenten reichlich vertretenen Repräsentanten von Industrie und Energiewirtschaft.

Trotz eines guten Kontakts zur Klimakanzlerin Angela Merkel hat die Politik als Ganzes offenbar nicht auf die Klimaexperten gehört (…).

Welche Rolle kann Ihr großes Thema „Wasserstoff“ in der Zukunft spielen?

Entscheidend ist, dass es gelingt, dem grünen Wasserstoff zum Durchbruch zu verhelfen. Grün darf sich Wasserstoff nur nennen, wenn der Strom aus erneuerbaren Energien wie Wind und Sonne kommt. Nur diese Form ist sicher CO2-neutral. Als Brücke in ein neues Wasserstoffzeitalter könnte der blaue Wasserstoff dienen, bei dessen Herstellung zwar CO2 entsteht, aber dank unterirdischer Lagerung nicht in die Atmosphäre entweicht. Keineswegs CO2-neutral ist dagegen der graue Wasserstoff, der nicht gespeichert wird und den Treibhauseffekt sogar verstärkt. Beim türkisen Wasserstoff entsteht unter anderem fester Kohlenstoff, der von der Industrie unter anderem für Farben und Lacke genutzt werden könnte, freilich ohne positive Klimaschutz-Effekte.

Ist der Durchbruch von grünem Wasserstoff in Deutschland ohne internationale Partnerschaften, also ohne Importe aus dem Ausland, überhaupt möglich?

Weil dies unrealistisch erscheint, gelten internationale Wasserstoffpartnerschaften ja als Schwerpunkte der Nationalen Wasserstoffstrategie. Dennoch könnten wir auch national, also in Deutschland selbst, weitaus besser voranschreiten. Zum Beispiel sind mit Wasserstoff angetriebene Eisenbahnzüge bereits heute durchaus mit Dieselloks konkurrenzfähig. Dennoch stoße ich bei solch ganz konkreten Kostenvergleichen gerade in Bayern immer wieder auf Bedenken, die ich nicht nachvollziehen kann, etwa wenn mir immer wieder entgegengehalten wird, dass wir die Lokomotiven doch schon für die nächsten zehn Jahre bestellt haben.

Das klingt nach einem hohen Frustrationspotenzial. Was treibt Sie dennoch an?

Für mich steht die Erhaltung der Schöpfung, die Zukunft der Welt und ganz konkret meiner Familie ganz oben, und dafür engagiere ich mich. Wir brauchen einen Bewusstseinswandel, individuell und als Kollektiv, dazu gehören positive Bilder. Angst jedenfalls ist das Gegenteil zur Hoffnung, die wir dringend benötigen. Aus der Coronakrise etwa kommen wir letzten Endes nur heraus, wenn wir in die gesellschaftliche Debatte auch positives Denken einbringen. Ganz generell müssen wir uns stets bewusst machen, dass Leben nichts anderes als Veränderung heißt und zum Beispiel hohe Exportquoten, denen wir gerade in Ostbayern den Wohlstand der letzten Jahrzehnte verdanken, zwar letzten Endes gut für den Weltfrieden sind, aber auch starke internationale Abhängigkeiten erzeugen.

Michael Sterner

Nach einer Ausbildung im Elektrohandwerk legte Michael Sterner in seiner Geburtsstadt Passau das Technische Abitur ab. Es folgten zwei Jahre Entwicklungsdienst in Kenia zu PV-Diesel-Hybridsystemen, ehe Sterner an der Ostbayerischen Hochschule Regensburg sein Studium der Mechatronik mit begleitender Zusatzausbildung in Umwelttechnik aufnahm. Nach weiteren Studien, Praktika und Arbeiten zu Solarenergie und Energiewirtschaft unter anderem in Spanien, Chile und Indien sowie dem Masterabschluss in Oldenburg wurde Sterner wissenschaftlicher Referent im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen. 2009 promovierte Sterner in Kassel über regenerative Energiesysteme mit Power-to-Gas. Heute ist er ein international gefragter Gutachter und wissenschaftlicher Ratgeber in Sachen Energie. Michael Sterner hält zudem Gastvorlesungen in Chile, Algerien oder Taiwan und engagiert sich als einer der Leiter der Forschungsstelle Energienetze und Energiespeicher (FENES) der OTH Regensburg vor allem für die „Wasserstoffrepublik Deutschland“.