Finanzen
19. April 2022 5:52  Uhr

Eine „atmende Regulierung“ ist erforderlich

Kryptowährungen wie etwa der Bitcoin sind nicht nur digital und dezentral, sondern auch stark volatil. Experten warnen dennoch vor einer Verbotsdebatte in Deutschland.

Der weltweite Geld- und Währungswettbewerb ist längst in vollem Gange. Foto: Parilov – stock.adobe.com

Von Gerd Otto

REGENSBURG. Für Philipp Hartmannsgruber, den Gründer der Blockchain-Beratungsfirma PJAH Consulting, lässt sich die aktuelle Situation der Kryptowährungen sehr gut mit der zeitlichen Entwicklung des Internets vergleichen. „Bitcoin und Co. stehen demnach etwa auf dem Niveau des Jahres 1998“, meinte er im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der Friedrich-Naumann-Stiftung, die sich unter anderem mit der Frage „Krypto-Coins statt Euromünze?“ beschäftigte. Hartmansgruber erinnerte daran, dass vor rund 20 Jahren mit Wikipedia, den für jedermann erschwinglichen I-Pods und Handys oder auch den sozialen Netzwerken ein Meilenstein dem anderen folgte.

Währung mit europäischen Werten

Die Kryptowährung Bitcoin ihrerseits startete 2008 auf der Basis der Blockchain-Technologie mit dem „Whitepaper“ des legendären japanischen Pioniers Satoshi Nakamito. Sie gilt im Vergleich zu den Fiatwährungen wie dem US-Dollar und dem Euro, die nicht an den Preis eines Rohstoffes wie Gold oder Silber gebunden sind, als digital und vor allem als dezentral. Auf diese europäischen Werte, wie er die Dezentralität und Subsidiarität nannte, bezog sich auch der FDP-Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler. Er forderte von Deutschland und der Europäischen Union eine „atmende Regulierung“, die das Phänomen des gesamten Kryptobiotops auch tatsächlich verstehe. In diesem Zusammenhang warnte der Gründer der Denkfabrik „Prometheus“ auch vor einer Verbotsdiskussion in Sachen Kryptowährungen.

Bitcoin-Mining mit Grünstrom

Wie anpassungsfähig etwa Bitcoin als die am weitesten verbreitete aller Kryptowährungen reagieren könne, habe sich gezeigt, als China das Mining von Bitcoins verbieten zu müssen glaubte: „Die Miningpools, um Bitcoins zu schürfen, wanderten einfach in die USA weiter.“ Mit solch kollektiven, in Anlehnung an die Suche nach Gold „Mining“ genannten Aktivitäten kann die Rechenkapazität aller Nutzer gebündelt und die Entlohnung in Bitcoin entsprechend aufgeteilt werden. Laut Cambridge Centre for Alternative Finance beanspruchen die Bitcoin-Rechner weltweit hochgerechnet auf ein Jahr rund 140 Terawattstunden Strom, was etwa einem Viertel des deutschen Stromverbrauchs entspricht. Hier sieht Schäffler gerade bezüglich des Klimaschutzes interessante Perspektiven. Schließlich könne ein Bitcoin-Miner seine Anlage durchaus direkt neben einem Wasserkraftwerk betreiben, die Rechenzentren der Banken dagegen würden wohl kaum aus Frankfurt zu einem Geothermiewerk nach Island ziehen.

„Macht der Politik eingrenzen“

Die Kursentwicklung der Kryptowährungen, darauf verweist Philipp Hartmannsgruber, hat sich als äußerst schwankend erwiesen, mit Ausnahme von Stablecoin, einer digitalen Währung, die an einen stabilen Reservewert wie den US-Dollar oder Gold gekoppelt ist. Dass speziell einige Entwicklungsländer gerade dabei sind, mit digitalen Instrumenten ganze Entwicklungsphasen herkömmlicher Währungspolitik zu überspringen, bestätigt auch Prof. Dr. Gunther Schnabl (Universität Leipzig). Dank der Kryptowährungen könne jeder ein Konto haben, seine Ersparnisse ohne Wertverluste verwahren sowie kostengünstig Geld erhalten und transferieren: „Der Bitcoin schafft so einen bedeutenden Wohlfahrtsgewinn für die Menschen in Entwicklungsländern und kann die Macht der Politik eingrenzen.“

Und welche Rolle wird künftig der digitale Yuan spielen? Gunther Schnabl sieht dies als Versuch, die Dominanz des Dollars und des Zahlungssystems Swift zu brechen. In der EU würden ein Bitcoin-Verbot oder auch eine Bargeldabschaffung den Vertrauensverlust in den Euro weiter beschleunigen, insbesondere auch deshalb, weil der digitale Euro die Stabilität des europäischen Bankensystems unterwandern könne.

Interview

Bitcoin als ernste Alternative

Prof. Dr. Gunther Schnabl vom Institute for Economic Policy der Universität Leipzig erklärt im Interview, was Bitcoin als Krisenwährung auszeichnet, wo er die Dienstleistungen der Banken übernimmt – und wo er das nicht kann.

Hier geht’s zum Interview …